Sorgenvoller Februar

5. Februar 2017 - 8:45 | Thomas Ferstl

Drei Filme für den kurzen Monat – Projektor, die a3kultur-Kinokolumne

Da ich mein Zeichenlimit für diesen Monat bereits für die folgenden Rezensionen ausgereizt habe, muss ich mich hier kurzfassen. Also, bevor Sie ganz unten mit Erschrecken feststellen, dass Sie hier nichts über den zweiten Teil von »Fifty Shades of Grey« gelesen haben, hier meine Meinung: Wenn Sie da reingehen, können Sie Ihr Geld auch gleich als Toilettenpapier benutzen. Besser beraten sind Sie auf jeden Fall mit einem der folgenden drei Filme:

Saßen Sie schon einmal in einem dieser Kaffee-Etablissements der Stadt und haben bei einem Cappuccino darüber nachgedacht, wie eigentlich das Leben der ganzen jungen Muttis und Vatis um sie herum aussieht? Wenn ja, dann liefert Ihnen Marie Kreutzers »Was hat uns bloß so ruiniert« (9. Februar, Kinodreieck) Antworten. Wenn nicht, wird er Sie sicherlich trotzdem amüsieren. Die sechs bourgeoisen Bohemiens Mitte 30 sind total individuell und am Ende doch genau gleich und wie alle anderen sowieso. Stella (Vicky Krieps), Ines (Pia Hierzegger), Mignon (Pheline Roggan), Markus (Marcel Mohab), Chris (Manuel Rubey) und Luis (Andreas Kiendl) achten darauf, dass die Birnen bio sind und das Handy von Apple, und neben den Balkontomaten wächst auch der Kinderwunsch stetig heran. Natürlich bleibt für sie aber immer klar, dass man trotz wacher Nächte und voller Windeln nicht gleich zum Spießer werden muss. Denn Elternschaft ist natürlich nur eine Frage der richtigen Vorbereitung, und zu irgendwas müssen die ganzen Ernährungs- und Erziehungsratgeber und -kurse ja gut sein, aber dann die große Überraschung: Plötzlich ist das selbstgefällige Hipsterleben vorbei. Viele der Szenen wirken überzeichnet, doch Kreutzer ließ die Kollegen von den Salzburger Nachrichten wissen, dass vieles aus dem Film genau so passiert sei. In der Tat kommen mir einige Szenen von Besuchen im Bio-Supermarkt, dem hippen Ecklokal oder Beobachtungen auf der Straße äußerst bekannt vor. Detailliert bis zu den Bionudeln erzählt dieser Film unterhaltsam von sechs überzeugend gespielten Individuen und ihren Erfolgen und Niederlagen rund ums Kinderkriegen, ohne dass diese dabei von politischen oder wirtschaftlichen Sorgen geplagt würden.

Um die Sorgen eines gebeutelten Kindes geht es in Claude Barras’ Animationsfilm »Mein Leben als Zucchini« (16. Februar, Kinodreieck). Zucchini wächst bei seiner alkoholkranken und gewalttätigen Mutter auf. Als sie plötzlich stirbt, landet der Neunjährige im Kinderheim von Madame Papineau. Dort lernt er andere Kinder kennen, die ebenfalls aus schwierigen Verhältnissen stammen. Der Umgang mit diesen besonderen Mädchen und Jungen ist nicht immer leicht, aber mit ihnen zusammen versucht er, seinen Platz in der Welt, Freunde und eine neue Familie zu finden. Doch dann will ihn seine Tante Camille zu sich holen und den frisch verliebten Zucchini von seiner Heimfamilie losreißen. Liebevoll und aufwendig im Stop-Motion-Verfahren gefilmt, spricht dieser Animationsfilm durch seine Reife das erwachsene Publikum an und nimmt gleichzeitig sein junges Publikum ernst, indem er ihm offen die schönen, aber auch die schrecklichen Seiten des Lebens respektvoll verständlich macht.

Verständlich machen muss sich auch die Hauptfigur in Gore Verbinskis »A Cure for Wellness« (23. Februar, CinemaxX) so einiges. Weil der Chef einer Firma viel zu lange in einem Wellness-Center in den Schweizer Alpen verweilt, macht sich der ehrgeizige junge Angestellte Mr. Lockhart (Dane DeHaan) auf in die Berge, um seinen Vorgesetzten zurückzuholen. Dort angekommen, erkennt er bald, dass die Einrichtung nicht der idyllische Heiltempel ist, als den sie sich nach außen hin präsentiert. Lockhart stellt zu viele Fragen, erleidet einen Unfall, und schließlich wird bei ihm die seltsame Krankheit diagnostiziert, die hier alle Patienten festzuhalten scheint. Unter Aufsicht des mysteriösen Spa-Direktors (Jason Isaacs) beginnt auch seine Behandlung und sein Verstand wird auf die Probe gestellt. Gemeinsam mit Langzeitpatientin Hannah (Mia Goth) stellt Lockhart jedoch gleichzeitig Nachforschungen an, um dem Geheimnis der vermeintlichen Heilanstalt auf den Grund zu gehen. Gedreht wurde »A Cure for Wellness« überwiegend auf der Hohenzollernburg bei Bissingen in Baden-Württemberg. Regisseur Verbinski schuf eine beklemmende Dystopie, die atmosphärisch an Dramen wie »Alles, was wir geben mussten« oder Psychothriller wie »The Shining« und »Shutter Island« erinnern. Ob sich die 8,1 Millionen Euro, die der Deutsche Filmförderfonds hier investiert hat, gelohnt haben, wird sich erst an den Kinokassen herausstellen, denn für die breite Masse scheint dieser Film nicht geeignet. Fans und Liebhaber der oben genannten Werke werden aber voll auf ihre Kosten kommen.

Foto: Das Leben im Waisenhaus verbindet Zucchini (links) und seinen Schwarm Camille in »Mein Leben als Zucchini«

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