Stalker

1. Dezember 2016 - 8:02 | Jürgen Kannler

Für das Gespräch mit Franz Dobler traf Jürgen Kannler den Autor im Park unweit seiner Wohnung. Hier, im Schatten des alten Jugendknasts Café Hochfeld, war man ungestört, keiner hörte mit. Seit dem Vortag stand sein Roman »Ein Schlag ins Gesicht« auf der Krimi-Bestenliste der Zeit.

a3kultur: In deinem neuen Roman fallen einige biografische Parallelen zwischen dem Ex-Polizisten Robert Fallner und dem Autor Franz Dobler auf. Beide wurden zum Beispiel adoptiert. War für dich der Zeitpunkt gekommen, diesen Teil deiner Geschichte aufzuarbeiten?
Franz Dobler: Ich hatte das so nicht geplant, hatte aber auch keine Lust, das Thema zu vermeiden, als ich gemerkt habe, dass die Geschichte in diese Richtung geht. Ich habe keine Ahnung, wie vielen Leuten das überhaupt auffällt. Es ist für den Leser auch nicht wirklich wichtig, um Spaß an dem Buch zu haben oder die Geschichte zu verstehen. Im Roman gehören das ganze Thema Eltern, Kinder, Beziehungen und die damit verbundene Familienpsychologie zu einem Strang, der unter der Oberfläche läuft. Ich weiß nicht, wie das bei den Lesern ankommt, aber mir war es wichtig, damit arbeiten zu können.

Du schreibst über die Fallners. Der Ex-Bulle kommt im Sicherheitsunternehmen seines älteren Bruders unter. Ihr Verhältnis ist nicht ganz einfach. Sein erster Job ist es, eine Schauspielerin im besten Alter von ihrem Stalker zu befreien. Sie lebt mit ihrem erwachsenen Sohn im selben Haus, auch diese Beziehung ist nicht ganz einfach. Das Ganze könnte man auch als Familienroman lesen.
Ich fange mit dem Schreiben an, sobald von der Geschichte ein bestimmtes Gerüst steht, das zu dem Zeitpunkt noch gar nicht stabil sein muss. Beim Arbeiten daran entdecke ich dann Dinge, an die vorher noch gar nicht zu denken war oder die zumindest noch sehr unklar für mich waren. Und auf einmal merke ich, ah, das interessiert mich jetzt, da taucht etwas Klares auf. Die Dinge müssen zusammenpassen. So kam ich auch auf diese familienpsychologische Geschichte. Wusstes du, dass Stalking ist ein typisches Beziehungsdelikt ist?

Wie Mord? Der passiert auch meistens zu Hause – oder auf dem Schlachtfeld.
Es gibt wenig sichere Zahlen dazu und kaum ernsthafte Untersuchungen, aber eine gibt es, die relativ neu ist und bei mindestens 70 Prozent der Stalker-Fälle von der Beziehungstat eines Mannes an einer Frau ausgeht, die er gut kennt, mit der er oft sogar verwandt ist.

Viele Männer können nicht loslassen. Und dann kommt oft noch der Ehrbegriff ins Spiel.
Genau. Das klingt ziemlich banal, aber so ist es meistens. Die Frau sagt dann: »Hey, verpiss dich!«, und der Mann kann es einfach nicht hinnehmen. Robert, meine Hauptfigur sagt am Anfang der Geschichte zu Simone, die er schützen soll: »Hey, ich kenn mich überhaupt nicht aus in dem Bereich, such dir jemanden, der es draufhat.« Aber nein, genau er soll den Job machen, und deshalb muss er sich vorher informieren, genau wie ich es musste.

Du zeichnest Frauen, die wissen, wo es langgeht. Warum schneiden die Jungs in dem Buch so schlecht ab?
Das ist natürlich die Frage, ob sie das wirklich tun. Gunter Blank, einer der besten Krimispezialisten, die ich kenne, hat bei der Frankfurter Buchmesse gesagt, »Ein Schlag ins Gesicht« sei ein Frauenroman, und in dem Moment sagte ich spontan: »Ja, genau! Es stimmt, und ich find es klasse!« Darauf sagt er: »Falls du denkst, deine Hauptperson ist dieser Ex-Bulle, dann vergiss es.« Ich bin echt verblüfft, aber anscheinend kommt meine Hauptperson, zumindest die zweite Hauptperson, immer kaputter an, als ich das selber sehe.

Er hat ein größeres Alkoholproblem, er kann nicht schlafen, er muss irgendeinen Job bei seinem großen Bruder annehmen. Der Typ ist eigentlich komplett fremdgesteuert.
Nun ja, vielleicht steht es in Wahrheit schlimmer um ihn, als es mir vorkommt.

Für Robert Fallners Verhältnisse mag es ihm in deinem neuen Roman ja gut gehen. Zumindest wenn man bedenkt, dass er in deinem ersten Buch fast nur in einer paranormalen Zwischenwelt herumirrte.
Auch rein äußerlich betrachtet gibt es zwischen den beiden Geschichten einen großen Unterschied. »Ein Schlag ins Gesicht« ist eine Story, die in wenigen Wochen aberzählt ist. Beim »Bullen im Zug« habe ich versucht, die Zeit in die Länge zu ziehen. Mein Ziel war es auch, zu verwischen, ob wir nun von einem halben Jahr sprechen oder von zwei Jahren. Im Vergleich dazu sind die Zeiträume nun sehr eng und Robert macht in dieser Zeit seinen Job. In diesem Sinn funktioniert er, auch wenn er ständig versucht, seine Ex zu erreichen. Er überlegt an einer Stelle sogar, ob er mit diesen Anrufen nicht selbst schon ein Stalker ist.

Viele von den Frauen, über die du schreibst, kommen dermaßen cool und sexy daher, dass beim Lesen die schönsten Bilder aus Russ-Meyer- oder Quentin-Tarantino-Filmen auftauchen. Denk an die Türsteherin im Club, denk an die Mädels von der Band, denk an die Witwe des Oberzuhälters oder dann natürlich an Simone Thoma, den Star aus hundert Sexfilmchen der 70er und tausend Folgen aus dem Frauenknast.
Im Mittelpunkt steht diese eher berüchtigte als berühmte Schauspielerin. Sie ist wie eine Lady Frankenstein, von mir zusammengeschustert aus mehreren Frauen, die mit dieser Münchner Billigfilmszene zu tun hatten und später darüber berichtet haben. Speziell Frauen, die bei diesen oft richtig schlechten Filmen mitgemacht haben, wo es meistens nur darum ging, sich auszuziehen. Das war eigentlich eine Opferrolle, möchte man meinen. Aber Simone sagt ganz selbstbewusst, ihr sei die Sache wichtig gewesen, weil sie dadurch das Geld verdienen konnte, um ihre Selbstständigkeit zu finanzieren. Es ging ihr um Freiheit. Und ich wollte jemanden, der diesen Standpunkt in die Geschichte reinbringt, und nicht jemanden, der heute über die Zeit damals sagt: »Das war alles totaler Blödsinn.«

Mir gefällt auch, wie Simone mit ihrer Geschichte umgeht. Mir gefällt die klare Einordnung, die sie vornimmt, indem sie sagt, natürlich hätten sie Kultur gemacht. Es war wie Disko, Fotokunst und andere Formate, die bei manchen heute noch durchs Kulturraster fallen. Sie verstand sich immer als Kulturarbeiterin.
Mir war lange nicht bewusst, dass die ersten Filme von François Truffaut oder Jean-Luc Godart alles Krimis waren. Das waren Actionfilme, keine Kunstfilme.

Sie hatten ihre Vorbilder im US-Kino, wo die schweren Jungs mit den großen Knarren schon immer eine wichtige Rolle spielten. Bestimmt ging es ihnen so ähnlich wie dir und sie hegten eine Sympathie für Typen wie Jesse James und Jonny Cash, die bösen Jungs also. Heute schreibst du über die Jungs auf der anderen Seite der Linie. Aber so richtig brav gelingen die ja auch nicht. Dennoch, Robert Fallner hat ein klares Selbstverständnis von dem, was er macht, er weiß, was richtig ist und was falsch, oder?
Er ist auf jeden Fall ein Ex-Polizist, der nicht aus dem Job ausgestiegen ist, weil er dieses System nicht mehr packt. Er ist wegen seiner persönlichen Geschichte raus. Und er hat ein klares Bild von Gut und Böse. Das muss aber gar nichts mit dem gültigen Gesetz zu tun haben. Es gibt ja mehrere Vorstellungen von Gut und Böse, das Gesetz definiert vielleicht eine davon. Nach seiner Vorstellung sollte er zum Beispiel auf keinen Fall mit seiner Kundin Sex haben, und sie sagt dann nur zu ihm: »Wer hat denn diesen Scheiß erfunden, Adolf Hitler oder wer?«

Wie wichtig ist Musik für deine Arbeit? Welche Rolle spielt Rhythmus für dich, wenn du schreibst, wenn du die Texte in eine Form bringst?
Es gibt eigentlich zwei Strukturen in meinen Büchern. Die eine ist relativ grob und hat mit Musik nichts zu tun, aber bei der feineren, sagen wir mal innerhalb eines Kapitels oder innerhalb einer Seite, da spielt Musik eine Rolle bei meiner Vorstellung davon, ob die Sprache stimmt.

Das merkt man auch bei deinen Lesungen.
Da wird es vielleicht deutlicher, ja.

Du bist Plattensammler und DJ, hast eine beachtliche Menge an CDs zusammengestellt, bringst also eine Menge an Sounderfahrungen mit und diese auch sehr direkt in die Texte ein. Ist das Musik, die du auch hörst, wenn du Texte schreibst? Um dich in Stimmung bringen?
Ich benutzt manchmal bestimmte Dinge, um dahin zu kommen, wo ich hin will, ja. Stell dir vor, du fängst morgens um 10 Uhr zu arbeiten an, draußen scheint die Sonne. Irgendwelche unlustigen Sachen stehen auf dem Plan und denkst dir, was mach ich jetzt eigentlich hier am Schreibtisch. Aber man macht es halt, und da helfen manchmal bestimmte Dinge. Früher hätte man in dem Moment Drogen genommen, doch es geht auch ein bisschen einfacher. Und hier tauchte bei mir eben plötzlich Blondie auf und ich merkte, das passt. Debbie Harry ist nämlich ebenfalls ein adoptiertes Kind. Deswegen spricht Simone auch von Blondie. Sie hörte die Musik in den 70ern und mochte sie sofort. Sie ist genau wie die Sängerin ein adoptiertes Kind und dabei eine Persönlichkeit, die diesen Teil ihrer Gesichte sehr offen thematisiert. Deswegen sind sich die zwei Figuren so nah. Ob ich das gut finde oder nicht, das spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle.

Und du, findest du Debbie Harry gut?
Auf jeden Fall!

Reale Figuren in einen Roman reinzunehmen, kann Atmosphäre schaffen. Aber ob die Leser immer wissen, wovon Simone spricht, wenn sie von »damals« erzählt?
Die Gefahr dabei ist natürlich, dass man das Geschehen mit Informationen überfrachtet, nur weil jemand sagen könnte, ich kapiere das überhaupt nicht. Es ist oft schwierig, die Balance zu halten.

Eine andere Hauptrolle in diesem Roman spielt München. Du zeichnest von der Stadt ein Bild, das sehr stark an das München von Friedrich Ani in seinen Tabor-Süden-Krimis erinnert. An einer Stelle baust du sogar einen Gruß von Fallner an den Kollegen Süden ein. Schwingt für dich eigentlich viel Wehmut mit, wenn du daran denkst, seit bald zwanzig Jahren in Augsburg zu leben?
Der Begriff Wehmut ist eindeutig zu stark. Ich vermisse München manchmal, aber gar nicht so in dem Sinne, dass ich da sein möchte, sondern einfach weil ich da lange gelebt habe, dort nette Menschen kenne, Freunde habe und weil eine größere Stadt manchmal einfach interessanter ist als eine kleinere. Ich fand es echt witzig, dass die FAZ-Besprechung von »Ein Schlag ins Gesicht« sinngemäß damit anfing, dass an diesem makellose München-Image als reichster Stadt des Landes mit ewig weiß-blauem Himmel und FCB als Meister nichts dran sei kann, wenn man Friedrich Ani, Max Bronski und mir glauben mag. Ich freue mich, dass mich die FAZ zu diesen Leuten zählt, die ich wirklich sehr schätze.

Simone war in den 70er- und 80er-Jahren Teil der Münchner Szene, die damals recht sexy aus Disko, Boxkämpfen und dem Filmgeschäft bestand. In diesen Milieus war die Stadt damals auch im internationalen Vergleich ganz gut aufgestellt. Dieser Mix ist Vergangenheit und wird in billigen Privat-TV-Formaten hilflos nachgespielt.
Das ist nur ein ganz schwacher Abklatsch davon. Speziell die 70er-Jahre waren unvorstellbar. Die Mischung aus Fassbinder und diesem ganzen Kunstbereich, für den er stand, in Verbindung mit den Stones, Queen oder Giorgio Moroder, die hier ihre Aufnahmen gemacht haben – und dann wurde in zu dieser Zeit in München auch noch die Peepshow erfunden. Ich selber habe ja nur noch die Ausläufer davon mitbekommen, aber auch die hatten es noch in sich. Zumindest der Sound of Munich wurde inzwischen aufgearbeitet. Dieses Echo kann man heute noch spüren. Und so kommt es, dass die junge Girlgroup in meinem Buch diese alte Schauspielerin einlädt. Die Mädels verehren Simone, und dann krachen mal so eben zwei Generationen aufeinander.

Am 6. Dezember präsentiert a3kultur Franz Dobler, sein neuestes Werk und ein Künstlergespräch, moderiert von unserer AZ-Kollegin Miriam Zissler in der Golden Glimmer Bar, Beginn 21 Uhr. Im Anschluss wählt Uli Mühlegger die Musik für uns aus. Tickets zum a3kultursalon sind im Vorverkauf der Golden Glimmer Bar zu haben. Reservierung bregrenzt unter: jk@a3kultur.de

Foto: Frauke Wichmann

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