Starker Reiz

27. September 2017 - 8:56 | Jürgen Kannler

Ohne festes Haus, dafür mit einer Interimsspielstätte im martini-Park startet das Theater Augsburg in die Saison 17/18. Zur neuen Führungsriege um André Bücker gehört auch Daniel Herzog. Als Operndirektor hat er mit dem Freischütz die erste Premiere dieser Spielzeit wesentlich mit zu verantworten.

a3kultur: Herr Herzog, Sie waren die letzten Jahre künstlerischer Betriebsdirektor und Chefdisponent am Pfalztheater in Kaiserslautern. Mit der Spielzeit 2017/18 sind Sie im Team um den neuen Intendanten André Bücker Operndirektor in Augsburg. Was macht die Stadt mit ihrer gegenwärtig sehr speziellen Theatersituation für Sie reizvoll?

Daniel Herzog: Die Aussicht, nach zwölf Jahren künstlerischer Abstinenz Regietheater unter Bedingungen zu machen, die die Rückbesinnung auf das Wesentliche fordern, ohne viel Hightech, dafür mit tollen Stimmen zu arbeiten und mit Regisseuren, die mit der speziellen Situation an unserer Interimsstätte im martini-Park handwerklich klarkommen, das hat schon einen starken Reiz auf mich ausgeübt.

Wenn Sie Ihre Arbeit im martini-Park gut machen, werden sich die Bürger vielleicht fragen, warum ein Theaterneubau überhaupt sein muss.

Das glaube ich nicht. Auch wenn wir in den kommenden Jahren in den Interimsspielstätten überzeugen, und das werden wir, ist das Bauprojekt unabdingbar. Nach einigen Jahren ist der Reiz einer Ersatzspielstätte verbraucht. Die allgemeinen Sehgewohnheiten sind heute auf einem Niveau, das befriedigt werden will. Dafür brauchen wir ein modernes Theater.

André Bücker kennt Sie aus gemeinsamen Tagen in Dortmund. Er hat Sie gezielt in sein Team geholt. Domonkos Héja ist schon seit zwei Jahren in Augsburg. Wie entwickelt sich die Zusammenarbeit mit dem GMD?

Natürlich war Herr Héja bei der Erarbeitung des neuen Spielzeitplans voll eingebunden. Wir kennen uns demnach schon einige Zeit. Die Neuinszenierungen stimmten wir natürlich gemeinsam ab. Da musste man zuerst einmal genau überlegen, was im martini-Park überhaupt geht, und prüfen, ob wir das Ensemble dafür haben. In dieser Phase war auch der Erste Kapellmeister Lancelot Fuhry ein wichtiger Partner. Im Team geht vieles Hand in Hand, jeder wird eingebunden und kann sich einbringen. Auch die Planung des Konzertprogramms verlief sehr einvernehmlich.

Ihre Spielzeitplanung sieht sieben Neuinszenierungen vor, inklusive einer Kinderoper und der Produktion für die Freilichtbühne. Außer dem »Freischütz« und Verdis »La forza del destino« finden sich keine Klassiker im Programm. Auch auf der Freilichtbühne verzichten Sie auf die sichere Bank des großen Namens und setzen stattdessen auf eine Uraufführung mit dem Fugger-Musical »Herz aus Gold«. Ob das alles gut geht?

Unser Programm zeigt, was wir wollen und was wir können. Das ist natürlich ein sehr weites Spektrum. Nehmen Sie den »Freischütz«. Der stand in Augsburg das letzte Mal vor 35 Jahren auf dem Programm. Dass die Inszenierung von Hinrich Horstkotte nicht ganz so klassisch daherkommt, davon können Sie ausgehen. Dieser Regisseur und hervorragende Ausstatter kann Geschichten erzählen. Von Weber hat bis in die kleinste Partie eine schaurig-schwarze Romantik sehr anspruchsvoll in Szene gesetzt und wir können bereits bei der ersten Inszenierung zeigen, zu was wir im martini-Park alles in der Lage sind. Inklusive nass geschwitztem Inspizienten nach 80 Lichteinstellungen, die im Finale in dreieinhalb Minuten gefahren werden müssen.

Bei »Roxy und ihr Wunderteam«, einer Paul-Abraham-Operette aus den 1930er-Jahren, geht es um Fußball. Wollen Sie mit diesem Thema »bildungsferne Schichten« fürs Theater interessieren, wie es Kulturreferent Weitzel in Ihrem Spielzeitbuch fordert?

Operetten und Musicals gehören zum weiten Feld des Unterhaltungssektors mit oft großem Publikumszuspruch. Zugleich erfahren gut inszenierte Operetten seit einigen Jahren ihre verdiente Renaissance. In den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts waren das oftmals gleichermaßen freche wie bunte Ereignisse, die Normen gerne durchbrachen. Von den Nazis wurde das Genre erst gekapert, dann unter einer schweren braunen Sauce aus Heimattümelei ertränkt. In einer Fußballstadt wie Augsburg das Thema auf den Spielplan zu setzen, ist für mich nicht so weit hergeholt. Wenn wir damit Musik- wie Fußballfans erreichen, was sich im Übrigen nicht ausschließt, umso besser. Ein Theaterspielplan sollte sein wie eine gute Speisekarte, da muss für jeden etwas dabei sein.

Demnach zielen Sie mit »Prima Donna« auf ein Publikum, das sowohl klassik- als auch popaffin ist.

Komponist dieser Oper ist Rufus Wainwright. Bei dieser deutschen Erstaufführung gibt es wirklich erstaunliche gemeinsame Teilmengen mit anderen Kulturbereichen. Viele Fans des Singer-Songwriter- und Pop-Superstars wissen vielleicht gar nicht, dass er auch eine Oper geschrieben hat. Dass Wainwright unserer deutschen Übersetzung zugestimmt hat, freut mich ganz besonders. Für die Uraufführung in New York hat er auf dem französische Original bestanden.

Verdis »La forza del destino« im März wird Chefsache. Haben Sie dem Intendanten das Thema ans Herz gelegt?

Nein, das hat sich ergeben, als wir einen italienischen Stoff gesucht haben, der noch nicht so abgenutzt ist. Von der Geschichte her bringt diese Oper allerdings nicht allzu viel mit. Sie verlangt nach einer einfallsreichen Dramaturgie und ist eine Herausforderung für einen Schauspielregisseur. »La forza del destino« ist nicht das populärste Werk von Verdi und fristet trotz der Glanzpartien der Leonora, die wir ganz großartig mit Sally du Randt besetzen können, und den großartigen Choreinsätzen eher ein Schattendasein.

Mögen Sie persönlich diese schwere italienische Opernkost?

Ich bin »VW-Fan«, liebe also Verdi und Wagner – vorausgesetzt, die Stimmen passen. Leider gibt es kaum noch Sänger, die diese anspruchsvollen Stücke singen können. Verdi hat eben für seine Zeit komponiert. Für solche Partien braucht es Reife, um den Anforderungen zu genügen. Es braucht Spezialisten, nicht nur im Ensemble. Deshalb haben wir auch einen sehr erfahrenen Vocal Coach an Bord geholt.

Wo holen Sie sich Inspiration abseits der Oper?

Für mich ist Kino sehr inspirierend und ich liebe schöne Stimmen. Ich finde, die Qualität der Stimmen ist entscheidend, um eine Geschichte befriedigend zu erzählen. Da bin ich wohl erblich etwas vorbelastet. Meine Mutter war Sängerin, mein Vater Cellist, beide hatten übrigens auch Engagements am Stadttheater in Augsburg, das mir als Opernstadt von Kindesbeinen an ein Begriff war. Heute habe ich das Glück, dass meine Partnerin singt.

Im Mai steht die deutsche Erstaufführung von Lems »Solaris« an, nach einer Komposition von Dai Fujikura. Dieser Stoff wurde bereits vielfach vertont. Warum haben Sie sich für die Arbeit des Japaners entschieden?

Von den fünf Kompositionen, die zur Debatte standen, ist seine am spannendsten. In der Findungsphase hatten wir auch diskutiert, die Oper in dem riesigen Scheibengasbehälter in Oberhausen aufzuführen. Dem ist nun leider nicht so. Dieses Ereignis hätte ich mir recht spannend vorgestellt.

Im Großen und Ganzen präsentieren Sie in Ihrer ersten Spielzeit ein sehr anspruchsvolles Programm. Das ist recht sportlich, birgt aber auch Risiken. Warum bieten Sie dem Publikum nicht wenigstens auf der Freilichtbühne ein Stück, das jeder kennt und für das sich jeder Dritte eine Karte kauft?

André Bücker und ich lieben es sportlich. Wir wissen aber auch, dass man ein Fugger-Musical zu Beginn einer Ära ansetzen sollte. Die Geschichte ist faszinierend, mit Stephan Kanyar und Andreas Hillger haben wir ein erfahrenes Komponisten-Texter-Team verpflichtet. Das Thema passt wunderbar zu Augsburg und auf die Freilichtbühne. Dass wir es mit einem Musical-Klassiker leichter hätten, kann schon sein. Aber es ist ja nicht immer der einfachste Weg, der zum Erfolg führt.

www.theater-augsburg.de

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