Stell Otello auf die Probe

3. Februar 2017 - 8:42 | Julian Stech

Am 19. Februar feiert das Theater Augsburg die Premiere von »Otello«. Julian Stech begleitet für a3kultur die Produktion der Verdi-Oper. Teil 2: Proben

Es ist mal wieder ein verschneiter Vormittag, wie wir ihn schon des Öfteren seit Jahresbeginn hatten, als ich mich mit Regieassistentin Regina Genée an der Pforte des Großen Hauses treffe. Viele Proben fanden noch nicht statt, doch nun sei die Phase gekommen, bei der es für mich als Zuschauer interessant werden könne, sagt mir Genée, als wir an der Brechtbühne vorbei in Richtung Probebühne 1 laufen. Wir betreten den großen, hohen Saal und ich erblicke nur ein bisschen mehr als eine Handvoll Leute – was mich nicht weiter verwundert, denn ich erfuhr bereits per Mail, dass die Proben mit Chor meist abends stattfinden würden, da diese Menschen tagsüber auch noch anderen Jobs nachgehen. Heute steht eine »Otello«-Probe für Solisten auf dem Programm und ich erkenne ein paar Gesichter, die ich bereits bei anderen Stücken sehen und hören durfte. So zum Beispiel Ji-Woon Kim, der den Jago spielt, und Christopher Busietta, der die Rolle des Rodrigo übernimmt. Und dann ist da natürlich noch eine Frau mit Brille, lässiger Kleidung und langen, schwarzen Haaren: Michaela Dicu, die Regisseurin. Ich stelle mich ihr vor, sie heißt mich willkommen und kündigt an, nach einer gemeinsamen Zigarette würde es auch schon losgehen. Während wir vor der Tür rauchen, stimmen sich die Sänger warm, der Dirigent blättert im Skript und die Souffleuse sitzt geduldig auf ihrem Stuhl. Als nun auch noch der Pianist der heutigen Probe eintrifft, kann begonnen werden.

Ich nehme neben der Regieassistentin und der Regisseurin mit frontalem Blick zur Bühne hinter dem langen Tisch Platz, auf dem sich die Operndrehbücher, Notizblöcke, ein Coffee-to-go, eine Banane, eine Packung M&M’s und eine Tüte von Friedberger Landbrot zu einem kurzzeitigen Stillleben koaliert haben. Dicu sitzt nicht lange und geht auf die vier Männer zu, die für die Szene ihre Plätze stehend wie liegend eingenommen haben. Was folgt, ist eine Ansprache von ihr, eine wortreiche Einstimmung auf die sogenannte »Sturmszene«. Dicu geht die einzelnen Bewegungsabläufe nochmals durch, extrahiert die Gefühle aus dem Drehbuch und vermittelt diese psychischen Zustände der Charaktere an deren Schauspieler. Sie übersetzt die Energie aus dem Skript in diesen Raum und tut dies mit Leidenschaft und Ernsthaftigkeit. Dennoch ist die Stimmung locker und der Umgang miteinander sehr freundschaftlich und heiter. Nachdem jeder Sänger sein Einverständnis signalisiert hat, geht es nun wirklich los. Der Dirigent gibt das Zeichen und der Pianist fängt an zu spielen. Die beiden übernehmen noch dazu den Chorgesang. Es sind nur wenige Unterbrechungen, die nun folgen, meist wegen kleiner Timing-Fehler bei bestimmten Schrittfolgen oder wenn Dicu einen Einfall hat, Blicken und Bewegungen noch mehr Raffinesse zu verleihen. Sie sitzt, steht, sitzt und steht wieder auf, beobachtet, kommentiert und lobt. Auch werden Ideen vonseiten der Solisten ausprobiert und für gut befunden. Dicu äußert ihre Zufriedenheit mit einem lauten »Ja, Mann« und einem großen Lächeln im Gesicht. Der Gesang ist grandios und ich bekomme Gänsehaut, sobald Antonio Yang loslegt, um seine Stimme durch den ganzen Raum bis zu den hohen Decken schallen zu lassen. Als die Szene schon nach rund zwanzig Minuten »im Kasten« ist, bin ich mehr als beeindruckt. Kaum zu glauben, dass erst knapp eine Woche zusammen geprobt wurde. Doch wenn das Miteinander harmonisch abläuft, gelingt wohl auch die Arbeit effizienter.

Es sind Probenkostüme, die die Sänger tragen. »Bei den jeweiligen Kostümen kann sich bis zum Schluss immer noch etwas ändern, da wir erst sehen müssen, ob sich während des Probenverlaufs Charakter und Äußeres stimmig gemeinsam entwickeln und die Outfits auch genug Handlungsspielraum für Bewegungen lassen«, erklärt mir Dicu. Auch die weiteren Szeneneinstudierungen machen mir Spaß beim Zuschauen und präsentieren das Theater hinter den Kulissen von seiner besten Seite: nette, kreative Leute, denen ihr Beruf sichtlich Spaß macht, die sich untereinander respektieren und deren gemeinsames Ziel es ist, das Bestmögliche aus dem Werk herauszuholen. Glücklicherweise kann Ende Januar auch noch zweimal im Kongress am Park geprobt werden, um mit der neuen Spielstätte auf Tuchfühlung zu gehen. Am Sonntag, 19. Februar, heißt es dann Premiere und somit getane Arbeit für Michaela Dicu – und hoffentlich stehende Ovationen für die Sängerinnen und Sänger. Otello, jetzt bist du fast da!

Weitere Termine: 21. Februar, 2., 11., 19. und 29. März, 11., 24. und 29. April sowie 12. Mai
www.theater-augsburg.de

Foto: »Otello«-Regisseurin Michaela Dicu im Gespräch mit den Solisten Ji-Woon Kim, Christopher Busietta und Antonio Yang (von links). (Foto: Julian Stech)

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