Suche nach kleinen Welten

10. Juli 2017 - 18:17 | Patrick Bellgardt

Intensive Tourtage liegen vor Hannes Ringlstetter und seiner Band. »Paris. New York. Alteiselfing« heißt das Programm, das ihn im Juli und August durch ganz Bayern führt. Ein Interview

a3kultur: In deinem Buch »Paris. New York. Alteiselfing« berichtest du von einer »Ochsentour durch die Provinz« – du hast lange auf den Durchbruch gewartet. Inwiefern haben dich diese Jahre geprägt?
Hannes Ringlstetter: So blöd und kokett es klingt: Es hilft schon, wenn man da herkommt, wo ich herkomme. Man neigt nicht dazu, abzuheben. Durch meine Vergangenheit habe ich es mir bewahrt, relativ geerdet zu bleiben und mich von roten Teppichen oder Ähnlichem nicht beeindrucken zu lassen. Dabei habe ich die Leidenschaft für die Musik und das Entertainment nicht verloren, im Gegenteil: Es macht mir immer mehr Spaß. Das galt für die 20 Jahre ohne Erfolg ebenso wie für die letzten zehn relativ erfolgreichen Jahre.

»Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern«, schreibt Samuel Beckett. Kannst du dich damit identifizieren?
Es kommt darauf an, ob man krachend scheitert und danach zerstört ist oder ob man scheitert, um sich weiterzuentwickeln. Was mir hilft, ist der Zweifel: Ich bin mir nie sicher, ob etwas gut ist oder nicht. So bleibe ich an einer Aufgabe dran. Insofern ist diese Art von Selbstkritik der bessere Antrieb für mich.

Im Dezember startete deine Show »Ringlstetter« im BR. Gesendet wird donnerstags um 22:30 Uhr. Ist es eigentlich eine besondere Herausforderung, eine Show zu machen, die viele Leute kurz vor dem Schlafengehen einschalten?
Auf jeden Fall, darum geht es bei Late Night. Unser Ziel ist es, die bayerischen Themen der Woche so zu präsentieren und zusammenzufassen, dass die Zuschauer gut unterhalten und amüsiert ins Bett gehen können. Hinzu kommen jeweils zwei Talk-Gäste. Garniert wird das Ganze mit Musik. Ein solches Format, eine Mischung aus  Late-Night- und Talkshow, gab es im BR bislang nicht. Ich denke, das kann der Sender ganz gut vertragen.

Welche TV-Formate siehst du selbst gerne?
Im Unterhaltungsbereich schaue ich gerne amerikanische Late-Night-Shows. Leute wie Jimmy Fallon beherrschen ihr Handwerk einfach. Dafür bin ich kein großer Serien-Junkie – nach zwei Folgen »Game of Thrones« bin ich schon wieder ausgestiegen. Ansonsten schalte ich gerne Dokumentationen ein. In diesem Sinne bin ich wohl eher ein konservativer Fernsehzuschauer.

Du bist Moderator, Kabarettist, Musiker, Schauspieler – einfach zu befüllende Schubladen sind nicht dein Ding. Am längsten begleitet dich aber die Musik. Wie hast du Zugang zu ihr gefunden?
Ich habe die klassische Erziehung meiner Eltern genossen. Zunächst habe ich Klavier gelernt, später dann Gitarre. Für mich ist die Musik eine Möglichkeit, mal nicht nur mit Sprache zu arbeiten. Musik trifft die Menschen auf einem ganz anderen Level. Sie erreicht den Kopf, das Herz, die Seele, den Körper. Sie ist das beste Medium, um Emotionen auszulösen. Musik findet immer den direkten Weg. Das hat mich schon immer fasziniert.

»Heimatsound« auf Bayerisch ist unglaublich angesagt. Künstler wie La Brass Banda, Django 3000 oder BBou bleiben ihrem Dialekt treu. Warum funktioniert das momentan so gut?
Ich denke, das ist ein Auf und Ab: Seit 25 Jahren singe ich schon bayerisch. Zu meinem Elend war das die ersten zehn Jahre so out, dass alles zu spät war. Jetzt ist es genau umgekehrt: Wenn heute eine bayerische Band kommt und englisch singt, ist die Verwunderung groß. Wir neigen dazu, alles ein bisschen zu übertreiben: Aktuell schwappt die »Heimatsound«-Welle über uns, nicht mehr lange, und alle sind genervt. Andererseits glaube ich schon, dass dieser Trend einen gewissen Zeitgeist widerspiegelt. In Zeiten, in denen die Welt immer unübersichtlicher wird, steigt die Sehnsucht nach einer Verortung in der Heimat, in der Sprache, in der Musik. Die Menschen sind wieder auf der Suche nach kleinen Welten.

Wer dein aktuelles Album »Paris. New York. Alteiselfing« hört, merkt schnell: Heimatliebe und Weltoffenheit, das geht durchaus zusammen.
Genau darum geht es mir. Das Album schaut über den Tellerrand, ohne die Wurzeln aufzugeben. Es ist eine musikalische und textliche Reise, die nicht im Bayerntum bei seinen ewig gleichen Themen hängen bleibt.

Mit »Niederbayern« hast du eine Hymne für deine Heimat geschrieben. Wenn ich richtigliege, schwingt da auch ein kleines bisschen Hassliebe mit?
Wenn man das, wo man herkommt und was einen geprägt hat, nicht mag, kann man sich selbst nicht leiden. Heimat macht aber nur Sinn, wenn man sie kritisch betrachtet und verändert. Deswegen freue ich mich sehr darüber, dass »Niederbayern« so ein Hit geworden ist, obwohl der Song nicht nur dieses weiß-blaue Gemütlichkeitsideal transportiert. Der Niederbayer findet nicht nur alles schön, sondern hat auch immer etwas zu motzen.

Diese Grantler-Mentalität sagen böse Zungen auch dem Augsburger nach.
Ist doch gut. Es gibt nichts Schlimmeres als Dauerpositivismus!

Bei Bayern 2 gibst du im Rahmen einer einstündigen Radioshow einen Einblick in deinen persönlichen Musikgeschmack. Welche Platte hast du dir zuletzt gekauft?
Das war die aktuelle Platte von Katzenjammer, einer Frauen-Folk-Rock-Band aus Norwegen. Eigentlich bin ich eher ein CD-Käufer, allerdings gibt es Alben, die ich unbedingt auf Vinyl haben möchte, weil sie einfach geil gestaltet sind.

Vor einigen Jahren bist du mit einem Johnny-Cash-Programm aufgetreten. Wenn man dich so sieht, könnte man meinen, dass der »Man in black« auch in Sachen Mode ein Vorbild für dich ist. Ist da was dran?
Lustige Frage! Es gibt nicht viele Sachen, die Männer anziehen können, damit sie gut aussehen. Ein schwarzer Anzug gehört für mich dazu. So muss ich nicht jede Woche überlegen, was ich aus dem Schrank hole. Aber du hast schon recht: Wie die meisten Rock ’n’ Roller finde ich Schwarz die coolste Farbe.

Am 19. Juli präsentiert das Konzertbüro Augsburg Hannes Ringlstetter live im Spectrum Club. Mit Band lädt das Multitalent zu einem musikalischen Roadtrip nach »Paris. New York. Alteiselfing«. Support gibt es vom Regensburger Liedermacher-Folk-Duo Ohrange. Einlass ist um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr.
www.spectrum-club.de 
www.ringlstettertv.de

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