These – Antithese – Synthese

22. September 2016 - 12:20 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der elfte Teil ist ein Intermezzo.

Das Thema: Vom »These – Antithese – Synthese« der 68er-Bewegung bis zum O.k. der begnadigten Zuhörer

Vor meiner ersten und dauerhaften Begegnung mit der deutschen Sprache war es zwischen uns nur zu flüchtigen Berührungen in Roma und in Düsseldorf gekommen. Aber an der Universität Gießen, wo ich als Student der Germanistik ein Seminar unter lauter Maoisten besuchte, fand die erste beeindruckende Begegnung mit einer Sprachformel statt, die ich wie einen Leuchtturm erlebt haben muss. In der Tat hat sie mich immer wieder vor dem Ertrinken im Mare Magnum der deutschen Sprache gerettet. Die erlösende Formel lautete: These – Antithese – Synthese. Ich fand diese marxistische Dreifaltigkeit anziehender als die von Zufriedenheit strotzende Feststellung »Der Kreis schließt sich«. Diese kursierte zur selben Zeit unter den Studenten der Romanistik. Bei der Letzteren tauchte bei mir sofort das Bild eines Hundes auf, der sich in den Schwanz beißt und damit den neurotischen Kreis seines Alltags schließt. Dagegen war die marxistische Dreifaltigkeit eine Offenbarung, die Einführung in die Leichtigkeit des Lebens, die allerdings den Maoisten im Seminar völlig abhandengekommen war. Aber wie hat sich die deutsche Sprache in meiner Wahrnehmung im Lauf von fast fünf Jahrzehnten verändert, lautet die Frage, die ich in diesem Intermezzo beantworten möchte.

Mit der Zeit wurde die marxistische Dreifaltigkeit aus den Gesprächsrunden, öffentlichen Debatten, trendigen Diskussionen und aus meiner Wahrnehmung durch die Entweder-oder-Formel verdrängt. Mit der neuen Formel wurde bedingungslose Loyalität, und nicht nur von den Gastarbeitern, eingefordert. Jede Gastarbeiterkritik wegen der eigenen schwierige Lebenssituation im Lande wurde erbost mit der Formel quittiert: Wenn es dir hier nicht gefällt, kannst du nach Hause gehen. Unter bundesrepublikanischen Gesprächspartnern galt die Variante: Wenn es dir hier (BRD) nicht gefällt, kannst du nach drüben (DDR) gehen. Dieser rigide Zwang zur Loyalität mag mit der belastenden Spaltung des eigenen Landes und mit der unerwarteten Ankunft der Gastarbeiter zu tun gehabt haben. Da ich damals die Parole »Mehr Demokratie wagen« des ersten SPD-Kanzlers im Ohr hatte, hat mich die Entweder-oder-Formel nicht besonders beunruhigt. Aus dem rigiden und daher konfliktreichen Zwang zur inneren Loyalität hat sich die deutsche Sprache längst mithilfe der Formel »einerseits – andererseits«.

Die Formel »einerseits – andererseits« lässt in der Tat eine Dualität in der Betrachtung der Sachlage zu, ohne jedoch die erlösende marxistische Synthese anpeilen zu wollen. Mit ihr wurde der Ausbruch aus rigiden Wahrnehmungsschemata eingeleitet. Der Ausbruch betraf allerdings die gegenseitige Wahrnehmung unter bundesrepublikanischen Gesprächspartnern. Den Gastarbeitern wurde dagegen ein Sprachreservat zwischen den Kulturen, den Religionen, den Sprachen usw. zugewiesen. Irgendwann hat sich der Entweder-oder-Krampf aufgelöst und das Land fühlte sich auf dem Weg zu einem entspannten Umgang mit sich selbst. Die Wiedervereinigung hat den Weg frei gemacht und die neue Gelassenheit fand ihren Ausdruck in der Formel »ja – aber«. Bei Debatten und Talkshows war man sofort einer Meinung. Die Gesprächspartner gaben offen zu, dass sie ein gemeinsames Ziel zur Wohle der Nation verfolgten. Dabei durften sie jedoch die jeweilige Andersartigkeit nicht völlig aufgeben. Sie waren sich einig, das Land, das immer noch kein Einwanderungsland sein durfte, durch eine große Koalition stabil zu halten.

Und heute? Heute kämpfe ich mit mir selbst, wenn mein Gegenüber jeden Satz von mir mit einem selbstzufriedenen O.k. unterstreicht, als ob es in der Lage wäre, meine Gedanken abzulesen. Einem solchen Gegenüber lohnt es sich weder mit ernsthaften Gesprächen noch mit schwierigen Fragestellungen zu begegnen, denn es ist sowieso mit allen einverstanden, selbst wenn man ihm mitteilen würde, dass man mit seiner O.k.-Zustimmung nicht einverstanden ist.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man eine Sprache fehlerfrei spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen, und nicht weil einer von ihnen ständig O.k. sagt.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet. Das neueste Buch Chiellinos, »Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser«, erschien beim Verlag Peter Lang, Bern.
www.chiellino.eu

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