…und wieder tanzt ein Shakespeare-Held

3. November 2015 - 14:25 | Renate Baumiller-Guggenberger

»Hamlet« – Ballett von Stephen Mills – feierte Premiere am Theater Augsburg.

Nach dem Mega-Erfolg mit „Romeo und Julia“ setzt Robert Conn nach und präsentiert zum Auftakt der Ballettsaison flugs ein weiteres weltberühmtes Shakespearedrama. Einmal mehr vertraute er auf die vom Augsburger Publikum willkommen geheißene Kombination von Handlungsballett (mit Orchesterbegleitung) und Engagement eines in Amerika tätigen Gastes, der choreografisch aus dem wenig innovativen Vokabular der gefälligen, neoklassisch basierten Northern American Ballet – Schule schöpft.

Wieviel „Sein oder nicht Sein“, wieviel Potential aber steckt in dem melancholischen Dänenprinzen Hamlet, wenn er sich und sein Wüten gegen die ruchlose Familie, seinen Rache-Impuls, den Verlust von geliebten Menschen, das von Schuld erdrückte Ich, seinen Ekel am unersprießlichen Treiben der Welt nicht verbal, sondern ausschließlich über Bewegung und Körpersprache artikulieren darf?

Stephen Mills beantwortet diese Frage als linear erzählender Choreograf sowie als überzeugender Bühnenbildner mit einem „ausreichend“ und so durfte er sein im Jahr 2000 für das Austin Ballett geschaffene Hamlet-Ballett in zwei Akten - von denen der sehr kurze zweite weitaus stärker ist - nach Augsburg importieren.

Kalkuliert dezente Spannung verbreitete das von Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek dirigierte Arrangement aus Opern-und Ballettkompositionen von Philip Glass. Virtuos setzte Jerome Benhaim als Solist im bekannten Violinkonzert einen starken Akzent! Für die tänzerischen Highlights biss sich der wie immer präsente Theophilus Vessely in seine tragische Titelpartie zwischen Revolte und Unterwerfung. Hamlet entschwebte schon zu Beginn gen Bühnenhimmel wie später auch Ophelia (Ana Dordevic), die sich mit berührend zart und zurückhaltend vertanzten Wahnsinn dem ihr zugefügten Leid entzieht. Die Konfrontation mit dem unerbittlichen Geist (Erich Payer) des ermordeten Vaters, die Überführung des sich nobel zurückhaltenden Vatermörders (Joel die Stefano) durch die drei Gaukler, die Täuschungsmanöver der wendigen Mutter Gertrude (Eveline Drummen) und die rein aggressiv-akrobatische Fechtszene mit Laertes spulen sich in Hamlets einsamen Zwischenreich von Leben und Tod ab. Hamlet, ein Totentanz, der intensiven Schlussapplaus erhielt. Gespannt sein darf man auch auf die zweite Besetzung des Hamlet mit Mark Radjapov.

Fein, dass das Augsburger Ballett so boomt. Das ist grundsätzlich wichtig und wunderbar. Niemand wird derzeit diese seit vielen Jahren motiviert arbeitende dritte Sparte des Theater Augsburg in Frage stellen, die zu Beginn der Spielzeit einmal mehr auffällig viele Neuzugänge präsentierte. Über die Gründe des seit Jahren anhaltenden Wechsels innerhalb der Company darf man jedoch durchaus einmal laut oder leise nachdenken, zumal immer wieder die Besten Augsburg Adieu sagen. Noch haben wir so hochkarätige Solisten wie Theophilus Vessely und Ana Dordevic!

www.theater-augsburg.de

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