»Vater-unser-Garagen« & Sakralbeton

3. Dezember 2017 - 21:14 | Martin Schmidt

Gott im Sichtbeton, Spiritualität in Montagebau: Die Sonderausstellung »Zeichen des Aufbruchs« im Diözesanmuseum Augsburg zeigt Sakralbauten im faszinierenden Klotz- und Kanten-Odeur der 60er- und 70er-Jahre.

Nah am Puls der Zeit befindet sich das Diözesanmuseum St Afra Augsburg, wenn es zeitgleich zur viel beachteten, zur Zeit im Frankfurter Architekturmuseum gezeigten Exposition »SOS Brutalismus« zu seiner Sonderausstellung »Zeichen des Aufbruchs« lädt. Mit dem Untertitel »Kirchenbau und Liturgiereform im Bistum Augsburg seit 1960« zeigt das Augsburger Museum Sakralarchitektur im Echoraum der Sichtbetonarchitektur der 60er- und 70er-Jahre. Eine ähnlich faszinierende Ausstellung zum Thema Kirchenarchitektur hatte in Augsburg zuletzt im November 2015 im Architekturmuseum Schwaben stattgefunden (»Lichtzauber und Materialität – Kirchen und Kapellen in Finnland seit 2000«).

Brutalismus – dieser wohlgemerkt architekturstilistische Begriff ist nicht direkt vom Wort »brutal« abgeleitet, sondern bezieht sich ursprünglich auf den französischen Ausdruck für Sichtbeton, »bèton brut«. Das markante Wort taucht interessanterweise in der Ausstellung des Diözesanmuseums nicht auf (außer, es ist dem Rezensenten aus Versehen entgangen), auch wenn manch frommen Betrachter in den 60er- und 70er-Jahren jene erschaffenen Kirchbauten sicher eben genau das, nämlich: brutal, vorkamen – manch einem wohl noch bis heute.

»Vater-unser-Garagen«, »Parkhäuser Gottes« oder »Christliche Kieswerke« waren Schmähworte, mit denen man die klobig- massiven Bauten im Betonparfum der 60er- und 70er-Jahre bedachte. Mit dem Einzug der Fertigteil-Kirchen ins Christentum kam dem Begriff »Bausünde« damit eine noch tiefere Bedeutung bei. Dennoch hat der Tiefgararagen-Charme der Sakralbauten einen faszinierenden Avantgarde-Touch – und verbindet auf äußerst spannende Weise Glaubens-Innerlichkeit mit äußerer Kantigkeit, Transzendenz mit Systembauweise, die Heilsbotschaft Jesu mit der funktionalen Botschaft der architektonischen Planungsbüros. Abseits von bistumstypischen Barock- und Rokoko-Kirchen sucht sich hier Religiösität einen Neu-Ort, und jener Neuverortung zu folgen, ist visuell ein apartes, manchmal bizarres, oft aber auch schlüssiges und ästhetisch aufregendes Erlebnis.

Im Bistumsgebiet Augsburg war ab 1960 durchschnittlich alle sechs Jahre eine neue Kirche entstanden. Ein Kirchenwachstum, von dem der Katholizismus heute träumt. Rund 90 neue Sakralbauten, dazu weitere 60 als Erweiterungsbauten, schossen zwischen Neu-Ulm und Schongau, zwischen Schrobenhausen und Krumbach in die Höhe. Die Ausstellung »Zeichen des Aufbruchs« widmet sich rund 40 dieser fraglos durchweg faszinierenden Kirchbauten. Die Schau ist dabei die erste Architekturausstellung im Diözesanmuseum überhaupt. Akzent und Perspektive ist aber wohlweislich nicht eine architekturstilistische Diskussion des Brutalismus', sondern die Nachzeichnung einer Sakralarchitektur vor dem Hintergrund des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965). Entsprechend unterlag die Konzeption der Ausstellung der Abteilung Kirchliches Bauwesen und Kunst der Diözese Augsburg. Den Protagonisten Dr. Sabine Klotz und Dr Michael A. Schmid gelang eine Ausstellung, die kirchennahe wie kirchenferne Besucher faszinieren wird.

Die erste Kirche im Bistumsbezirk, bei der konsequent Beton und Fertigteile ohne jegliche Verkleidung verwendet wurden, ist Don Bosco. Wer den mit spitzen Betontürmen bewehrten Kirchenbau, unweit des Schwabencenters im Wolfram- und Herrenbachviertel, betritt, den umfängt eine Art Beton-Ufo, hart im Formalismus, kalt im unverschalten Sichtbeton, aber dennoch im Gefühl, einen Sakralraum, wenn auch der anderen Art zu betreten. Keine Frage, dass gerade dieser besuchenswerte und beeindruckende Sakralbau auch in der Ausstellung berücksichtigt wird.

Interessanterweise gibt es kaum offizielle kirchliche Verlautbarungen, wie Sakralbauten auszusehen haben. In der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils ist lediglich die Rede davon, dass dabei in Kunst und Architektur auf nobilis pulchritudo, auf edle Schönheit, geachtet werden solle. An anderer Stelle heißt es pragmatisch: »Beim Bau von Kirchen ist sorgfältig darauf zu achten, daß sie für die liturgischen Feiern und für die tätige Teilnahme der Gläubigen geeignet sind.«

Die Ausstellung zeigt, dass und wie die Erneuerung der Liturgie – eines der maßgeblichen Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils – die kommende Kirchenarchitektur formte. Verkürzt ausgedrückt kam es zu einer Öffnung der Gottesdienstordnung auf die Gemeindemitglieder hin. Die Liturgie bekam, wie es Winfried Haunerland in seinem Beitrag im ausstellungsbegleitenden Buch nennt, einen dialogischen Charakter. Der Pfarrer stand nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde, es kam zu einer Aufwertung von Wort und Predigt, der Kirchenbesucher war nicht mehr passiver Zuschauer. Damit einher ging die Idee und das Konzept einer Mehrzweckkirche: die Kirche als Dienerin der Menschheit lädt ein zu Treffen, sozialen Aktivitäten und Diskussionsrunden rund um den Altar als Glaubensmitte. Wie ein lebendiger Organismus reagierte die neue Kirchenarchitektur auf diese grundlegend neuen Impulse des Konzils, wie ein Leib aus Beton und Spiritualität begann sie sich an die neuen Gottesdienstordnungen anzupassen.

»Zeichen des Aufbruchs« zeigt in zahlreichen Fotografien, wie diese architektonische Reaktion geschah. Bilderfahnen präsentieren jeweils in Großbild, in Innen- und Detailaufnahmen, Außenansicht und historischen und aktuellen Grundrissen rund 40 Kirchenbauten, die in jener Zeit im Bistumsgebiet entstanden, dazu einige Modelle. Aus dem Stadtgebiet werden unter anderem, neben Don Bosco, Zu den Zwölf Aposteln (Hochzoll) und St. Simpert (Nähe Amagasaki-Allee) präsentiert. Aus dem Landkreis kommen unter anderem Herz Mariä (Diedorf), Heilige Familie (Bobingen), Maria, Königin des Friedens (Gersthofen), St. Vitus (Ottmarshausen), Zur Göttlichen Vorsehung (Königsbrunn), St. Thomas Morus (Neusäß) und Zum Auferstandenen Herrn (Leitershofen) zum Zuge. Dazu Sakralbauten aus Schrobenhausen, Schongau, Donauwörth, Breitbrunn am Ammersee, Krumbach, Landsberg, Windach, Markt Oberdorf, Neu-Ulm, Kempten, Geltendorf, Oberjoch und mehr. Fotograf Siegfried Wameser, dem bedauerlicherweise beim Pressegespräch nicht auch das Wort gegeben wurde, fing die Bauten klar und prägnant ein. Er arbeitete ohne zusätzliche oder künstliche Lichtquellen und bildete so die Kirchen in 1:1 Anmutung ab.

Spielerisch-kokett haben die Ausstellungsmacher einen Holzbauzaun im Schauraum platziert, Besen, Bauarbeiterkleidung und Handschuhe wollen Kirchenbaustellen-Atmo verbreiten. Im Untergeschoss kommen jene Kunstakzente zur Sprache, die, in ihrer spirituellen und ästhetischen Symbolsprache sich kontrastreich abhebend, in den Sichtbetonbauten platziert wurden und die in dessen profane Formsprache hinein dann doch vom Glauben erzählen: Malerei, Plastiken, Bronzeentwürfe, Kelche, Medaillen – aber auch Stickbilder und Textilien.

Klar wird bei der Ausstellung auch: Galt der Sakralbau Kathedrale einst als eine kongeniale Zusammenführung sämtlicher Kunstrichtungen in ein Großkunstwerk – eine Sinnes-Architektur aus Handwerk, Malerei, Skulpturkunst, Musik, und Sprache – , so wurde das Bauwerk Kirche nun in den in die Schnelleffizienz verliebten 60er- und 70er-Jahre den Montagebau-Fantasien der in den Planungsbüros begeistert arbeitenden Architekten ausgeliefert. Die Ausstellung bietet immer wieder Bilder, an deren Kontraste man sich nicht satt schauen kann. Knatschbunte, kirschrote Stahlbauteile prägen zum Beispiel die Kirche Herz Jesu und Mariä in Wigratzbad und verwandeln das Kirchengebäude in einen Sakralbau-Hybrid aus poppigem Landratsamt und modernen Gymnasiumsfoyer.

Aber nicht nur den Neubauten widmet sich die Ausstellung. Auch zum Thema Kirchenbauerweiterung werden interessante Beispiele gezeigt. Hat die katholische Kirche heute eher mit Kirchenaustritten und einem Rückgang der Kirchenmitglieder zu kämpfen, so war in den 60er- und 70er-Jahren speziell in den Dörfern das Phänomen zu beobachten, dass dort die Kirchen zu klein wurden – sie mussten vergrößert werden. Chor und Kirchturm blieben dabei als historischer Verweis übrig, und in einer oftmals reizvollen Mischung aus modern und denkmalschutzverträglich wurde angebaut.
Auch in die 80er- und 90er-Jahre hinein reicht der Blick der Ausstellung. Eine Ära, in der »moderne« Architektur zunehmend als rücksichtlos empfunden wurde und dem Fertigteil-Charme des Betons eine gewisse Wärme beigefügt wurde. Beeindruckend in seiner ästhetischen Kohärenz ist hier St. Hedwig in Kempten-Thingers (Baubeginn 1984, Weihe 1986), wo nicht nur Holz die Formensprache mitprägt, sondern die Ausstattung durchgehend von einem Individuum in eben dessen Personalstil gestaltet wurde – Altar, Ambo, Sedilien (die Sitze im Altarraum), Standkreuz und Reliefs stammen alle von Hans Wachter.

Eine interessante, zugleich stimmige Ergänzung unternimmt die Ausstellung, wenn sie auf zurückliegende Umgestaltungen mittlerweile zu großer Kirchenräume eingeht – wie zum Beispiel bei der kreativen Umgestaltung von Christi Himmelfahrt in Kempten, wo der Kirchenraum durch eine Foyer-Abgrenzung verkleinert wird.

Wunderbar ist, wie die Ausstellung Architektur an sich als Potenz für spirituelle Formensprache ins Gedächtnis ruft. In seiner rohen Schlichtheit und Besinnung auf das Eigentliche kommt mancher der porträtierten Kirchenbauten fast wieder ein klösterlicher, aketischer Aspekt hinzu. Ein Formendiskurs, der nicht mit der modernen Umgestaltung der Augsburger Moritzkirche aufgehört hat.

Die Ausstellung geht an einer Station kurz auf die zentralen Persönlichkeiten für den Kirchenbau im Bistum ein – Dr. Josef Stimpfle, Montsignore Joseph Kunstmann, Bischof Joseph Freundorfer, Prälat Martin Achter –, klammert aber eine Abbildung jener Diskurse, die damals zwischen Geistlichkeit und profaner Architektenwelt (hoffentlich) geschahen, aus. Die in den Fotografien eingefangenen Eindrücke der Kirchenbauten lassen diese Gespräche nun beim Betrachter in inneren Dialogen ablaufen, machen die Rezeption und Verarbeitung des Gezeigten spannender, lassen den Betrachter aber oft etwas alleine. Eine interessante, belebende Aufwertung für die Ausstellung hätte ebenso auch eine Abbildung der Öffentlichkeitsdiskurse über die oft umstritten aufgenommenen Architekturen sein können, etwa in Form damaliger Leserbriefe, Zeitungsartikeln und Medienkommentaren. Diese kleinen Kritikpunkte schmälern aber nicht den Eindruck einer gelungenen, spannenden und empfehlenswerten Ausstellung.

Einen großartigen Kompagnon zum Thema bietet die im Kunstverlag Josef Fink zur Ausstellung erschienene Buchpublikation »Zeichen des Aufbruchs«. Der schön gestaltete Band enthält nicht nur umfangreiches Bildmaterial, sondern neben Katalog und Aufsätzen auch zwei aufschlussreiche, weiterführende Interviews mit zentralen Figuren des Sakralen Kirchenbaus jener Zeit.

Öffentliche Führungen zur Sonderausstellung mit Dr. Sabine Klotz und Dr. Michael A. Schmid finden am 13. Januar, 4. Februar und 10. März statt (jeweils Samstag, 14:30 Uhr). Die Ausstellung geht bis zum 18. März.

Öffnungszeiten:
Dienstag – Samstag: 10 – 17 Uhr
Sonntag: 12 – 18 Uhr
Montag: geschlossen

www.museum-st-afra.de

Das Bild zeigt St. Don Bosco in Augsburg. Foto: Siegfried Wameser / Kirchliches Bauwesen und Kunst

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