Verkaufte Sentimentalität

6. Oktober 2016 - 8:24 | Thomas Ferstl

Was das Kino Ihren Alltagsdramen diesen Monat entgegensetzt oder ob Sie Ihr Geld für verkaufte Gefühle zum Fenster rauswerfen, erfahren Sie in unserer Filmkolumne »Projektor«.

Den Bus zur Arbeit verpassen, das Nudelwasser kocht über, das Tinder-Match meldet sich nach zwei schönen Rendezvous nicht mehr. Das sind Dramen, Dramen des Alltags. Nach antiker griechischer Definition ist ein Drama eine Handlung mit verteilten Rollen. Das Filmdrama wiederum verdankt sein Entstehen der wirt­schaftlichen Ausnutzung der menschlichen Sentimentalität. Vielleicht lassen Sie die Filme diesen Monat den Ärger mit dem Bus, das überschwappende Nudelwasser oder den Kummer um die allzu früh Verflossene banal erscheinen und schnell vergessen. Ich für meinen Teil habe nach den im Folgenden besprochenen Filmen den Bus und das Nudelwasser abgehakt, und das andere, na ja, Sie können es sich denken … Was genau nun das Kino Ihren Alltagsdramen diesen Monat entgegensetzt oder ob Sie Ihr Geld für verkaufte Gefühle zum Fenster rauswerfen, erfahren Sie hier:

Nach einer Party in Karstens (Sebastian Hülk) Wohnung sind »Auf einmal« (6. Oktober, Kinodreieck) alle weg, außer der schönen Anna (Natalia Belitski). In einem einzigen Moment gerät Karstens Leben aus den Fugen: Anna bricht zusammen. Er verlässt die Wohnung, um Hilfe zu holen, und bei seiner Rückkehr ist Anna tot. Seine Krise, verschlimmert sich immer weiter, je skeptischer sein Umfeld auf diese Geschichte reagiert. Denn während Freunde, Familie und Kollegen zunächst Mitleid mit dem Mann haben, dessen Party mit einem Todesfall endete, stellen sie zunehmend die unbequeme Frage: Ist wirklich alles so abgelaufen, wie Karsten es erzählt?

Das deutschsprachige Debüt der Berliner Filmemacherin Aslı Özge ist subtil und präzise erzählt. Durch seine dichte Atmosphäre und die hohe Spannung grenzt dieses Drama nahezu an einen Psychothriller, der unter die Haut geht.

»Jonathan« (Jannis Niewöhner) (6. Oktober, Kinodreieck) hat das Abitur in der Tasche, doch während seine Schulkameraden an die Uni gehen oder eine Ausbildung beginnen, pflegt er seinen schwerkranken Vater Burghardt (André Hennicke). Die restliche Zeit bewirtschaftet er mit seiner Tante Martha (Barbara Auer) den Bauernhof der Familie. Zwischen Burghardt und Martha herrscht seit Jahren Funkstille und auch mit seinem Sohn spricht der sterbenskranke Mann nur wenig, über den angeblichen Unfalltod von Jonathans Mutter schon gar nicht. Nur Pflegerin Anka (Julia Koschitz) sorgt im tristen Alltag des jungen Mannes für einige Lichtblicke. Als ein Fremder namens Ron (Thomas Sarbacher) auf dem Hof auftaucht und sich als Jugendfreund seines Vaters vorstellt, kommt Jonathan einem Familiengeheimnis auf die Spur, das die Beziehung zu seinem Vater vor eine Zerreißprobe stellt. Regisseur Piotr J. Lewandowski verarbeitet in diesem Film eigene Erfahrungen mit Einsamkeit, Selbstsuche, Sexualität und Tod zu einer intimen und intensiven Familiengeschichte. Das hervorragende Spiel der Darsteller trägt diesen Film vom zunächst sehr Aufgesetzten, Thesenhaften hin zu einem überzeugenden Drama über Vergebung im Angesicht des Todes.

In Tate Taylors »Girl on the Train« (27. Oktober, CinemaxX, Cineplex) spielt sich ein viel gewaltsameres Drama ab. Jeden Tag nimmt die geschiedene Rachel Watson (Emily Blunt) den Zug zur Arbeit und kommt damit an ihrem alten Haus vorbei, in dem sie mit ihrem Exmann gelebt hat. Dieser lebt noch immer dort, mit seiner neuen Frau und einem Kleinkind. Um sich von ihrem Schmerz abzulenken, fängt sie an, ein Pärchen (Hayley Bennett und Luke Evans) zu beobachten, das ein paar Häuser weiter wohnt. Doch als sie eines Tages wieder mit dem Zug vorbeifährt, beobachtet sie etwas Schockierendes. Am nächsten Morgen wacht Rachel mit einem bösen Kater auf und kann sich an nichts erinnern. An ihrem Körper befinden sich allerdings zahlreiche blaue Flecken, verschiedene Wunden und ihr Gefühl sagt ihr, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Dann sieht sie eine Vermisstenmeldung im TV: Die Frau ist verschwunden.

Der Thriller nach der Vorlage von Bestsellerautorin Paula Hawkins ist atmosphärisch dicht und kann sich mühelos mit düsteren Genrekollegen wie »Gone Girl« oder dem Hollywoodremake von Stieg Larssons »Verblendung« messen.

Foto: »Auf einmal« ist zwischen Karsten (Sebastian Hülk) und seiner Freundin Laura (Julia Jentsch) nichts mehr, wie es war.

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