Visionen kommen später

1. März 2018 - 9:11 | Jürgen Kannler

In diesem Jahr sollen die Weichen für die Augsburger Museumslandschaft gestellt werden. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Zum Jahresbeginn veröffentlichten die großen Museen ihre Bilanzen für das vergangene Geschäftsjahr und präsentierten bei dieser Gelegenheit ihre Programmhöhepunkte 2018. Demnach zählten allein die Einrichtungen der Kunstsammlungen und Museen Augsburg 312.191 Besucher. Den Löwenanteil machten dabei das Schaezlerpalais (134.191 Besucher) und das Maximilianmuseum (121.528 Besucher) aus. Unterm Strich bestätigten die Kunstsammlungen damit ihren positiven Trend der vergangenen Jahre. Gemeinsam mit dem tim (102.126 Besucher) und den nicht staatlichen Häusern wie dem Fugger und Welser Erlebnismuseum, dem Diözesanmuseum oder Der Kiste besuchten 2017 weit über eine halbe Millionen Menschen diese Kulturorte. Wie intensiv das Interesse des Publikums an den 25 kleineren und größeren Präsentationen der Kunstsammlungen 2017 war, belegt auch eine weitere Zahl: 1.084 Führungen und Veranstaltungen konnten im vergangenen Jahr in den acht Kulturorten der Kunstsammlungen gezählt werden. Das ist beachtlich. Aber die Bedeutung und Funktion einer Kultureinrichtung lässt sich nicht allein über Zahlenreihen messen. Politik und Öffentlichkeit jedoch lieben diese Rankings. Sie machen die Dinge hübsch einfach. Sie taugen aber wenig zur inhaltlich-qualitativen Bewertung und sind deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Die Bedeutung einer Kultureinrichtung lässt sich nicht über Zahlenreihen messen

Trotz der positiven Bilanz 2017 und einer beachtlichen Liste von Vorankündigungen für das laufende Jahr (siehe Kasten) ist den Verantwortlichen bei den Kunstsammlungen und dem übergeordneten Kulturreferat nicht wirklich nach Feiern zumute. »Unsere zahlreichen Baustellen lassen derzeit visionäre Planungen nicht zu«, bringt es Kulturreferent Thomas Weitzel auf den Punkt. Die Erwartungshaltung in den Leitungsebenen der Kunstsammlungen, aber auch bei den Kulturinteressierten der Stadt gegenüber der Augsburger Kulturpolitik ist zu Recht hoch. Doch bei der Budgetverteilung wird die städtische Kultur nur abgespeist. Die Regierung zieht sich auf die Argumentation der vermeintlich leeren Kassen zurück und kommt damit bei den Bürger*innen durch. Das ewige Lied von der klammen Stadt ist grotesk für eine Kulturregion, die zu den wohlhabenden, zählt – auch im internationalen Vergleich. Was unserer Stadt fehlt, ist eine breite gesellschaftliche Akzeptanz von Investitionen in das kulturelle Leben und die dazu notwendige Infrastruktur. Wie zukunftstauglich so eine Positionierung sein kann, wurde schon oft bewiesen, aber andernorts.

Leider hält sich auch das Vertrauen der Bürger*innen in die Fähigkeiten von Politik und Verwaltung, Projekte termin- und etatgerecht umzusetzen, in Grenzen. Eine Gefühlslage, der regelmäßig neuen Nährboden erhält. In der Außenwirkung wird zudem oft auf Aktionismus statt auf Nachhaltigkeit gesetzt, so ein weiterer Kritikpunkt. In Summe keine wirklich ideale Basis, um aus dem Stand als Kulturstadt durchstarten zu können. Geknebelt von einem Theaterbauprojekt, dessen Kosten derzeit nicht wirklich abzusehen sind, versucht Thomas Weitzel Zeit zu gewinnen und derweil den Boden für dringend anstehende Projekte zu bereiten. In einer vorwiegend kulturskeptisch bis -fernen Atmosphäre, wie sie unsere Stadtpolitik zu bieten hat, wäre gegenwärtig jeder Vorstoß vonseiten des Kulturreferats, sei es für den Bau des längst überfälligen Zentraldepots der Kunstsammlungen oder die Planungen für einen Gedenkort im ehemaligen KZ-Außenlager Halle 116, ein Himmelfahrtskommando. Und diese beiden Themen sind weder strittig noch besonders kostenintensiv im Vergleich mit anderen drängenden Projekten.Handlungsbedarf besteht zum Beispiel auch beim Glaspalast, genauer gesagt beim Thema Gegenwartskunst. Die Pinakotheken verabschieden sich 2020 aus direkter Nachbarschaft zum H2. Der Mietvertrag mit dem Immobilienunternehmer und Kunstsammler Ignaz Walter bindet die Stadt allerdings noch bis 2024 an die ungeliebte Location im Textilviertel und kostet die Steuer­zahler­*innen jährlich rund 400.000 Euro allein an Miet- und Nebenkosten. Der Etat für Ausstellungen ist darum knapp bemessen, an ein Budget für Ankäufe ist derzeit nicht zu denken, bedauern die Verantwortlichen unisono. Trotzdem brachte es das H2 mit Geschick und Chuzpe in den letzten Jahren zu einer beachtlichen Sammlung. Mit ihren Ausstellungen und Programmaktivitäten im Kontext Gegenwartskunst entwickelten sich die Kunstsammlungen zudem zum Dreh- und Angelpunkt der Szene, mit einer Strahlkraft, die weit über die Region hinausreicht. Diese Bedeutung lässt sich nicht an den Besucherzahlen für diesen Bereich ablesen. Diese bewegen sich in Addition der unterschiedlichen Kulturorte der Kunstsammlungen mit dem Programmschwerpunkt auf heutiger Kunst um die 40.000.

Bei der Budgetverteilung wird die städtische Kultur nur abgespeist

Eine weitere Baustelle tut sich bei den unter der Regie der Regio Augsburg Tourismus laufenden Gedenkstätten für die Mozarts und Brecht auf. Sie muten vernachlässigt und alles andere als zeitgemäß an. Vor Leopolds 300. Geburtstag 2019 soll zumindest das Mozarthaus in der Frauentorstraße ertüchtigt werden. Doch mit den dafür veranschlagten 500.000 Euro wird wohl kein kultureller Leuchtturm mit Strahlkraft entstehen können, sagen Experten voraus. Der Geburtstag von Bert Brecht jährt sich übrigens 2198 zum 300. Mal.Mit am drängendsten ist in der Augsburger Museumslandschaft jedoch die Frage, wo und wie das römische Vermächtnis der Stadt in Zukunft verortet werden soll. Nachdem das römische Museum in der ehemaligen Dominikanerkirche vor sechs Jahren wegen baulicher Mängel schließen musste, belegt eine Übergangsausstellung die Toskanische Säulenhalle im Zeughaus. Ein Neustart auf dem Areal zwischen Dominikanergasse, Vorderem Lech und Predigerberg gilt aber als gesetzt. Thomas Weitzel würde sich für eine zeitgerechte architektonische Lösung stark machen, die einen in Augsburg dringend benötigten modernen, städtebaulichen Impuls setzen und ganz nebenbei auch Platz für ein Besucherzentrum der UNESCO-Welterbestätte Wasser bieten könnte.

Schützenhilfe bei diesen Projekten erwartet der Referent von den Ergebnissen des Kulturentwicklungsplans zum Thema Museumslandschaft, der seit Ende 2017 langsam Fahrt aufnimmt und im Winter 2018/19 seinen Abschluss finden soll. Unter der Leitung zweier im Fränkischen beheimateter Kommunikationsagenturen soll unter anderem das Wir-Gefühl bei den Kunstsammlungen gestärkt werden. Eine fundierte Leistungs- und Defizitanalyse könnte den Weg weg von der dortigen Mängelverwaltung vorzeichnen. Themen wie Museumspädagogik, Kommunikation und Depotwesen ließen sich dadurch auf ein den Einrichtungen entsprechendes Niveau heben. Von echter Aufbruchsstimmung ist bei den Kunstsammlungen derzeit jedoch noch nicht viel zu spüren. Die Mitarbeiter*innen hinterfragen wohl auch Sinn und Nutzen von nicht wirklich unabhängig moderierten Beteiligungsprozessen wie den gerade angestoßenen.

Eine Skepsis, die von vielen politisch denkenden und kulturell interessierten Bürger*innen geteilt wird. Dennoch, Thomas Weitzel setzt darauf, über diesen Weg Spielräume zu öffnen, die sich ohne das Beteiligungsformat für sein Referat nicht ergeben würden. Er macht es wie unter Managern üblich, die in ihren eigenen Worten und ihrem Tun nicht die nötige Wirkung vermuten, um Zukunft zu gestalten. Sie holen sich Legitimation von außen und setzen auf Druckaufbau. Dieser funktioniert im besonderen Maße vor Wahlen. Mit dem Kulturentwicklungsplan lässt sich gut vor die Entscheidungsgremien ziehen, in der Hoffnung auf akzeptable Ergebnisse. Das ist Kalkül, gestützt vom gegenwärtig vorangetriebenen Stadtentwicklungskonzept (STEK), in den auch der Kulturentwicklungsplan Museumslandschaft eingeht, mehr aber auch nicht.


Foto: Die Erwartungshaltung in den Leitungsebenen der Kunstsammlungen gegenüber der Kulturpolitik ist hoch. (Foto: Frauke Wichmann)

Weitere Positionen

gernot_hausner_03_galerie_mz_2018_pr_foto.jpg
18. Mai 2018 - 15:09 | Bettina Kohlen

Nein, dies sind keine Fotografien. Was da in der Galerie MZ derzeit an den Wänden hängt, ist Malerei.

18. Mai 2018 - 9:34 | Janina Kölbl

Achille Mbembe, einer der wichtigsten Denker des Postkolonialismus, gastierte in Augsburg.

17. Mai 2018 - 9:00 | Janina Kölbl

Freie Theater im Porträt: Eukitea-Theater Diedorf

15. Mai 2018 - 13:44 | Renate Baumiller-Guggenberger

Göttliches Finale: Mozarts Messe in c-Moll für Soli, Chor und Orchester, KV 427 zum Abschluss des Deutschen Mozartfests 2018 in der Basilika St. Ulrich und Afra.

15. Mai 2018 - 13:16 | Dieter Ferdinand

Podiumsdiskussion der Interkulturellen Akademie im Mesopotamienverein

14. Mai 2018 - 9:26 | Gast

Die Augsburger Philharmoniker präsentierten zum Mozartfest das Sonderkonzert »Das mächtige Häuflein« im Goldenen Saal.

12. Mai 2018 - 8:10 | Florian Pittroff

2008 ging der erste Literarische Salon im Foyer des Theaters Augsburg über die Bühne. In diesem Jahr feiert das Format sein zehnjähriges Jubiläum. Florian Pittroff sprach mit dem Initiator und Inhaber der Buchhandlung am Obstmarkt, Kurt Idrizovic

9. Mai 2018 - 10:33 | Dieter Ferdinand

Das Buch »Die Apotheke im Krakauer Ghetto« von Tadeusz Pankiewicz ist neu erschienen.

9. Mai 2018 - 9:46 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Augsburger Philharmoniker unter GMD Domonkos Héja begeistern mit ihrem »Jazz!«-Sinfoniekonzert.

7. Mai 2018 - 9:19 | Renate Baumiller-Guggenberger

Eröffnungskonzert des Deutschen Mozartfests mit der Capella Gabetta unter der Leitung von Andrés Gabetta in Ev. Heilig Kreuz