Weitgehend zuckerfrei!

5. Oktober 2016 - 9:13 | Renate Baumiller-Guggenberger

Gelungene Premiere des Balletts »Der Nussknacker« von Mauro de Candia in der Schwabenhalle

All diejenigen Ballettfans, denen es davor gegraut hatte, bereits Anfang Oktober schon mit dem im Ballettklassiker »Der Nussknacker« an sich obligatorischen Weihnachtsbaum konfrontiert zu werden, durften aufatmen und sich entspannt (soweit dies die mit Überzug versehenen Drahtsitze in der Schwabenhalle eben zuließen) zurücklehnen. Dramaturgisch geschickt beraten von Patricia Stöckemann, nutzte der Choreograf Mauro de Candia die weitaus mehr Tiefenpsychologie zulassende und handlungstechnisch konsequentere literarische Phantasmagorie »Nussknacker und Mausekönig« von E.T.A. Hoffmann.

Mit Gespür für Humor und großenteils in modernisierter Neoklassik stellte er seine Version des populären Tschaikowski-Balletts auf die von Margrit Flagner (mit Faible für zuckersüße Kostüme!) elegant ausgestattete Bühne in der Schwabenhalle. Keine Frage, dass er Jung und Alt damit mühelos mitten hineinziehen konnte in Maries (alp)traumhaften Übergang vom Mädchen zur jungen Frau, in der auch ein »Nussknacker«-Wesen seinen Teil zum emotionalen Erwachen beiträgt. So wurde aus dem Weihnachtsabend eben ein Teenagergeburtstag, an dem sich der tänzerische Neuzugang, die extrem zierliche und zugleich sehr selbstbewusste Michela Paolacci in der Hauptrolle der Marie mit allerhand Zickenalarm auf die Bühne oder ins Sofa stemmte und schnell die Zuschauer für sich zu gewinnen wusste. Mit spitzfindig auf die Partitur, die bei GMD Domonkos Héja erwartungsgemäß in flotten und tänzerisch beherzten Händen war, abgestimmtem Timing pubertierte und protestierte sie angesichts der gruseligen Geburtstagsgeschenke und trieb ihre Fassung und Würde wahrenden Eltern (Daniel Zaboj und Janet Sartore) in den Wahnsinn. Kein Wunder! Welcher 15-Jährigen würde man mit Barbies oder einem Nussknacker Freude machen? Erst das magische Fernrohr, das der nicht minder magische Onkel (Riccardo de Nigris) überreicht, setzt die misslungene Party in Gang und die Anwesenden in ein recht tierisches Zwie-Licht, ehe der zweite Akt Maries Selbstfindung via Traumbegegnung mit der entstellten Prinzessin Pirlipat und dem furchtlos liebenden Nussknacker beleuchtet. Tänzerisches Highlight war hier fraglos der Pas de deux, in dem Tamas Darai als zunächst verschmähter Neffe seine wahren Stärken deutlich machen darf und Maries staunendes Herz mit Hingabe und Sprungkraft erobert.

Fazit: Ungetrübt also der Tanzgenuss in der neuen Interimsbühne, wo ab Reihe 3 sowohl die Sicht auf die Bühne bestens als auch der Orchesterklang transparent und mitreißend waren und ein in allen Jahreszeiten tauglicher Nussknacker weitgehend zuckerfrei sein Publikum begeisterte.

Weitere Termine: 6.10./ 7.10./ 8.10./ 9.10./ 22.10. und weitere im November und Dezember

www.theater-augsburg.de

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