»Die Welt, die fest war, ist geschmolzen«

16. Januar 2018 - 13:30 | Dieter Ferdinand

Das Theater Augsburg präsentiert auf der Brechtbühne die deutsche Erstaufführung von »Das Kind träumt« des israelischen Dramatikers Hanoch Levin.

Ein riesiges Gemälde als Bühnenbild und Hintergrund empfängt die Zuschauer*innen. Es wurde von Andrea Huyoff während der Proben im Dialog mit den Mitwirkenden geschaffen. Der Traum des Kindes wird farbintensiv dargestellt.

Ein schlafendes Kind darf nicht aufgeweckt werden. Die Eltern betrachten ihre Tochter beim Träumen. »Anhalten sollte jetzt die Zeit, am Höhepunkt des Glücks, denn besser wird es nicht mehr werden«, sagt die Mutter (Natalie Hünig). Prompt brechen Soldaten ein. Die Lage wird bedrohlich, das Kind geweckt. Die Schergen spielen Clowns, doch dann wird der Vater (Patrick Rupar) erschossen. Mutter und Kind flüchten auf ein Schiff.

Vor und während der Überfahrt wird vorgeführt, wie der Mensch zum Unmenschen und zugleich zum Mitfühlenden werden kann. Nichts wird ausgelassen. Auf einer Insel erleben die Geflüchteten eine Einwanderungsbehörde. Der Chef: »Schon wieder Flüchtlinge«. Der Herrscher der Insel nimmt Mutter und Kind nicht auf. Das Kind stirbt. Im letzten Teil scheint sich für die Toten – oder sind es Lebende? – alles zum Guten zu wenden.

In der Schwebe bleibt, ob das Geschehen äußere Realität ist. Träumt das Kind seine Befürchtungen? Sieht es die Zukunft voraus? Das Stück ist zeitlos und freilassend. Überall und jederzeit ist vieles möglich, nichts sicher. Die dichte Tragödie spielt in einer Art Zwischenwelt. Sie ist auch Satire. Bei den komisch-lustigen Szenen bleibt das Lachen im Halse stecken.

Hanoch Levin (1943–1999) schrieb »Das Kind träumt« 1993 und inszenierte die Uraufführung am Habimah Theater in Tel Aviv. Die Übersetzung aus dem Hebräischen schuf Matthias Neumann, wobei er den Rhythmus des Originals zu erhalten suchte.

Alle Darsteller*innen leben ihre Rollen überzeugend. Herauszuheben ist Zakaria Ünlü als Kind. Sie spielt präsent und artikuliert hervorragend.

Der Aufführung sind viele Besucher*innen zu wünschen. Das Publikum applaudiert intensiv und lange.

Nächste Termine: 17., 25. und 26. Januar. Weitere bis Ende April.

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Carl E. Ricé, Patrick Rupar, Natalie Hünig, Katharina Rehn, Zakaria Ünlü, Andreas Hobmeier

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