Wer ist ohne Schuld?

19. Oktober 2016 - 14:05 | Dieter Ferdinand

Ein Zugunglück als Ausgangspunkt für Sozialkritik und Schuldfragen – »Der jüngste Tag« im Martini-Park

Unter die Haut geht im Martini-Park Ödön von Horváths »Der jüngste Tag« in der Inszenierung von Maria Viktoria Linke. Wegen eines nicht auf Rot gestellten Signals krachen zwei Züge aufeinander: 18 Tote. Stationsvorsteher Thomas Hudetz leugnet seine Verantwortung, die Wirtstochter Anna entlastet ihn durch einen Meineid, seine Frau beschuldigt ihn.

Alexander Darkow spielt den Hudetz überzeugend: zuerst selbstbewusst, dann verunsichert, mit Suizidabsicht, schließlich seine Schuld annehmend. Kerstin König ist Anna: kindlich, verführerisch, trotzig leugnend, geplagt von ihrem Gewissen und den Toten, plötzlich verschwunden. Die übrigen Einheimischen um die Bahnhofskneipe »Zum Wilden Mann« sind abgebaut, selbstgerecht, fremdenfeindlich, wetterwendisch. Sie feiern ausgelassen den scheinbaren Freispruch von Hudetz, verdammen ihn später als Mörder von Anna: »Kopf ab!« Nur der Bruder von Frau Hudetz stellt fest, alle seien auf je eigene Weise schuldig: »Das hängt alles zusammen.« Horváth denunziert seine Figuren nicht, er lässt ihnen ihre Würde. Im Zusammenhang mit einem Romanfragment hatte er bereits gemahnt: »Werdet aufrichtig, erkennt euch selbst!«

Die Unglückstoten spielen mit. Sie erscheinen Anna und Hudetz. Gegen Ende greift die gestorbene Anna ein; sie verhindert seinen Suizid und verhilft ihm zur Umkehr. Die Brücke über die Zugstrecke ist zugleich der Übergang ins Reich der Toten.

Das Bühnenbild bietet alles in Breite und Höhe, die Szenen gehen ineinander über. Die Band Django 3000 begleitet live, für mich am besten bei dem Zugunglück und den leiseren Stellen. Die provisorische Spielstätte Martini-Park hat sich bewährt!

»Der jüngste Tag« wurde am 11. Dezember 1937 in Mährisch-Ostrau uraufgeführt. Am 1. Juni 1938 starb der 37jährige Ödön von Horváth in Paris; erschlagen vom Geäst eines umstürzenden Baums: bei Gewitter und Sturm auf den Champs-Élysées.

Weitere Termine: 23., 27., 28. und 30. Oktober, 3., 4., 5., 11. und 12. November.

www.theater-augsburg.de

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