Widerstand leisten!

2. März 2017 - 8:17 | Julian Stech

Konstantin Wecker kommt am 4. März im Rahmen der Langen Brechtnacht nach Augsburg. Julian Stech unterhielt sich mit ihm über sein Programm, den rücksichtslosen Kapitalismus und die bis heute andauernde Revolution

a3kultur: Herr Wecker, das Thema des diesjährigen Brechtfestivals lautet »Ändere die Welt – sie braucht es!«. Wie würden Sie diese Aussage interpretieren?

Konstantin Wecker: Na ja, wir leben in einer Zeit, in der Brecht notwendiger ist als je zuvor. So sagt der italienische Philosoph Franco Berardi: »Wahrscheinlich werden wir in den nächsten zehn Jahren eine identitäre Aggression in Europa erleben. Ich nenne es nicht Faschismus, aber es wird etwas Ähnliches sein.« Ich glaube, alle demokratisch gesinnten Bürger haben Angst vor dem, was sich da zusammenbraut. Da ist ein Warner, ein Beobachter und einer, der dem Faschismus so energisch entgegentrat wie Brecht, unglaublich angesagt. Es ist wichtig, ihn wieder zu lesen, es ist wichtig, ihn wieder zu hören.

Haben Sie sich schon viel mit dem Menschen Brecht und seinem Werk beschäftigt?

Ja, das habe ich. Dazu kann ich etwas sagen bezogen auf die großen Vorbilder für die ers­ten Lieder, die ich als sehr junger Mann geschrieben habe: Ich kannte zwar Brecht, aber ich habe ihn nie so kopiert wie andere. Vielleicht hatte ich eine gewisse Hemmung davor, weil ich ahnte, dass wir in dem, was wir tun, ziemlich ähnlich liegen. Und da hatte ich eher Angst davor, mich zu sehr an ihn anzulehnen. Ich glaube, das war ganz geschickt, sonst wären möglicherweise meine ersten Lieder lauter Brechtplagiate gewesen, und das muss ja auch nicht sein. Denn da ist das Original immer besser als das Plagiat. Deswegen habe ich mich lange zurückgehalten. 1998 habe ich die CD »Brecht« gemacht. Es ist sehr erstaunlich, dass ich damals die Erlaubnis bekommen habe. Das wundert mich heute noch, denn wie man weiß ist das ja nicht so leicht mit den Brecht­erben. Ich habe sogar die Genehmigung erhalten, Lieder aufzunehmen, die Brecht selbst oder Eisler vertont hat. Das ist fast ein kleines Wunder.

Dann waren die Brechterben wohl sehr angetan von Ihrem Projekt?

Ja, die waren mir wohlgesonnen.

Zum Glück, kann man da heute nur sagen. Auf was kann sich denn das Publikum am 4. März bei Ihrem Auftritt im Gaswerk Augsburg besonders freuen?

Auf ein Weckerkonzert mit Brechteinlagen. Ich werde ein bisschen was von meinen Brechtvertonungen spielen, aber es wird kein reines Brechtkonzert werden. Vielmehr ein Konzert mit meinen Liedern, und natürlich werden wir dem Meister huldigen.

Wunderbar. Nun aber zu einem anderen Thema: Sie haben 2016 ein Buch mit dem Titel »Dann denkt mit dem Herzen!« herausgebracht. Wie sollte Ihrer Meinung nach die Flüchtlingspolitik in Deutschland funktionieren?

Ich stehe zu meinem Lied »Ich habe einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle rein«. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es möglich ist, Geflüchtete und alle, die Not leiden, aufzunehmen. Damit meine ich nicht nur Kriegsflüchtlinge, sondern auch Armutsflüchtlinge, auch Menschen, die aufgrund unserer verheerenden, kapitalistischen Wirtschaft in die Armut getrieben wurden. Klimaflüchtlinge werden immer mehr kommen, denn die Verwüstung schreitet durch unseren schrecklichen Umgang mit der Erde weiter voran. Natürlich können wir sie aufnehmen, wir haben die Kapazitäten, wir haben das Geld dazu. Und die Diskussion, die jetzt um die Flüchtlinge geführt wird, ist meines Erachtens eine völlig verlogene. Das Problem sind nicht die Menschen, sondern dieser völlig wahnsinnig gewordene Finanzkapitalismus, der die Leute verarmen lässt. Wenn Konzerne und Banken ausschließlich das Sagen haben und die Politik eigentlich nur noch das macht, was Konzerne ihr vorschreibt, dann ist das das Problem, das man beseitigen müsste. Ich kann verstehen, dass die Bürger immer mehr verunsichert werden, denn sie werden ja auch immer mehr ins Prekariat getrieben. Mittlerweile haben Jugendliche eine panische Angst davor, ob sie denn überhaupt in den nächsten zehn Jahren noch Arbeit bekommen. Das kann ich sehr gut verstehen, aber dann muss man sich eben darum kümmern. Man sollte die wahren Ursachen bekämpfen und nicht auf die Ärmeren in der Kette einschlagen.

Die »jungen Leute« sind ein gutes Stichwort. Sie waren ab 1968 mit 21 Jahren in der Münchner Kleinkunstszene und Gegenkultur aktiv. Was verdanken wir Ihrer Meinung nach der 68er-Bewegung und an was könnten junge Leute heute anknüpfen?

Für mich ist die 68er-Revolution und die damit verbundene Hippie-Bewegung in Amerika eine der spannendsten Bewegungen der Weltgeschichte überhaupt. Weil da eine Jugend wirklich einmal versucht hat, alles infrage zu stellen, was ihnen seit Jahrhunderten als ein Muss, als eine bedingungslose Weltsicht verkauft wurde. Da ist man viel über das Ziel hinausgeschossen, keine Frage. Aber wenn man einfach mal überlegt: Die Hippie-Bewegung, die versucht hat, das ganze Leistungsprinzip auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen: »Wieso können wir nicht einfach nur leben? Wieso sollen wir Kleidung kaufen, die ihr uns vorschreibt? Warum können wir unsere Kleidung nicht selbst nähen? Warum können wir nicht unsere Art von Drogen selbst wählen? Warum muss ich Alkohol trinken und kann keinen Shit rauchen?«, und alle diese Fragen, die da gestellt wurden, Tabus, die gebrochen wurden – das war unglaublich wichtig und sensationell neu in der Weltgeschichte, besonders nach dem, was alles in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passiert ist. Dieser grausame Faschismus und die Kriege.

Was ist vielleicht von Ihrer Generation nicht zu Ende gedacht und gebracht worden?

Man muss der 68er-Bewegung natürlich zugutehalten, dass wir versucht haben, die Nazizeit noch viel deutlicher aufzuklären, als es damals betrieben wurde. Ohne die 68er-Bewegung wären bestimmte Machenschaften, bestimmte Seilschaften, die immer noch da waren, nicht aufgedeckt worden. Das ist schon ein großer Verdienst der 68er. Aber natürlich haben wir auch viele Fehler gemacht. Vor allem glaube ich, dass die Zerrissenheit der Linken Ende der 70er ein Problem war. All diese ideologischen Streiter­eien – ich habe das ja alles hautnah auf der Bühne miterlebt. Jede dieser verschiedenen Gruppen meinte, sie hätte das ideale linke Weltbild. All diese Eitelkeiten wurden dann leider von der Konterrevolution sehr geschickt aufgefangen. Und die Konterrevolution hat gesiegt, das müssen wir zugeben, in der Form eines Neoliberalismus.

Haben Sie eine Botschaft für die junge Generation?

Ich bin immer ein bisschen eigenartig berührt, wenn ich über »die Jugend« befragt werde. Ich kenne »die Jugend« nicht. Ich kenne vereinzelte Jugendliche, wie zum Beispiel meine Söhne. Einer meiner Söhne ist sehr aktiv in der Antifa-Bewegung – und seine Freunde kenne ich auch. Ich kann also gar nicht sagen, dass ich der Meinung bin, dass die heute 17-, 18-Jährigen nicht engagiert sind. Ich weiß nicht, wie »die Jugend« drauf ist, aber ich weiß eines: dass den Jugendlichen in den letzten zwanzig Jahren von PR-Instituten sehr geschickt das Gehirn gewaschen wurde. Es wurde ihnen eingeredet: Wenn ihr euch engagiert, dann seid ihr nicht sexy, sondern sexy seid ihr, wenn ihr in die Fußgänger­zone geht und euch teure Markenkleidung kauft – um es auf einen sehr einfachen Nenner zu bringen. Da ist sehr viel unternommen worden, um die Jugendlichen einzuschüchtern und von jeder Form von Rebellentum abzuhalten.

Also sollte unter jungen Menschen wieder ein stärkeres Bewusstsein dafür aufgebaut werden, Dinge infrage zu stellen?

Ja, unbedingt. Das ist ganz wichtig, und ich merke schon – auch wenn ich nur ab und zu ein paar Jugendliche bei mir im Konzert habe, die vielleicht nur mitkommen, weil ihre Eltern Fans sind –, es gibt auch welche, die wegen meiner politischen Kommentare kommen. Und wenn ich mit diesen Jugendlichen spreche, stelle ich fest, dass sie alle sehr gebildet sind, also gebildet in dem Sinn, dass sie um Zusammenhänge wissen, sich auch für politische Zusammenhänge interessieren und nicht einfach »Merkel muss weg« brüllen.

Herr Wecker, Sie werden dieses Jahr 70 und blicken schon auf rund fünfzig Jahre Künstlerleben zurück. Werden wir in der Zukunft auch weiterhin viel von Ihnen hören? Was spornt Sie an, dieses Leben zu führen?

(lacht) Na ja, einen 70-Jährigen zu fragen, ob man noch viel von ihm hören wird, ist sehr nett und sehr freundlich, aber das liegt nicht in meiner Hand.

Lassen Sie uns mal positiv denken.

Okay, ich denke mal positiv. Ich kann vor allem sagen, dass ich weit von einer sogenannten Altersmilde entfernt bin. Mein nächs­tes Programm in diesem Jahr wird »Poesie und Widerstand« heißen. Die Poesie ist mir nach wie vor wichtig, ich bin in erster Linie Poet, ich bin kein Politiker. Aber der Widerstand ist unbedingt notwendig. Ich war vor einem Jahr mit einem Programm unterwegs, das hieß »Revolution«. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der man Farbe bekennen muss. Für uns alle ist es jetzt wichtig, dass wir Haltung zeigen. Egal, ob die anderen in der Mehrheit sind oder nicht. Ich habe in einem Lied über die Weiße Rose geschrieben: »Es geht ums Tun und nicht ums Siegen«, und das ist ein Motto, das ich bis heute verfolge. Wir müssen Haltung zeigen. Wir dürfen uns auch nicht unbedingt darauf einlassen, zu fragen: »Werden wir denn Erfolg haben mit dem, was wir machen?« Nein, zuerst einmal sollten wir es tun, um uns auch wieder auszuklinken aus diesem Erfolgsdenken, aus diesem Leistungsdenken. Es geht ums Tun. Wir müssen Widerstand leisten gegen jede Form von Rassismus und Faschismus. Und auch wenn sich die Leute immer dagegen wehren, als Rassisten bezeichnet zu werden – sie sind es.

Das ist zwar kein schönes, aber ein ehrliches Schlusswort, Herr Wecker!

Das Konstantin-Wecker-Trio spielt unter dem Titel »Wecker trifft Brecht« am 4. März im Scheibengasbehälter auf dem Gaswerkgelände Augsburg. Einlass ist ab 20 Uhr. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

www.brechtfestival.de
www.wecker.de

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