Wozzecks Angst um die Welt

9. März 2015 - 9:55 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Alban Bergs Oper »Wozzeck« im Theater Augsburg

»Kauf Dir eins und geh‘ dreimal rein!« So ähnlich könnte und sollte das Theater Augsburg seine aktuelle Musiktheaterproduktion bewerben und damit die Empfehlung »Diesen Wozzeck muss man mehrmals sehen!« pragmatisch umsetzen. Ausgesprochen wurde die im Anschluss an einen musikalisch auf der ganzen Linie überzeugenden, nur 90 Minuten währenden Opernabend auf der Premierenfeier durch Juliane Votteler. Einmal mehr bewies sie als Intendantin und Dramaturgin mit dem Engagement von Regisseur Ludger Engels und Ric Schachtebeck (Ausstattung) ihr treffsicheres Gespür für ein hochkarätiges Produktionsteam.

In der Tat entlässt Alban Bergs 1925 in Berlin uraufgeführtes Werk (nach Georg Büchners Dramenfragment »Woyzeck«) die Zuschauer im Theater Augsburg nach nur einmaligen Erleben und Er-Hören zunächst mit gemischten Gefühlen. Denn wo Alban Berg und damit atonaler Stil draufsteht, ist eben auch Alban Berg drin und damit rhythmisch vertrackter Sprechgesang, expressionistische Überhöhungen, Irritationen und ungewohnte Ästhetik.

Den abgrundtiefen Schwindel, der Wozzeck in Besitz nimmt, der von seiner Umwelt (aus)genutzt wird, der Beziehungsunfähig scheint und sich in Zellophan verpuppt, um sich gänzlich zu isolieren, wird mittels der Drehbühne mit karg eingerichteten Raum-Parzellen anschaulich. Womöglich auch als Bild für die Ausweglosigkeit, die ihn am Ende zum Mörder von Marie macht, lässt die Inszenierung Innen und Außenwelten dieser packenden 15 Szenen nahtlos ineinanderfließen. So kreisen die verschiedenen (Un)Menschen wie der Hauptmann (großartig verzerrt und verrückt: Mathias Schulz) oder der Forschungsbesessene Doktor, der Wozzeck zur Laborratte degradiert, ihn ein oder kommen ihm in die Quere (tolle Effekte mit dem meist stummen Bewegungschor!). Auch Marie, die sich in den galanten Tambourmajor (Carlos Aguire) verschaut, gibt ihm wenig Halt noch Sinn. Sally du Randt zeichnete deren Nöte und Seelendramen zwischen Mutterfürsorge und Lustgewinn in fein nuancierten Zwischentönen und eruptiven Ausbrüchen intensiv nach. In der Titelrolle bestach Robin Adams mit sensationeller Bühnenpräsenz und vokaler Präzision samt volumenreicher Prägnanz: was für ein Sängerkaliber! Flexibel pendelte er zwischen emotionslos wirkendem Opfer und »hirnwütigem«, traumatisiertem Täter, füllte die Szenerie mit seiner apokalyptischen Zukunftsangst um die Ewigkeit der Welt.

Ein Abend, der definitiv nicht nach »leicht« klingt, aber lange nachklingt und zur aktiven Auseinandersetzung animiert, auch dank des bravourösen Dirigats des Musikalischen Leiters Roland Techet und der wie stets im Graben und auf der Bühne extrem verlässlichen Augsburger Philharmoniker!

Weitere Termine: 12., 18., 26. und 29. März, 10. und 12. April sowie 5. Mai.
www.theater-augsburg.de

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