Die Zeit überlisten

12. April 2017 - 9:00 | Patrick Bellgardt

Audiovisuelle Kunst made in Augsburg – Stefanie Sixt und Markus Mehr gehen mit »Dyschronia« in das achte Jahre ihrer Zusammenarbeit.

a3kultur: Am 22. April feiert eure audiovisuelle Live-Performance »Dyschronia« Premiere im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst. Ihr nehmt euch dabei eines Themas an, das uns ständig beschäftigt: die Zeit. Worum geht es genau?

Markus Mehr: Durch die atemberaubende Geschwindigkeit von Laptops, Smartphones, der sozialen Medien usw. wird uns suggeriert, wir könnten noch viel mehr in noch kürzerer Zeit schaffen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie in der Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, mehr leisten müssen. Wir werden zu Getriebenen mit einem gestörten Verhältnis zur Zeit, oder besser zum Wert der Zeit. Um diese falsche Wahrnehmung und einen gesünderen Umgang mit ihr geht es in weiten Teilen.

Stefanie Sixt: Die Aussage, man habe keine Zeit, ist eigentlich Unsinn. Die Frage ist: Wie viel Druck lasse ich mir von außen machen? Wie reagiere ich darauf? Es ist schlicht ein subjektives Empfinden, ein Wahrnehmen der Zeit, das sich in unserem Alltag widerspiegelt. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass wir für uns selbst verantwortlich sind.

Wie entwickelt ihr das Thema auf der künstlerischen Ebene?

Sixt: Wir nähern uns dem Thema über unterschiedliche Herangehensweisen. Für die Visuals zu »Dyschronia« beispielsweise habe ich Collagen verwendet, die einerseits urbane Motive aus Philadelphia abbilden und zum anderen korrupte Bilder der gleichen Motive, die beim Archivierungsprozess beschädigt wurden. Der Versuch, die Bilder durch den Upload unsterblich zu machen, ist gescheitert. Hier denke ich an die technologische Singularität. Wir übergeben etwas an den digitalen Raum, überlassen es damit sich selbst – zur Selbstoptimierung – und entziehen es somit unserem weiteren Einflussbereich. Ausgang: ungewiss. Mein künstlerischer Ansatz bildet somit den ewigen Wunsch nach Unsterblichkeit ab, das »die Zeit überlisten wollen«.

Mehr: Bei der Musik und dem Album »Dyschronia« ist der Name Programm – im Regelfall arbeite ich chronologisch an einem Projekt, schließe es ab und beginne erst dann etwas Neues. Bei »Dyschronia« habe ich über fünf Jahre immer wieder intensiv für mehrere Wochen an den Stücken gearbeitet, nur um das Projekt dann wieder für einen längeren Zeitraum ruhen zu lassen. Die Zeit spielte dabei die Rolle eines Plugins, eines Werkzeugs: Sie verändert meine Sichtweise auf die Musik. Elemente verschwanden, neue kamen dazu. Ich arbeite seit den letzten Jahren häufig mit Fieldrecordings, die im weiteren Prozess synthetisiert werden. Es sind Phonographien, Aufnahmen, die einen Bezug zu bestimmten Ereignissen, zu einem bestimmten Zeitpunkt haben.

Seit eurem ersten gemeinsamen Projekt 2009 – eine audiovisuelle Performance in der temporären Location »Muhackl oder Blutwurst« – arbeitet ihr immer wieder zusammen. Reizt es euch nicht, in die Bereiche des jeweils anderen reinzuschnuppern?

Sixt: Vor vielen Jahren habe ich für einen Imagefilm aus der Not heraus mit Musik experimentiert. Über diesen Ausflug bin ich sehr dankbar. So verstehe ich heute besser, was Markus eigentlich macht. Nichtsdestotrotz habe ich mich wieder brav in meinen visuellen Bereich verabschiedet. Wie heißt es so schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Mehr: Mich zieht es nicht in andere Bereiche. Die Musik ist und bleibt meine Passion – und das versuche ich gut zu machen. Wir lassen den jeweils anderen autark arbeiten. Das ist wohl das funktionierende Prinzip unserer Band: Jeder kann sich künstlerisch ausleben. Das macht die Zusammenarbeit so wertvoll.

Wenige Tage nach der Premiere von »Dyschronia« reist ihr in die marokkanische Millionenstadt Casablanca zum FISAV-Festival. Wie kam es zu diesem Engagement?

Sixt: Das Hamburger Duo incite/, das wir bei einem Gig in Ingolstadt kennengelernt haben, hat uns dort empfohlen. Vieles in diesem Bereich läuft über Netzwerke – und die entstehen über lange Jahre.

Mehr: Bei uns läuft fast alles über Festivals. Und obwohl die audiovisuelle Kunst eine Nische ist, tun sich innerhalb dieser Nische Türen auf, die durchaus zu einem großen Feld führen. Für die Dauer eines Festivals bewegt man sich oft in einer Art Familie, und daraus ergeben sich inspirierende Erlebnisse und eben auch Netzwerke.

Ihr seid beide gebürtige Augsburger, wart auf der ganzen Welt unterwegs – und doch habt ihr hier euren Lebensmittelpunkt gesetzt. Warum?

Sixt: Ich habe festgestellt, dass Augsburg eine gute Basis ist, um von hier aus wieder hinauszugehen. Es ist ein guter Ort, um mit kreativer Arbeit Geld zu verdienen. Ich muss hier nicht, wie viele Kolleginnen und Kollegen in Berlin, Taxi fahren oder in der Bar arbeiten, um über die Runden zu kommen. Hier habe ich die Chance, unter anderem für das Theater Augsburg zu arbeiten, wie zuletzt bei der Oper »Tosca«. Darüber hinaus sind meine Auftraggeber in ganz Deutschland oder auch in den Vereinigten Staaten ansässig. Dank der schnellen Leitungen wird man immer ortsunabhängiger. Das ist eine Freiheit, die ich sehr schätze. Außerdem mag ich die Nähe zur Natur.

Mehr: Ich habe, abgesehen von einem Zweitwohnsitz in Berlin, die Stadt nie wirklich verlassen. Mir war es lieber, in Augsburg das Leben führen zu können, das mir die Konzentration auf meine Musik ermöglicht. Hier kenne ich die Leute und die Wege, hier kann ich in Ruhe arbeiten. Mit dieser Entscheidung geht es mir nach wie vor sehr gut.

Markus, du bist Booker bei der Soho Stage und als freier Produzent und Komponist tätig. Stefanie, du warst Dozentin an verschiedenen Hochschulen, realisierst Werbe- und Imageclips. Bleibt da genügend Spielraum für die eigene künstlerische Arbeit?

Mehr: Ja. Ich achte darauf, dass meine künstlerischen Freiräume unangetastet bleiben. Wenn ich für die Soho Stage als Booker arbeite, habe ich ja ebenfalls mit Musik zu tun, nur von einem anderem Blickwinkel aus. Das ist für mich ein gutes Arrangement, bei dem ich auch in Bewegung bleibe.

Sixt: Ich habe es geschafft, mir einen Kundenstamm zu erarbeiten, bei dem es schon stark in den freien, künstlerischen Bereich reingeht. Sich auf bestimmte Situationen und Vorgaben einzulassen, kann auch ganz spannend sein. In den letzten Monaten blieb mir bei vier, fünf gleichzeitig laufenden Projekten schon mal die Luft weg. Als Selbstständige gibt es häufig die Situation, dass alles auf einmal kommt oder gar nichts, und das heißt dann Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Wie sagte Karl Valentin: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Am 22. April präsentieren Stefanie Sixt und Markus Mehr die Premiere ihrer audiovisuellen Live-Performance »Dyschronia« im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst. Der Beginn ist um 20:30 Uhr. Das gleichnamige Album erscheint am 16. Mai. Foto: Frauke Wichmann

www.sixt-sense.de
www.markusmehr.de

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