Die zentrale Frage

31. Juli 2017 - 8:39 | Gast

Worauf können wir nicht verzichten? Ein Gastbeitrag über den »Artist in Residence« 2017 Oleg Melnichuk von Anne Schuster.

Als Jürgen Kannler und Michael Bernicker vom Kulturverein Hoher Weg mich und Sebastian Seidel 2015 fragten, ob wir als Sensemble den dritten Teil der Artist-in-Residence-Reihe »Welcome in der Friedensstadt« kuratieren möchten, sagten wir ziemlich schnell zu. Ein großes Abenteuer begann! Der einzige Fixpunkt: Der/die Theaterschaffende sollte aus Czernowitz/Nordbukowina in der Westukraine kommen. Dass Czernowitz eine reiche deutschsprachige literarische Tradition hat, wussten wir, auch dass Rose Ausländer und Paul Celan von dort stammten. Über die aktuelle Theaterszene der Stadt wussten wir aber nichts und konnten natürlich auch übers Netz wenig mehr in Erfahrung bringen – alles auf Kyrillisch.

Wir brauchten also einen Vermittler mit Sachverstand und Ortskenntnis – und fanden ihn in Otto Hallabrin, damals noch Leiter des Bukowina-Instituts der Universität Augsburg. Er war gleich begeistert von unserem Projekt, sicherte seine Unterstützung zu und vermittelte den Kontakt zu Sergij Osatschuk vom Bukowina-Zentrum Czernowitz. Herr Osatschuk schlug uns mehrere mögliche Kooperationspartner vor. Für Oleg Melnichuk haben wir uns entschieden, da die Beschreibung seiner Arbeitsweise als innovativ und kritisch, seine Funktion als Leiter des freien Theaterlabors Czernowitz und seine Arbeitsproben, die wir bei Youtube sehen konnten, uns am interessantesten schienen. Außerdem hat er schon oft mit Theatern und Festivals im europäischen Ausland zusammengearbeitet – ein Mann mit Erfahrung also.

Die direkte Kontaktaufnahme mit Melnichuk per Mail war zunächst aus sprachlichen Gründen etwas holprig. Aber von Anfang an hatten wir das Gefühl, dass wir es mit einem aufgeschlossenen Menschen und Künstler zu tun hatten.

Wir waren sehr erleichtert, als sich dieser Eindruck auch bestätigte: Zum 20-jährigen Bestehen der Partnerschaft Bezirk Schwaben – Bukowina im Mai 2017 kam Melnichuk kurz nach Augsburg. Bei einem Treffen mit den Schauspielern Birgit Linner, Daniela Nering, Florian Fisch und der Produktionsleitung Gianna Formicone konnten wir die gegenseitigen Erwartungen und Vorstellungen von der gemeinsamen Arbeit abgleichen. Sofort war klar, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt – auch wenn deutlich wurde, dass eine direkte Verständigung ohne Dolmetscher nicht möglich ist.

So kam Oleg Melnichuk am 24. Juni schließlich mit seinem Übersetzer Marko Kulyk pünktlich zur Langen Kunstnacht bei uns an. Nach 22-stündiger Busfahrt waren die beiden zwar sehr müde, aber auch neugierig, und wir nutzten die Kunstnacht, um den beiden Augsburg ein bisschen zu zeigen und sie mit verschiedensten Kunstakteuren bekannt zu machen, unter anderem mit dem Artist in Residence 2016, Reinhard Gupfinger aus Linz.

Unsere einzige Vorgabe für Melnichuks Arbeit war: Ausgehend von zwei Gedichten Rose Ausländers, »Niemand« und »Noch bist du da«, sollte das Team der Frage nachgehen, was es bedeutet, im Exil zu leben und zu arbeiten. Um die Grundlage dafür zu schaffen, erzählte Melnichuk zu Probenbeginn zunächst noch mehr über sich als Regisseur, seine Vorstellung vom Theater. Er wollte, dass wir ein Gefühl dafür bekommen, wie er ist, arbeitet und woran er glaubt. Gemeinsam besprachen wir die grundlegende Thematik des Stückes, die für ihn zentrale Frage: Worauf können wir nicht verzichten zum Leben?

Die größte Überraschung in der gemeinsamen Arbeit war zunächst die lange Liste mit den nötigen Requisiten, die zu beschaffen waren. Für uns sehr ungewöhnlich, da wir meistens mit sehr wenig Requisiten arbeiten.

Im Vordergrund steht bei Melnichuks Inszenierung aber die Körpersprache – obwohl das Stück sehr viel mehr Text hat, als wir erwartet hatten. Er arbeitet dabei mit Gegensätzen: Dadurch, dass Handlung und Körpersprache oft etwas ganz anderes transportieren als der Text, entsteht eine Absurdität, die dem Thema immer wieder die Schwere nimmt.

Da das Stück erst während der Proben entsteht, wird jede Szene nach Melnichuks Idee beziehungsweise Skizze erst improvisiert. Melnichuk schreibt den erarbeiteten Text nach den Proben auf Ukrainisch, dann übersetzt Marko Kulyk das Ganze ins Deutsche – das dauert oft bis spät in die Nacht hinein! Am nächsten Morgen bekommen die Schauspieler dann den »frischen Text«.

Die Proben sind sehr lebendig: Melnichuk unterbricht oft, springt auf und erzählt etwas über die Szene oder spielt etwas vor – nicht, was die Schauspieler tun sollen, sondern er dolmetscht quasi mit dem Körper. Man merkt einfach, dass er ausgebildeter Schauspieler ist.

Wir lachen viel, oft werden Witze gemacht, und dadurch entstehen auch neue Ideen, die ins Spiel einfließen. Dabei ist Oleg Melnichuk für Vorschläge von allen Mitwirkenden offen. Er hört sich alles an, probiert es aus – und hat aber eine genaue Vorstellung davon, ob etwas passt oder nicht.

Noch ist die Uraufführung der »Traumwäscherei« nicht auf der Bühne, aber wir sind schon jetzt unheimlich froh, dass wir uns auf dieses Wagnis eingelassen haben! Wir haben zwei wunderbare Menschen kennen gelernt , lernen jeden Tag etwas Neues über ihre und unsere (Theater-)Kultur – und freuen uns schon auf die Osteuropatournee, die im Herbst 2017 bzw. Frühjahr 2018 geplant ist!

Anne Schuester konzipiert Veranstaltungen für das Sensemble Theater und ist dort auch für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
www.sensemble.de

Als diesjähriger Artist in Residence des Vereins Hoher Weg lebt der Regisseur rund vier Wochen in Augsburg. Hier ist das Dachappartement des Sensemble Theaters Melnichuks Arbeits- und Wohnstätte auf Zeit. Weitere Infos:
www.welcome-in-der-friedensstadt.de

Foto: Ein gutes Team –
Produktionsleiterin Gianna Formicone, Regisseur Oleg Melnichuk und Dolmetscher Marko Kulyk.
 

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