Zur Erinnerung an die NS-Zeit und ihre Aufarbeitung

26. Juli 2017 - 8:49 | Iacov Grinberg

»Kahn & Arnold. Aufstieg, Verfolgung und Emigration zweier Augsburger Unternehmerfamilien im 20. Jahrhundert« im tim

Diese Ausstellung hat bei mir ein Aha-Gefühl hervorgerufen. Warum eigentlich? Ich habe viele Ausstellungen über die Verfolgung, Enteignung und Ermordung der Juden gesehen und viele Veranstaltungen über die Lebenslinien der ehemaligen Augsburger Juden besucht. Was war neu in dieser Ausstellung?

Auch die Hauptfiguren der Ausstellung, die Familien Arnold und Kahn, waren für ihre Zeit durchaus typisch. Die »Gründerväter« Aron Kahn und Albert Arnold entstammten dem Landjudentum und gründeten 1869 in Augsburg ein Unternehmen für den Handel mit Baumwolle. Sie hatten eine Begabung: Es gelang ihnen, in Kleinstädten trotz der dortigen starken Konkurrenz so viel Geld zu verdienen, dass es für ein neues Unternehmen reichte. In der sog. »Gründerzeit«, als die deutsche Wirtschaft rasant wuchs, auch unter dem Einfluss von französischen Reparationszahlzungen, wuchs auch ihr Unternehmen. Kahn und Arnold, Spezialisten in Baumwolle, erwarben 1885 die örtliche Weberei am Sparrenlech, die sie erfolgreich modernisierten.

Beide Familien hatten viele Kinder, und, da sie wohlhabend waren (Bildung war damals teuer und meistens nur für Gutsituierte zugänglich), lernten ihre Kinder in Gymnasien und erhielten die Möglichkeit, akademische Abschlüsse zu erwerben

Die beiden Familien waren areligiös. Damals war eine zumindest formale Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft fast unvermeidlich: der Bund für Geistesfreiheit, der die Atheisten offiziell vereinigte, erschien erst 1911. Der Glaube spielte im Leben dieser Familien jedoch fast keine Rolle: Bei den Kahns hing, neben zwei Kerzenständern und einem zerbrochenen silbernen Kelch mit hebräischen Inschriften (vermutlich Kidduschbecher), ein Bild aus dem 16. oder früheren 17. Jahrhundert »Madonna lactata« an der Wand, was für einen gläubigen Jude undenkbar ist. All diese Gegenstände begleiteten die Reste der Familie in die Emigration.

Die zweite Generation übernahm dann seit 1903 schrittweise das Unternehmen, und verstand es, den Ersten Weltkrieg wirtschaftlich zu überstehen. Bereits 1922 erwarb das Unternehmen die Weberei am Vogeltor. Ein Jahr später rettete es mit dem Kauf der Aktienmehrheit die renommierte Neue Augsburger Kattunfabrik vor dem Ruin. Natürlich waren nicht alle Kinder im Unternehmen beschäftigt, viele widmeten sich der Wissenschaft oder sozialen Aufgaben. Doch alle fühlten sich als deutsche Staatsbürger: Mindestens drei von ihnen waren als Soldaten an der Front, beide Familien hatten dem Staat und der Stadt mit viel finanzieller Wohltätigkeit geholfen. Beide Familien blieben areligiös. An ihre jüdische Herkunft wurden sie von anderen erinnert. So verweigerte die Freimaurerloge zum Beispiel den Beitritt auch für zum Christentum übertretene Juden.

Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 begann auch für sie als Menschen jüdischer Abstammung etwas Typisches: Diffamierung, Entziehen der Arbeitserlaubnis, Beraubung, Arisierung, Vertreibung in Emigration und Ermordung. Die Ausstellung im tim zeigt unter anderen auch sehr seltene Dokumente: Die Publikation eines Sachbuches mit minimalen Veränderungen unter dem Namen eines »passenden« Verfassers und die Aberkennung im Jahr 1940 eines Doktortitels in Chemie, der 1903 (!) erworben wurde. Da privates Eigentum für das NS-Regime angeblich unantastbar war, sollten alle Enteignungen »gesetzmäßig« aussehen. Sie hatten eine schriftliche Form, die Ausstellung zeigt einige entsprechende Dokumente. Zwischen diesen ragt ein Vertrag über den Kauf eines Hauses in Theresienstadt heraus: Vor der Deportation sollten die Deportierten für immense Summen für sich eine Bleibe kaufen, wobei Theresienstadt selbst fast wie ein Altersheim für Juden dargestellt wurde.

In der Ausstellung werden auch die Profiteure der Arisierung persönlich mit Namen, Fotos und kurzen Lebensläufen gezeigt. Das habe ich hier zum ersten Mal gesehen und es bedeutet für mich eine gesellschaftliche Wende: Bis heute waren solche Profiteure öffentlich anonym, Namenlose. Auch bei Augsburger Erinnerungswerkstatt wurde einmal gesagt, dass »wir uns mit den Opfern und nicht mit den Tätern beschäftigen möchten«. Ausgerechnet diese Wende hat bei mir ein Aha-Gefühl bewirkt. Die Kuratorin der Ausstellung, die in New York geborene und heute in Berlin lebende Elisabeth Kahn, eine der Nachkommen der Familie Kahn, sagte mir, sie wusste erst nicht, ob diese Personen, die von der Enteignung von Juden profitierten, genannt werden können.

Es wird auch die deutsche Nachkriegszeit geschildert. Man erhoffte, dass Gerechtigkeit wenigstens teilweise wiederherstellt werde, man erwartete Wiedergutmachung. Aber keiner in Deutschland hatte ein brennendes Verlangen danach, den ehemaligen Eigentümern ihr Eigentum zurückzugeben. Das Archiv der jüdischen Gemeinde war vor Kriegsende irgendwo abtransportiert worden und verschwunden, notwendige Papiere fehlten. Über private Gegenstände und Bankkonten sollte Vergessen herrschen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs strebten die Erben der Familien Kahn und Arnold die Rückerstattung des durch die nationalsozialistische Enteignung geraubten Unternehmenseigentums an. Die mühevollen Verhandlungen mit der NAK – damaliger Besitzer – führten 1950 zu einem juristischen Vergleich, der jedoch der erhofften Wiedergutmachung Hohn sprach. Denn eine faktische Rückerstattung des Unternehmens bzw. der Unternehmensanteile lag schlichtweg nicht im Interesse der NAK, weshalb sie auch nicht zustande kam. Zudem lag die Entschädigungssumme um ein Mehrfaches unter dem Realwert des Unternehmens von 1938. Die namentlich in der Ausstellung genannten Vorstände der NAK, die den Zwangsverkauf von 1938 als ein legales Rechtsgeschäft darstellen wollten, setzten die Erbengemeinschaft noch mit der Drohung unter Druck, den Vergleich bei Nichtannahme scheitern zu lassen – was eine faktische Entschädigung auf unübersehbare Zeit verzögert hätte. Sie verstiegen sich sogar zu der zynischen Feststellung, dass die Entschädigungszahlungen von 1950 ein „neues Unrecht“ bedeuten würden. Aus der Sicht der ehemaligen Eigentümer musste sich der Vergleich wie eine neuerliche Enteignung anfühlen.

Es scheint mir, dass diese Ausstellung wie ein Weckruf zu einem neuen Zugangs zur Aufarbeitung der Nazi-Zeit dienen kann. Die Profiteure der Arisierung wurden im Westen meistens als »Mitläufer« eingestuft und blieben unversehrt in ihren Positionen und bei ihrem arisiertem Eigentum. Heute ist die Generation der Profiteure selbst nicht mehr am Leben und es ist Zeit, dem damaligen Unrecht die Gesichter und Namen nicht nur der Opfer, sondern auch der Täter hinzuzufügen.

Die in Zusammenarbeit vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum tim und dem Jüdischen Kulturmuseum mit den Nachkommen der Familien Kahn und Arnold entstandene Ausstellung ist wichtig und aufschlussreich. Besuchen Sie sie, lesen Sie sorgfältig die ausgestellten Dokumente, es lohnt sich.

www.timbayern.de
www.jkmas.de

Foto: Spinnerei und Weberei am Sparrenlech Kahn & Arnold, Ende 1920er-Jahre (Foto: Sammlung Häußler)

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