Mit zwei Geschwindigkeiten

25. Mai 2017 - 18:56 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Bolihua« im Schaezlerpalais präsentiert historische Hinterglasmalerei aus China.

»Bolihua« (so nennt man Hinterglasmalerei auf chinesisch) zeigt 130 Beispiele dieser Kunstform aus China vom Ende des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung dieser Art ist die erste in Deutschland, die Existenz dieser Kunst ist selbst für viele Chinesen unbekannt. So waren etwa die Mitglieder der Delegation aus der Augsburger Partnerstadt Jinan bei der Besichtigung sichtlich erstaunt.

Hinterglasmalerei ist in China nicht autochthon. Seit dem 17. Jahrhundert fertigten ganze chinesische Dörfer nach europäischen Aufträgen Hinterglasbilder als Exportwaren an. Auf während des Transports beschädigten Glasplatten, die aus Europa exportiert wurden, begonnen sie, auch für den heimischen Markt Bilder dieser Art zu fertigen. Im Laufe der Zeit wurde die Produktion für den Binnenmarkt erweitert.

Auf den ersten Blick sind alle Bilder ästhetisch sehr schön. Doch sieht man auf ihnen Menschen in zweifelsohne theatralischen Posen, mit ganz spezifischen Frisuren und Theaterschminke. Kinder sind fettleibig, viele Frauen auch. Immer wieder gibt es Hieroglyphen. Die Bedeutung der Bilder entzieht sich unserem Verständnis.

Natürlich sind die Bilder mit chinesischen Themen und nach chinesischer Ästhetik gemalt. Sie zeigen einige Figuren und Szenen aus dem Buddhismus und Daoismus und aus der klassischen chinesischen Literatur. Das sorgt beim Betrachter mit europäischem Kulturhintergrund für Schwierigkeiten. Die Bilder sind schön, aber man kann kaum verstehen, wer wen und wozu verfolgt, was dort die Posen der Menschen und verschiedene Artefakte bedeuten.

Natürlich helfen bei dem Betrachten der Ausstellung Begleittexte, die bei jedem Bild ausgehängt sind. Viel mehr Erklärung aber kann man im Katalog finden, der in jedem Saal ausgelegt ist. Ich kann Ihnen empfehlen, diese Ausstellung in zwei Phasen anzuschauen. Erstens machen Sie einen Rundgang, um eine allgemeine Vorstellung zu bekommen. Danach wählen Sie für sich einen Saal aus (die Bilder sind nach Motivgruppen gegliedert) und schauen sich die Bilder in diesem Saal zusammen mit den Kommentaren aus dem Katalog an. Das braucht Zeit, Aufmerksamkeit und geistige Bemühung, Sie schaffen bei einem Besuch kaum mehr als einen Saal. Doch das lohnt sich, die volle Bedeutung des Ausgestellten zu verstehen und zu genießen. Für die ganze Ausstellung braucht man sicher wiederholte Besuche. Glücklicherweise ist das noch bis zum 15. Oktober möglich.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Foto: Das glückbringende Dreigestirn und Knaben (Kat. 105), 19. Jh., © Privatbesitz, Foto: Andreas Brücklmair

Thema:

Weitere Positionen

7. Dezember 2017 - 8:14 | Thomas Ferstl

Ein Kinobesuch während der Feiertage? Ob sich das lohnt, lesen Sie in der a3kultur-Kinokolumne »Projektor«.

6. Dezember 2017 - 10:48 | Susanne Thoma

Die Vertreter*innen der freien Kulturszene stehen fest.

5. Dezember 2017 - 10:57 | Dieter Ferdinand

Teilhabe und Kommunikation, Begegnung und Kultur: das Öko-Sozialprojekt.

grosse_schwaebische_kunstausstellung 2017_schaezlerpalais augsburg_foto_bettina_kohlen.jpg
4. Dezember 2017 - 17:05 | Bettina Kohlen

Zum 69. Mal versammelt die »Große Schwäbische Kunstausstellung« aktuelle Arbeiten von Kunstschaffenden, die in Schwaben leben oder dort geboren wurden.

4. Dezember 2017 - 10:15 | Sarvara Urunova

»Coming together« hieß das Konzert des »Mehr Musik!«-Ensembles am 30. November im tim. Mit Werken von Philip Glass, Steven Reich, Arvo Pärt und Frederic Rzewski wurde es eine erfüllende Zusammenkunft.

3. Dezember 2017 - 21:14 | Martin Schmidt

Gott im Sichtbeton, Spiritualität in Montagebau: Die Sonderausstellung »Zeichen des Aufbruchs« im Diözesanmuseum Augsburg zeigt Sakralbauten im faszinierenden Klotz- und Kanten-Odeur der 60er- und 70er-Jahre.

2. Dezember 2017 - 8:04 | Janina Kölbl

Freie Theater im Porträt: Theater Fritz und Freunde

30. November 2017 - 8:10 | Gast

Der Münchner Trikont-Verlag wird 50. Ein Gastbeitrag von Franz Dobler

28. November 2017 - 11:55 | Dieter Ferdinand

In der Brechtbühne führt das Theater Augsburg Dieter Fortes Stück »Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung« auf.

28. November 2017 - 7:22 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung „Kleine Welten“ ist zur Tradition geworden. Jahr für Jahr zeigt das Maximilianmuseum den kleinen und großen Besuchern wunderbare Spielzeuge aus alten Zeiten.