Der Klang der Freiheit

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

Der 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa und der Befreiung vom Faschismus war ein Jubiläum. das 2020 aufgrund der Corona-Pandemie nicht ausreichend gewürdigt werden konnte. Zum Ende des Jubiläumsjahres hat der in Augsburg lebende Dichter, Komponist und Klangkünstler Martyn Schmidt ein Album vorgelegt, das sich ganz dieser Würdigung verschrieben hat: »kammerton a'a. Aalen nach dem Krieg«. Der Untertitel »Ein Hörpoem« beschreibt treffend die Mischung aus dokumentarischen Zeitzeugenstimmen und poetischen Sprechtexten, O-Ton-Geräuschen und Musik.

Aalen, die Kreisstadt auf der schwäbischen Ostalb, die 1945 durch US-amerikanische Truppen vom Nazi-Regime befreit wurde und unter der Ägide von Major Charles A. Pallette und dem Bürgermeister Karl Otto Balluff (1945 - 1950) ihre ersten Schritte in Richtung Demokratie unternahm, wird in Schmidts Stück zum repräsentativen Brennglas, in dem sich Nachkriegsdeutschland spiegelt. Aalen war eine biografische Station so unterschiedlicher historischer Figuren wie Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel und Hitler-Attentäter Georg Elser. Doch Schmidt, der selbst in Aalen aufgewachsen ist, wählt einen weniger offensichtlichen, aber künstlerisch viel ergiebigeren Ansatzpunkt: die von 1866 bis 1973 existierende Klavierfabrik Haegele, deren Klaviere für ihren besonders resonanten, lange nachhallenden Klang geschätzt wurden. Die Räume der Klavierfabrik dienten von Mai 1945 bis 1947 als Ort der Spruchkammerverfahren im Zuge der sogenannten Entnazifizierung.

In Interview-O-Tönen lässt Schmidt daher neben dem 1932 geborenen Zeitzeugen Erwin Hafner auch Hermann Mößner zu Wort, dessen Vater fast 50 Jahre lang in der Klavierfabrik Haegele arbeitete. Klaus Striegel, der heute in Aalen als Klavierbaumeister tätig ist, spricht über die Kunst des Klavierstimmens. Denn das Klavier und seine Stimmung liefern die Metapher, die in der weit ausgreifenden Komposition »kammerton a'a« an jeder Stelle perfekt als organisierendes Prinzip fungiert: Aalen, so wie ganz Deutschland, musste nach 1945 geistig und gesellschaftlich neu gestimmt werden wie ein sehr stark beschädigtes Instrument. Schließlich, so Erwin Hafner im Interview, habe es ja keinen mehr gegeben, der wusste, was Demokratie ist. Das kurze Intermezzo der Weimarer Republik hatten die Jungen – wie er – nicht erlebt, bei den Älteren hatte es dagegen keine ausreichend tiefen Spuren hinterlassen.

Allein die bewegenden Ausführungen Hafners, der mit seinen zum Zeitpunkt der Aufnahme 88 Jahren noch ein ausgesprochen lebendiger, dabei klug analysierender Erzähler ist, machen dieses Album hörenswert, nicht nur für Aalener. Die Bewahrung dieser Oral-History-Dokumente wird Martyn Schmidt hoffentlich einen Platz (nicht nur) im Geschichtsunterricht sichern. Es könnte ein wirksames Gegengift sein gegen dumpfe Demokratiefeindlichkeit, wohlfeile Europaskepsis und billigen Antiamerikanismus, deren aktuelle Ausbreitung vielleicht auch dadurch begünstigt wird, dass durch das Sterben der letzten Zeitzeug*innen die Schrecken des Krieges und seiner Folgen bald gänzlich aus dem kollektiven Gedächtnis der deutschen Gesellschaft verschwunden sein werden.

Neben Außenaufnahmen aus dem Aalen von heute und aus der Klavierbauwerkstatt von Klaus Striegel besteht die Klangkomposition des Stücks aus Originalmusik von Martyn Schmidt, die er auf einem Haegele-Klavier eingespielt hat. Der lang nachhallende Klang des Instruments bei den sparsam gesetzten Akkorden wird mit studiotechnischen Mitteln noch dezent verstärkt. Das kontemplative, melancholische, atmosphärische Assoziationsräume öffnende Klangbild lässt an einen Komponisten wie Morton Feldman, aber auch an Ambient-Acts wie etwa Celer denken.

Die Klaviermetapher ermöglicht es Schmidt auch, auf schlüssige Weise einen mit Aalen verbundenen Vordenker eines demokratischen Deutschlands mit einzubinden: Christian Friedrich Daniel Schubart, der in Aalen aufwuchs, war nicht nur ein scharfer Kritiker des Absolutismus, sondern auch Musiker, und kommt mit Zitaten aus seiner »Ästhetik der Tonkunst« sowie dem Gedicht »Serafina an ihr Klavier« zu Wort, gelesen von Klaus Striegel bzw. von Martyn Schmidt selbst.

Eine Beschäftigung mit 1945 aus deutscher Perspektive wäre freilich – künstlerisch wie moralisch – verfehlt, wenn sie nicht den Blick auf die Opfer des Faschismus richten würde. Martyn Schmidts »kammerton a'a« ist Fanny Kahn (1871-1942) gewidmet. Sie wurde 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet und war damit – in dieser Hinsicht ist Aalen offenbar leider sehr untypisch für deutsche Städte – das einzige Shoah-Opfer aus Aalen. Die ausführliche, mit historischen Quellenbelegen versehene Widmung im CD-Booklet berichtet über Fanny Kahn: »Um nach dem frühen Tod ihres Mannes ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, gab sie Klavierunterricht in Aalen. Sie war im Besitz eines schönen Flügels.« Dass auch die Biografie von Fanny Kahn sich auf das Klavier-Leitmotiv von »kammerton a'a« beziehen lässt, ermöglicht es Martyn Schmidt, das Gedenken an sie auf eine subtile Weise zu evozieren, die sich der schmerzhaften Abwesenheit der Deportierten und Ermordeten stellt: Geräuschaufnahmen von Kahns einstigem Wohnort und an dem nach ihr benannten Fanny-Kahn-Weg werden verwoben mit einer Rezitation des Gedichts »Mein blaues Klavier« von Else Lasker-Schüler, das die jüdische Dichterin 1943 im Exil in Jerusalem veröffentlichte, das beginnt: »Ich habe zu Hause ein blaues Klavier / Und kenne doch keine Note. // Es steht im Dunkel der Kellertür, / Seitdem die Welt verrohte.« Indem das Klavier hier für jene Heimat steht, die die Nazis den jüdischen Deutschen geraubt hatten, beleuchtet das Gedicht die Klaviermetapher von »kammerton a'a« nochmals von einer ganz anderen Seite und immunisiert das Stück sozusagen gegen jede verkürzende Deutung im Sinne irgendeiner Form von Lokalpatriotismus.  

Mit »kammerton a'a« ist Martyn Schmidt ein akustisches Kunstwerk gelungen, das sich mit größter Klugheit und Kunstfertigkeit eines intermedialen Instrumentariums bedient, das in dieser Breite nur dem Hörspiel zur Verfügung steht. Martyn Schmidt, dessen künstlerische Position in ihrer Vielseitigkeit von Lyrik über Songwriting bis hin zu elektroakustischer Musik und Klanginstallationen ihresgleichen sucht, agiert auch in diesem für ihn neuen Medium (und mit einer komplett unabhängig realisierten Autorenproduktion!) auf einem künstlerischen Niveau, das man sogar unter den weitaus personal- und ressourcenintensiveren Hörspielproduktionen großer Radiosender nur selten antrifft. Das ist keine emphatische Behauptung, sondern von der Warte dieses Rezensenten ein empirischer Befund. Ich konnte nämlich 2020 als Mitglied der Jury für das Hörspiel des Monats weit über 100 Produktionen aller ARD-Sender sowie des österreichischen und schweizerischen Rundfunks hören. Darunter waren viele sehr gute Hörspiele, aber kaum mehr als ein halbes Dutzend Produktionen, die sich in der Synthese von gesellschaftlich-politischer Relevanz, emotionaler Intensität, stimmlicher Prägnanz und musikalischer Schönheit mit »kammerton a'a« messen könnten.

Dass »kammerton a'a« statt im Radio auf CD erscheint, hat indes den großen Vorteil, dass damit noch Quellen- und Bildinformationen mit transportiert werden können. Interessierten sei der Erwerb der limitierten und nummerierten »Balluff-Edition« des Albums ans Herz gelegt. Das liebevoll gestaltete Boxset enthält für einen Preis, der gerade einmal dem mancher Buch-Hardcover oder Vinyl-LPs entspricht, quasi ein gesamtes Museum im Taschenformat: Reproduktionen historischer Zeitungen aus dem Stadtarchiv Aalen, Fotos vom kriegszerstörten Aalen und der Klavierfabrik Haegele, von den historischen Persönlichkeiten Fanny Kahn, Karl Otto Balluff und Charles A. Pallette, aber auch von den am Hörspiel mitwirkenden Zeitzeugen, dazu authentische Objekte – Saiten, Hammer, Stimmwirbel und sorgfältig abgepackte Hobelspäne – aus der Klavierbauwerkstatt von Klaus Striegel sowie nicht zuletzt das Bonus-Album »Schwebungen«, auf dem Martyn Schmidt das musikalische Material von »kammerton a'a« zu weiteren (instrumentalen) Kompositionen arrangiert hat. »kammerton a'a« ist auch im Download als Digital Album – dann aber ohne das spannende Bildmaterial – erhältlich. Auf der Bandcamp-Seite des Künstlers ist auch ein Video zum Hörbuch zu sehen.

Martyn Schmidt: »kammerton a'a«. Aalen nach dem Krieg. Ein Hörpoem. CD (22 €) bzw. Doppel-CD (Balluff-Edition, 30 €) oder Download (9 €) erhältlich über www.martynschmidt.bandcamp.com

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