Architekturmuseum: Träger gesucht

07.08.2019 - 11:56 | a3redaktion

Die TU München zieht sich nach 24 Jahren als Träger des Architekturmuseums Schwaben zurück. Die Buchegger-Stiftung, Eigentümerin des Hauses und Finanzier des Museumsbetriebs, nimmt eine Neuausrichtung in Angriff.

Mit einer nun veröffentlichten, umfangreichen Pressemitteilung bringt sich die Buchegger-Stiftung inhaltlich in Position – und stellt die aktuelle lokale Berichterstattung zum Thema richtig. Die Meldung im Wortlaut:

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Zur Zukunft des Architekturmuseum Schwaben: Neubau und Neuanfang

Nach dem Rückzug der TU München: Das Architekturmuseum Schwaben wird als lebendiges »Zentrum für Architektur« im Thelottviertel wiedereröffnet werden

1. Die TU München (TUM) ist seit 1995 Träger des Architekturmuseum Schwaben (AMS). Gründungsdirektor Prof. Winfried Nerdinger (Direktor von 1995 – 2012) hat das AMS in kürzester Zeit zu einer bedeutenden Forschungsstätte für die regionale Architekturgeschichte entwickelt. Das AMS hat durch eine überlegte Mischung an Ausstellungen und Veranstaltungen zur regionalen Architekturgeschichte, übergreifenden Architekturthemen und internationalen Entwicklungen sowie durch seine aufwendigen und wissenschaftlich anspruchsvollen Publikationen deutschlandweit Beachtung gefunden.

2. Die TU München hat im Juli 2018 auf Veranlassung des seit 2013 amtierenden Museumsdirektors Prof. Lepik die Verträge mit der Arno Buchegger Stiftung (ABS) gekündigt. Die TU München wird demnach das Architekturmuseum am Jahresende 2019 schließen und die Villa Buchegger an die Buchegger Stiftung zurückgeben.

3. Um das Positive vorwegzunehmen: Auch wenn die TU München das Museum am Jahresende 2019 schließen wird, hat das Architekturmuseum an seinem bisherigen Standort auch seine Zukunft. Das Museum wird nach der notwendigen Schließung mit neuem Konzept und einem modernen Anbau als »Zentrum für Architektur« neu starten. Die in der Augsburger Allgemeinen geäußerten Bedenken – »Befremden«, »Entsetzen«, »Untergang«, »nach zwei Jahren Schließung ist das Museum doch tot« – können wir entkräften:

Über die Zukunft des Museums sollte die künftige Qualität seiner Arbeit, nicht eine kurzfristige und unumgängliche Schließung, die nicht die ABS zu verantworten hat, entscheiden. Die Themen Architektur und wie wir künftig leben wollen sind so wichtig und spannend, dass bei einem konstruktiven Mitwirken aller Beteiligten, zu dem alle Architekturinteressierten eingeladen sind, das neue Museum wieder eine Erfolgsgeschichte und bedeutende Einrichtung für die Region Schwaben wird.

4. Kündigung der TU München: Die Kündigungsabsicht der TUM wurde der Stiftung erstmalig am 15.01.2018 mitgeteilt, gleichzeitig ein Workshop zur Zukunft des Museums vereinbart, den die TUM aber nie durchgeführt hat.

5. Stattdessen hat die TUM im Juli 2018 die Kündigung der Vereinbarungen mit der Buchegger Stiftung erklärt. Verhandlungen über eine Fortführung der Zusammenarbeit wurden zwar angekündigt, aber nicht angeboten oder aufgenommen. Am 07.01.2019 wurden der Stiftung wenige Stichpunkte übermittelt, mit denen die TUM angeboten hat, das Museum lediglich für eine Probezeit von zwei Jahren zu leiten, um dann über eine endgültige Fortführung zu entscheiden. Der Beirat der Stiftung hat in seiner Sitzung vom 19.01.2019 einstimmig entschieden, dass die Verhandlungen mit der TUM nicht mehr aufgenommen werden, da ein Konzept langfristig angelegt sein muss, die Museumsarbeit immer stärker eingeschränkt wurde und die Besucher ausgeblieben sind. Anschließende Gespräche mit dem Dekanat der Architekturfakultät der TUM sind gleichfalls ergebnislos verlaufen.

6. Ohne die Kündigung der TUM hätte sich die Zusammenarbeit um jeweils fünf Jahre verlängert. Der Frage, warum die TUM einen Vertrag kündigt, wird im Artikel der Augsburger Allgemeinen nicht nachgegangen.Die Stiftung hat nahezu 25 Jahre ihre Verpflichtungen einschränkungslos erfüllt: Sämtliche Zahlungen wurden pünktlich und vollständig geleistet, über die Verträge hinaus wurden zahlreiche zusätzliche Leistungen übernommen. Welche konkreten Änderungen die TUM für nötig erachtete, wurde nie mitgeteilt.

7. Finanzierung und Führung des Museums bis 2019: In den vertraglichen Vereinbarungen hatte die Buchegger Stiftung der TUM die wesentlichen jährlichen Stiftungsmittel sowie die Villa Buchegger für den Betrieb des Museums zur Verfügung gestellt.

Die Finanzierung des AMS erfolgte also ausschließlich durch die Buchegger Stiftung. Diese hat die Personalkosten und Sachmittel finanziert. Wesentliche eigene finanzielle Aufwendungen hatte die TUM (Budget 1,55 Mrd. Euro) nicht eingebracht. Zusätzlich hat die Buchegger Stiftung nahezu sämtliche Buchprojekte finanziert. Die Angebote der Stiftung solche Projekte weiterhin zu fördern (Stichwort Forschungszentrum) wurden von der TUM nicht wahrgenommen, angebotene Stiftungsmittel für die Forschung / Buchprojekte nicht abgerufen.

8. Die TUM hatte alle Freiheiten bei der Gestaltung des Museums. Inhaltliche Vorgaben bestanden nicht. Vertraglich war mit der TUM der Betrieb eines Architekturmuseums mit mindestens drei Ausstellungen jährlich vereinbart. Die jetzt über die Augsburger Allgemeine verkündete »Vision« der TUM von nur noch drei Ausstellungen pro Jahr, einem Forschungszentrum für Stadtentwicklung und regionale Baukultur findet sich bereits im Vertrag mit der TUM verankert.

9. Warum Änderungen? Die Buchegger Stiftung hat nach der Kündigungserklärung der TUM aus einer Vielzahl von Gründen entschieden, die Verhandlungen mit der TU München nicht mehr aufzunehmen. Eine probeweise Übernahme des Museums für zwei Jahre nach einem bereits 25-jährigen Betrieb ist kein zielgerichtetes Handeln. Wenn die TUM sich einen dauerhaften Betrieb des Museums nicht zutraut, liegen Veränderungen nahe.

10. Der Ruf des Museums hat in den letzten Jahren gelitten. Bereits in dem Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 25.07.2018 wurde Architekt Frank Lattke zitiert, der dem Architekturmuseum einen »unwürdigen Zustand« attestiert. Architekten bleiben den Ausstellungseröffnungen seit längerem fern. Bei einer Ausstellungseröffnung im Juni 2019 haben sich außer den Beteiligten lediglich zwei Besucher eingefunden. Der Internetauftritt des Augsburger Museums war zeitweise vollständig eingestellt. Die Publikationen des AMS sind im Gegensatz zu den Büchern und Katalogen des Münchner Museums auf den gemeinsamen Webseiten der beiden Museen nicht zu finden. Einladungen für Ausstellungseröffnungen werden teilweise erst nach der Eröffnung übermittelt.

Die Wertschätzung der TUM für das Augsburger Museum wurde von der Architektenschaft vermehrt in Frage gestellt. Die Außendarstellung des Augsburger Museums wurde immer wieder kritisiert.

11. Jahresprogramme gibt es schon lange nicht mehr, obwohl die Stiftung die zusätzliche Finanzierung mehrfach angeboten hat. Die Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag des Architekten Alexander von Branca wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die bisher herausragende Publikationsreihe des AMS, die in den letzten Jahren nicht mehr aufgegriffen wurde, mit einer qualitätsvollen Monographie fortzusetzen und durch begleitende Veranstaltungen die Sichtbarkeit des Museums in Stadt und Region zu verankern.

12. Die im Kommentar der Augsburger Allgemeinen vom 27.07.2019 herausgestellte »hohe Forschungskompetenz, …internationalem Umgriff, zeitgemäße Museumskonzepte und überregionale Architekturentwicklungen«, die unbestritten sind und wegen derer die TUM zu Recht als Exzellenzuniversität geführt wird, wurden zumindest in den letzten Jahren für das AMS nicht erkennbar genutzt. Die Konzentration der TUM gilt dem Münchner Museum, das im Gegensatz zum Augsburger Ableger mit erheblichen Mitteln ausgestattet ist. Der Zeitpunkt für Änderungen ist unbestreitbar eingetreten. Die ABS hat sich die Entscheidung nicht leichtgemacht, aber die durch die Kündigung der TUM geschaffenen Fakten als Chance und unabdingbare Notwendigkeit einer Erneuerung erkannt.

13. Ausblick: Die Arno Buchegger Stiftung garantiert, dass das Architekturmuseum nach einer vorübergehenden Schließung, und einer notwendigen Phase des Aufräumens, der Analyse und Organisation mit einem neuen Träger und einem überarbeiteten, tragfähigen Konzept wiedereröffnen wird. Ein »Zentrum für Architektur« soll einer breiten Bevölkerung modernes Wissen zu Architektur, Städtebau und Baukultur vermitteln und gleichzeitig Architekten, Städteplanern und Architekturinteressierten ein Diskussionsforum bieten. Das Architekturmuseum wird zuverlässig wieder als lebendiges Zentrum der Architektur im Thelottviertel fest verankert werden.

14. Die vier Säulen des Museums werden
    1. Archiv / Sammlung
    2. Forschung
    3. Diskussion und
    4. Ausstellungen sein.

Der Bereich der Ausstellungsplanung wird nach vorläufigen Überlegungen dabei einem Kuratorium übertragen, das sich aus Architektur- und Museumsfachleuten zusammensetzen soll, das wiederum für die Ausstellungen Kuratoren bestimmt, die die Ausstellungen unabhängig und eigenverantwortlich planen. Das Museum soll durch vielfältige Positionen von außen immer wieder neue Denkanstöße und Sichtweisen zulassen.

15. Im Bereich Diskussion werden durch Vorträge, Seminare, Besichtigungen und Podiumsdiskussionen vornehmlich die aktuellen Architekturentwicklungen und städtebaulichen Fragen aufgegriffen und hoffentlich kontrovers ausgetragen werden. Wissenschaftliche Essays und polemische Verkürzungen sollen gleichzeitig möglich sein. Die Architekten sollen über ihre Verbände BDA und SAIV in die Diskussionen eingebunden werden. Die Forschung wird sich auf die regionale Baukultur konzentrieren.

16. Dass Architekturthemen großes Interesse wecken können, zeigen die aktuelle Ausstellung im tim (Responsive Design Ethiopia Weaving in Architecture. Design. Fashion.) mit ca. 180 Eröffnungsgästen oder auch die vom BDA-Vorsitzenden Hans Schuller organisierten Architekturspaziergänge »Flanier-mit-mir«. Ein Architekturzentrum wird ein großes Potential für Augsburg und die Region haben.

17. Dass die Stiftung aktuell kein in allen Details ausgearbeitetes Museumskonzept, wie von der Augsburger Allgemeinen gefordert, vorweisen kann und muss, versteht sich von selbst: Es ist nicht Aufgabe der Stiftung alle Einzelheiten dem künftigen Träger vorzugeben und diesen in ein fertiges Konzept zu zwingen. Die Stiftung überlässt dem Träger das wirtschaftliche Fundament für die Museumsarbeit. Die herausfordernde Aufgabe der Inhalte bleibt dem künftigen Träger, sowie Museumsfachleuten und Architekturwissenschaftlern vorbehalten, die hierüber unabhängig vom Geldgeber entscheiden sollen. Die Eckpfeiler für die künftige Ausrichtung müssen selbstverständlich stehen, diese sind allerdings bei einem Architekturmuseum nicht unlösbar schwierig.

18. Ergänzungsbau: Für die künftige Museumsarbeit und das angedachte Zentrum für Architektur ist ein Ergänzungsbau unumgänglich. Hierzu wurden bereits mehrere Architekten um Entwürfe gebeten: Da die Bausumme gering ist, der Anbau klein ausfallen wird und die Stiftungsmittel begrenzt sind, wurde auf einen aufwendigen Wettbewerb verzichtet. Das Raumkonzept wurde von Architekten, Professoren und Museumsfachleuten professionell entworfen. Bei den Überlegungen konnte auch auf den Wettbewerb 1995 und das dort bereits entwickelte Raumprogramm zurückgegriffen werden.

19. Mit Entwürfen für den Neubau wurden lokale, regionale und auswärtige Architekten beauftragt. Wichtig war der Stiftung auch einem jungen Architekturbüro die Chance einer Beteiligung zu geben. Die fünf Teilnehmer sind: die früheren BDA-Vorsitzenden Frank Lattke, Beate Kreuzer (beide Augsburg) und Prof. Christoph Mäckler (Frankfurt), aus dem Allgäu das Architekturbüro soho (Alexander Nägele), sowie als junge Teilnehmer Julian Chiellino / Sophie Reiner vom Büro studioeuropa (München), die zuletzt den Wettbewerb zur Bauakademie (Schinkel) in Berlin gewonnen haben.

20. Webseite: Im Jahr 2020 wird die Stiftung eine Webseite einrichten, auf der regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen zum neuen Architekturmuseum informiert wird.

21. Danksagung: Die Arno Buchegger Stiftung bedankt sich bei der TUM für eine 25-jährige Zusammenarbeit, die mit über 100 Ausstellungen und einer herausragenden Schriftenreihe Großes geleistet hat. Unser besonderer Dank gilt dem Gründungsdirektor Prof. Nerdinger (Direktor von 1995 bis 2012), der durch seinen unermüdlichen Einsatz das Museum erst möglich gemacht hat, aber auch seinem Nachfolger Prof. Lepik (Direktor seit Oktober 2012), sowie den stellvertretenden Museumsleiter*innen Uli Heiss, Julia Jedelhauser und insbesondere Dr. Barbara Wolf – sowie Alexandra Rauch stellvertretend für alle Beschäftigten der TUM, die in den vergangenen Jahren engagiert und oft ehrenamtlich für das Museum tätig waren.

22. Ausblick: Augsburg wurde immer wieder um sein »Juwel«, eines von lediglich drei Architekturmuseen in Deutschland, beneidet. Die Arno Buchegger Stiftung wird ihren Anteil dazu beitragen, dass ein »Zentrum für Architektur« das kulturelle Leben und den Architekturdiskurs in Bayerisch-Schwaben dauerhaft befördert.

Dr. Kautz, Vorstand / Ulrich Wilhelm, Vorstand / Anette Urban, Beiratsvorsitzende


Foto: Architekturmuseum Schwaben in Augsburg, die Buchegger-Villa von der Gartenseite aus gesehen. (Quelle: Wikipedia, Neitram, Architekturmuseum Schwaben Gartenseite, CC BY-SA 4.0)

 

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