Politik & Gesellschaft

Bis eine* weint! – Warum »Danke, Mama« nicht reicht

Juliana Hazoth
21. September 2021
Die Autorinnen Nicole Noller und Natalie Stanczak.

Das Projekt Faces of Moms* bietet eine Plattform, auf der Mütter* über ihre Erfahrungen sprechen und sich austauschen können.

Am Dienstag, 21. September, ist der Tag der Dankbarkeit. Dieser Aktionstag soll daran erinnern, dass jeder Mensch etwas hat, wofür er dankbar sein kann. Das kann alles sein; ein Dach über dem Kopf, Familie und Freunde, schönes Wetter oder doch noch den Bus zu erwischen. Menschen, die dankbar sind, die sich darüber bewusst sind und ihre Dankbarkeit aussprechen, sind nachweislich glücklicher. Und auch Menschen, denen gedankt wird, sind glücklicher.

Eigentlich also eine Win-Win-Situation. Eigentlich. Mit Dankbarkeit ist es nämlich so eine Sache. So wohltuend und auch wichtig sie ist, sie reicht in manchen Situationen einfach nicht aus. So war es natürlich eine schöne Geste, als im letzten Jahr die Menschen auf ihren Balkonen standen und den Pflegekräften, Ärzt*innen und anderen »systemrelevanten« Arbeiter*innen applaudiert haben. Aber das kann es ja nicht gewesen sein, oder? Manches erfordert einfach mehr.

So steht es vor allem im Bereich der Care Arbeit allgemein. Gemeint ist damit Arbeit bzw. Aufgaben, die darin bestehen, sich um andere zu kümmern, wie es beispielsweise bei der Kranken- und Altenpflege oder der Kinderbetreuung der Fall ist. Berufe in diesen Bereichen werden schlecht bezahlt. Abseits davon gibt es jedoch noch den privaten Bereich, in dem Care Arbeit grundsätzlich gar nicht entlohnt wird. Im Gegenteil, wer Care Arbeit leistet, zieht so gut wie immer den Kürzeren.

Die Coronakrise hat auch hier einige Probleme weiter offengelegt, die eigentlich bereits bekannten, aber meist ignorierten Systemfehler nochmal ins Gespräch gebracht. Diese Aufmerksamkeit haben Nicole Noller und Natalie Stanczak genutzt und das Projekt Faces of Moms* gestartet. Die Idee: Eine Plattform bieten, auf der Mütter* über ihre Erfahrungen sprechen und sich austauschen können, sowohl in der Krise, als auch darüber hinaus. Aber mehr noch, Faces of Moms* soll die vielen Facetten von Familienbildern zeigen, für Care Arbeit sensibilisieren und strukturelle Ungleichheiten, die insbesondere Mütter* betreffen, sichtbar machen.

Um die Diskussion zu starten, stellen Noller und Stanczak drei Kernfragen: 1. Was ist deine größte Herausforderung? 2. Was ist dein größter Abfuck? 3. Was würde dir helfen? Auf ihrer Instagramseite gibt es dazu zahlreiche Antworten, Interviews mit anderen Müttern* und Einblicke in deren Realität. Zwei Dinge fallen dabei besonders auf. Erstens, es gibt kaum zweimal die gleiche Antwort. Sie sind ebenso unterschiedlich und individuell wie es die Antwortenden selbst und ihre Lebensumstände sind. Zweitens, trotz der facettenreichen Aussagen, lässt sich ein ganz klares Muster, klare Kernbotschaften erkennen; Mütter* sehen sich ständig mit Vorurteilen konfrontiert, übernehmen immer noch in den meisten Fällen den größten Anteil der Care Arbeit und sind dadurch finanziell und sozial benachteiligt.

Eine Auswahl der Interviews haben die beiden Aktivistinnen in ihrem Buch »Bis eine* weint! – Ehrliche Interviews mit Müttern*« zusammengetragen. Das Ergebnis: ein Manifest. 17 Mütter* erzählen von ihrer Lebensrealität, ihrem Alltag, ohne jede Wertung und ohne sich miteinander zu vergleichen. Sie alle wünschen sich bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dass der Wert von Care Arbeit endlich gewürdigt wird und ein stärkeres gesellschaftliches und politisches Bewusstsein für die Leistung und Herausforderungen von Müttern* und Familien.

Mit ihrem Projekt leisten Nicole Noller und Natalie Stanczak wichtige Aufklärungsarbeit und geben anderen die Möglichkeit, sich gemeinsam stark zu machen. Sie zeigen: Das Private ist in der Tat politisch und hier muss endlich etwas passieren. Mütter* leisten zu vieles, um es bei einem einfachen Danke belassen zu können. Sie haben mehr verdient. Weitere Informationen und Aktuelles zu dem Projekt gibt es unter: www.facesofmoms.de/

Bis eine* weint! von Nicole Noller, Natalie Stanczak 160 Seiten, Softcover, 2021 Erschienen bei Palomaa Publishing
www.palomaapublishing.de

Anmerkung: Das * bei den Begriffen Moms* bzw. Mütter* verdeutlicht, dass es sich hierbei grundsätzlich um alle Personen handelt, die sich mit der Mutterrolle identifizieren, unabhängig von ihrer Geschlechteridentität.

 

 

 

Weitere Nachrichten

15.10.2021 - 13:44 | a3redaktion

Stadt Augsburg richtet Beratungstelefon zur Radikalisierungsprävention ein. Angehörige, Befreundete und Lehrkräfte von Betroffenen erhalten kostenlos und anonym Hilfe.

15.10.2021 - 09:00 | Martin Schmidt

Der Spectrum-Club öffnet wieder: Beim Einstand mit dabei ist »Geisterfahrer« Silvano Tuiach.

14.10.2021 - 14:22 | Martin Schmidt

Bezirk Schwaben vergibt Kunstpreis an Jonas Maria Ried: Der im Allgäu ansässige Aktionskünstler überzeugte die Jury mit seinen außergewöhnlichen Video-Performances in Ställen.

14.10.2021 - 12:13 | Manuel Schedl

Vier Künstler*innen sind bis Sonntag, 31. Oktober zu Gast bei Augsburg Contemporary - ihre Arbeitsprozesse und Werke könnten nicht unterschiedlicher sein.

13.10.2021 - 11:05 | Juliana Hazoth

Am Freitag, den 29. Oktober um 19:00 Uhr liest Christina Walker in der Schlosser’schen Buchhandlung aus ihrem Roman »Auto« und nimmt dabei die beschleunigte Erfolgsgesellschaft aufs Korn.

12.10.2021 - 09:00 | Anna Hahn

Das Junge Theater Augsburg begibt sich mit seinem neuen Bürgerbühnenstück »Unter einem Dach?« auf eine autobiographische Spurensuche zum Thema Wohnen.

11.10.2021 - 09:18 | Sarvara Urunova

Während der 1. Jüdischen Kulturwoche Schwaben, die vom Sonntag, 10. bis Sonntag, 17. Oktober stattfindet, spielt das Ensemble der Bayerischen Kammerphilharmonie ein großes Festkonzert in der Augsburger Synagoge.

09.10.2021 - 10:00 | Martin Schmidt

Uraufführung in Schwabmünchen: Das Joachim Rocky Knauer Septett & The Contemporary Music Orchestra spielen »Menkingen Highlights«.

07.10.2021 - 11:34 | Manuel Schedl

Der Holzbildhauer Olli Marschall lädt wieder zum traditionellen Gar­tenatelier »MarsArt« in Vogelsang ein und präsentiert seine neuesten Holz­skulpturen, die dieses Jahr ganz im Zeichen eines Gestaltungselements stehen: des Lochs.

06.10.2021 - 07:21 | Sarvara Urunova

Das 3. Festival für Alte Musik Augsburg (FAMA) findet dieses Jahr im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Fuggerschen Stiftungen statt. Vom 8. bis 10. Oktober präsentieren international renommierte Akteure des Genres Alten Musik fünf Konzerte, Workshops und Vorträge rund um das Thema »Musik für das Haus Fugger.«