Dröhnen, Drones und Druckwellen

19.07.2018 - 07:48 | Martin Schmidt

An evening of the unexpected – das »re:flexions sound-art festival« bringt aus sechs Ländern Impro und Elektronik, Noise und Klangkunst, Akusmatik und Akkordeon zusammen.

Geste der vollinhaltlichen Zustimmung: Internationale Sound- und Improkonferenz, und dann noch ausperformt auf der Theaterbühne des Kulturhauses abraxas, das ist eine gute Sache. Stichtag: Freitag, 20. Juli. Ebendann ergänzt das »re:flexions sound-art festival« die ebenfalls heuer im abraxas steigenden Experimento-Events »lab.30« (Oktober 2018) und »Festival für improvisierte Musik Augsburg« (November 2018) zu einer trippy-tricky Troika: Klangkunsttempel ahhh!-braxas 2018.

Abraxas und die Wilde 13

Der Juliabend aus lauter musikalischen Weltpremieren speist sich aus einem Arsenal von dreizehn Künstlern aus sechs Ländern – Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Spanien und die USA –, die in fünf Sets in verschiedenen Kombinationen auftreten werden. Bei jeder 30-minütigen Performance arbeiten zwei bis drei Künstler zum ersten Mal zusammen. Voraussetzung für die Teilnahme war die Bereitschaft, sich auf die Zusammenarbeit mit einem oder mehreren bislang unbekannten künstlerischen Partnern einzulassen. Entsprechend erarbeiteten die Teilnehmer im Zuge eines mehrtägigen Artist-in-Residence-Aufenthalts gemeinsam neue Kompositionen oder improvisieren gemeinsam. Das Ergebnis: ein einmaliger Austausch verschiedenster experimenteller (und kultureller) Stile zwischen Elektronik, akustischen Instrumenten und Stimmkunst.

Highbrow meets Undergrund-Bräu

Das wirklich Aparte an dem Kunststück »re:flexions sound-art festival« ist, dass hier in einem hübschen Booking-Mix Klangkunst mit akademischen Weihen genügend gritty Underground-Dirt angereichert bekommt, um als genuin cool durchzugehen. Schnittstellen-Clash galore, Zielgruppen-Crossover an der Opernglas- und Ohrenstöpsel-Ausgabe, Neues und Noise: Mister Knister, Frau Rau und General Grübelanalyzer sitzen in derselben Reihe. Und nun zu dem, was vor deren Augen, Ohren und flink aus dem Hirn geschälten Neurorezeptoren geschehen wird:

Jazz-Trinker und E-Bass-Messenger

Den Einstieg (Start des Festivals: 20 Uhr) macht die Klangbegegnung des Acoustic Dream Pop des Schweden Gus Ring (Akustikgitarre, Keyboard, Stimme) mit dem grob-kruden Noise- und Didgeridoo-Musiker Petrolio (Italien), untermalt beziehungsweise hinterlegt mit Live-Visuals von LDX#40 (Frankfurt). Die nächste Überraschungs-Unit bilden daraufhin der famose Augsburger Jazz-Saxofonist Jan Kiesewetter, die E-Basserin The Bassenger (Wien) und die Kultformation Feine Trinkers bei Pinkels Daheim (brummendes Bremen). Hier treffen experimenteller Jazz, experimenteller Industrial und experimentelle E-Bass-Musik aufeinander. (Hat jetzt jeder gemerkt: experimentell.)

Gläser aus Turin, Springboards aus Chicago

Weiter, weiter, weiter: Federico Dal Pozzo (Turin) wird mit Elektronik und Gläsern Klanggenese betreiben und dabei konterkariert durch die selbst gebauten Instrumente von Friedemann Rechenberg (München), welcher auch als Dozent an der Berufsfachschule für Musik in München lehrt. Akkordeon und Elektronik sowie das selbst kreierte Instrument »Springboard« werden Anja Kreysing (Münster) und Eric Leonardson (Chicago) aufeinandertreffen lassen, dazu wird die italienische Antwort auf Diamanda Galas, die Sänger-Diva Donatella Bartolomei, mit mal opernhafter, mal gothicmäßiger Stimme improvisieren. Bartolomei veröffentlichte bereits auf dem Augsburger Stimmkunst-Label »atemwerft«, Leonardson ist unter anderem Gründer der Midwest Society for Acoustic Ecology und Adjunct Associate Professor im Sound Department an der School of the Art Institute of Chicago. Kreysing ist tief verwurzelt in der Deep-Listening-Tradition der Klangkunst-Ikone Pauline Oliveros.

Gestattungsinstitut Experimentelle Musik

Die experimentelle Klangnacht beschließt Festivalveranstalter Sascha Stadlmeier (Auxburg) aka EMERGE in einer Bühnenbegegnung mit der Spanierin Sofia Bertomeu Hojberg. Deren Avantgarde-Elektronik, sphärisch und teils angereichert mit subtilen Beats, wird auf EMERGEs tief-dunkle Soundgrabungen treffen, die an der Schnittstelle von Musique concrète, Drone und Noise arbeiten. Stadlmeier, Betreiber des Experimentalmusik-Labels »attenuation circuit«, wohnt übrigens eingekeilt zwischen zwei Bestattungsinstituten direkt neben einem Friedhof. Dieser Sachverhalt hat beim Kolumnisten einst zu der Schlussfolgerung geführt, dass derlei schillernde Wohnlagen bei Menschen dazu führen, auf Lebenszeit dunkle Drone-Sounds anzufertigen. Nun weiß er es anders, vielleicht sogar besser: Es kann auch dazu führen, Musikszenen neues Leben einzuhauchen. Zum Festival ist übrigens ein exklusives, gleichnamiges Download-Album erschienen, das Tracks aller am Festival teilnehmenden Künstler präsentiert (www.emerge.bandcamp.com).

https://reflexionsac.wordpress.com/

Foto: Klangforschung, Impro, Noise und Soundscaping: Dreizehn Künstler aus sechs Ländern treffen beim »re:flexions sound-art festival« in fünf Sets musikalischer Begegnung aufeinander. Unser Bild zeigt das Instrumentarium von Federico Dal Pozzo.

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