Politik & Gesellschaft

Es rappelt im Beton

Manuel Schedl
23. Mai 2022
Auch nachts eine Augenweise. Kongress am Park. © Norbert Liesz

Kongress am Park feiert sein 50-jähriges Jubiläum. Von tanzenden Ministerpräsidenten und Highspeed-Internet im Vintage-Ambiente.

Was für London der Uhrenturm des Parlaments – von Touristen nach der darin befindlichen Glocke gerne irrtümlich »Big Ben« genannt –, das ist für Augsburg der »Maiskolben«. Der mit der heute darauf befindlichen Antenne 158 Meter hohe Turm aus Sichtbeton, von den Architekten Reinhard Brockel und Erich Müller nach dem Vorbild von Bertrand Goldbergs Zwillingstürmen der Marina City in Chicago konzipiert und gebaut für die Kanuathlet*innen der Olympischen Sommerspiele 1972, ist weithin sichtbar und prägt seit jenem nun 50 Jahre zurückliegenden Sommer die Silhouette der Stadt. Er gehört zum Ersten, was man von Augsburg zu sehen bekommt, sei es mit dem Zug aus Richtung Stuttgart/Ulm oder mit dem Auto auf der A8 aus Richtung München oder auf der B17 von Süden her anreisend.

Und wie bei seinem britischen Kollegen findet die eigentliche Action am Fuße des Wahrzeichens statt; denn hier wurde im Juli 1972, wenige Tage nach Eröffnung des elfstöckigen Hotelturms, auch das Kongresszentrum Augsburg eröffnet, das heute als Kongress am Park firmiert und ebenso wie der Turm in diesem Jahr sein fünfzigstes Jubiläum feiert.

Der Stuttgarter Architekt Max Speidel (gest. 1991) hatte dem Ensemble am Rand des Wittelsbacher Parks an der Ecke Gögginger Straße/Imhofstraße parallel zum Bau des Hotelturms eine Veranstaltungsstätte hinzugefügt, die ebenfalls im damals beliebten »béton brut«-Stil, wie ihn die Schweizer Architektenlegende Le Corbusier populär gemacht hatte, gestaltet wurde und ebenso wie der Turm nicht ohne Widerstand aus der Augsburger Bevölkerung erbaut werden konnte. Man sorgte sich um den angrenzenden Park und um das Stadtbild insgesamt.

Tagen und Tanzen

Heute ist der Kongress am Park zu einer kulturellen Ikone in Augsburg und Schwaben geworden, hat über die bayerischen Grenzen hinaus Bedeutung und hat zum Imagegewinn der Stadt beigetragen. Catering, Messebau oder Personal werden seit 2009 über die Kongress am Park Betriebs GmbH unter der Leitung von Götz Beck organisiert.

Der größte Raum ist der 825 Quadratmeter große Hauptsaal mit einer Bühne von rund 200 Quadratmetern. Im Jahr 2005 schwang die heutige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Die Grünen) hier mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU) das Tanzbein, beim Augsburger Presseball – vielleicht der denkwürdigste Society-Augenblick in der Augsburger Stadtgeschichte seit Marie Antoinettes Menuett anno 1770 im Schaezlerpalais.

Ein kleinerer »Saal Baramundi« beherbergt die weniger pompösen Veranstaltungen: Klassische Musik, Literatur oder Festivitäten mit um die 100 Personen finden hier statt.

Das Große Foyer mit angebauter Terrasse grenzt direkt an den Kongresssaal und ist geeignet für begleitende Ausstellungen, Empfänge und Catering. Die »Klassik Radio Lounge«, ein kleines, helles Foyer schließt sich an die großen Räume an.

Des Weiteren sind noch acht Tagungsräume integriert, die das Gebäude in seiner ursprünglichen Eigenschaft als Kongresszentrum unterstützen.

Auch für das junge Augsburger Publikum war der Kongress am Park immer wieder Anlaufadresse: Von 2012 bis 2018 war das Modular-Festival zu Gast und vollzog hier auch den Wandel zum kommerziellen Festival – nicht zur Freude aller.

Zurück zum Beton

Im Sinne dieses Mottos war ab 2010 die Parklounge der Schiemann-Brothers die Adresse für gehobenes Clubleben. Die Sichtbetonarchitektur plus Vintage-Beleuchtungselemente aus dem Baujahr und stilgetreue Möbeldesignklassiker aus den 1970er-Jahren wie die orange Sitzschlange »Pantonova« von Verner Panton lieferten hier das stilechte Retro-Hintergrundrauschen, zu dem Prosecco und Gin Tonic bei Disco- und R’n’B-Sounds die Kehlen befeuchteten. Seit 2012 führt hier Andreas Kahn (Feinkost Kahn) den KKlub.

50 bewegte Jahre also, in denen das einzig Beständige die Außenmauern waren, während das Innenleben immer wieder erneuert und erweitert wird.

Unter Leitung des Architekturbüros Schul­ler+Tham wurde 2010 die Generalsanierung in Angriff genommen. Im Mai 2012 wurde der Kongress am Park dann wiedereröffnet und ist seither ein Vorzeigeprojekt für ökologische Sanierung und Energieeffizienz im Denkmal, unter anderem mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach und der ersten Brennstoffzelle Augsburgs bzw. eines deutschen Kongresszentrums überhaupt. Diese liefert Strom und Wärme – CO2-neutral!

Die Sanierung der wertvollen Orgel aus dem Hause Steinmeyer in Meiningen musste zunächst aufgeschoben werden, diese erklingt seit 2020 durch Spenden teilfinanziert wieder in neuem akustischen »Glanz«.

Heute sieht sich auch die sanierte Veranstaltungsstätte mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Veranstaltungsformate sind dabei, sich zu verändern. Insbesondere die Coronapandemie hat die Digitalisierung in diesem Bereich noch schneller vorangetrieben. Mit neu geschaffenen virtuellen Räumen, mit schnellem Internet und technischem Service auf der Höhe der Zeit haben digitale Veranstaltungsformate von der kleinen Onlinekonferenz über Livestreaming bis zur komplexen Hybridveranstaltung Einzug gehalten.

Quo vadis, Nachkriegsarchitektur?

Um den Umgang mit diesem und anderen vergleichsweise jungen Denkmälern wird sich vom 17. bis 19. November auch ein Architektursymposium mit dem Titel »1972/2022 Monuments for Future in Practice­ – ­#Reallabor
(Nachkriegs-)Mo­derne« drehen. Expert*innen aus den Berei­chen Architektur, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und Bauingenieurswesen werden sich hier unter den Aspekten Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und aktuelle Transformationsprozesse mit diesem und anderen Gebäuden aus den 1960er- und 1970er-Jahren beschäftigen.

Die Veranstaltung unter der Leitung von Dr. Olaf Gisbertz (FH Dortmund) wurde initiiert vom DFG-Netzwerk Bauforschung für jüngere Baubestände (1945+) und der privaten Denkmalschutzorganisation Docomomo.

Und die Allgemeinheit? Für sie wird es zum Jubiläum des Kongressensembles eine Ausstellung mit dem Titel »50 Jahre Begegnung. Austausch. Inspiration. Erlebnis« geben, dazu zwei Sonderausstellungen zum Thema »50 Jahre Olympische Spiele in Augsburg« im Rahmen der Kanuslalom-WM und zur Historie des Modular-Festivals im Kongress am Park.

Am letzten Wochenende im Mai lädt der Kongress am Park dann auch zu einem Tag der offenen Tür mit buntem Programm, darunter Musik, Führungen und Angebote für Kinder. Am Samstag, 28. Mai ist der Einlass ab 13 Uhr, am darauffolgenden Sonntag, 29. Mai bereits ab 10 Uhr.

50 Jahre und kein bisschen leise

Und auch an der Schwelle zum 51. Lebensjahr sieht der Kongress am Park alles andere als geruhsamen Monaten entgegen: Die Klassik wird hier auch im Jahr 2022 weiterhin hochgehalten, vertreten zum Beispiel durch den Organisten Cameron Carpenter (15. Mai), es wird gerockt mit den ebenfalls schon seit fünf Jahrzehnten international erfolgreichen Briten von Status Quo (16. September) oder geswingt mit Max Raabe und seinem Palastorchester.

Richtig schön retro wird es dann mit »The Addams Family – Das Broadway Musical« (30. Oktober), für ein jüngeres Publikum wird die Musicalversion von »Aladin« auf dem Programm stehen. Und auch die deutschsprachige Comedyszene nutzt den Kongress am Park weiterhin als Bühne für zahlreiche Solo-Liveprogramme, etwa dem von Profiler Suzanne Grieger-Langer (9. Oktober) oder Harry G (22. Oktober) oder auch für einzigartige Events für Fans der bayerischen Mundart mit den Münchner Symphonikern feat. Dicht & Ergreifend (16. September).

Und natürlich werden auch die Augsburger Philharmoniker mit ihren Sinfoniekonzerten und anderem Repertoire regelmäßige Gäste im Kongress am Park sein.

Hier bewahrheitet sich ein alter Werbeslogan: Beton – es kommt drauf an, was man draus macht.

 

www.kongress-augsburg.de

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