Theater & Bühne

Klanggewaltige Systemkritik

Renate Baumille...
31. Januar 2020

Persönlich gefärbte Erinnerungen an jüdische Freunde, deren Emigration an der Bürokratie scheiterte, inspirierten den Komponisten Gian Carlo Menotti zu seinem Werk »Der Konsul«. 1950 in Philadelphia uraufgeführt, ist seine Oper über das dramatische Warten auf ein Einreisevisum erschreckend aktuell: John Sorel muss seine Mutter und seine Ehefrau Magda fluchtartig verlassen, da er als Widerstandskämpfer aufgeflogen ist. Magda und er wollen sich im Nachbarland treffen, für das sie verzweifelt versucht ein Visum zu erwirken. Doch ebenso wie zahlreiche andere Personen scheitert sie im Konsulat an der Bürokratie. Gleichzeitig wird sie von Geheimagenten terrorisiert und ihr Kind wird immer kränker, bis es schließlich stirbt. Als John entgegen aller Warnungen zurückkehrt und festgenommen wird, begeht Magda Selbstmord.

Das Libretto wird auf der Bühne als politische Parabel über Polizeiterror, Diktatur und die unausweichliche Bürokratie in eine hochemotionale Musiksprache übersetzt. Mit expressiver Klanggewalt, dramatischen Höhepunkten und lautmalerischen Momenten, die Menotti in der Nachfolge des Spätromantikers und Landsmannes Giacomo Puccini zeigen, zeichnet er das tragische Schicksal seiner weiblichen Hauptrolle Magda Sorel. In Augsburg wird diese Partie von Sally du Randt gestaltet, ihrem Bühnen-Ehemann John Sorel leiht Wiard Witholt seinen ausdrucksstarken Bariton, Kate Allen singt die Partie der Mutter.

Nicht von ungefähr brachte es »Der Konsul« damals auf nahezu 300 begeistert aufgenommene Vorstellungen am Ethel Barrymore Theatre, die Oper wurde später gar mit dem Pulitzerpreis sowie dem Drama Critics’ Circle Award ausgezeichnet. Diese Ehrungen verhalfen dem Komponisten zum internationalen Durchbruch. Sehr gern legen wir diese Musiktheater-Premiere unter der musikalischen Leitung von Ivan Demidov als »Herzstück« dieser Spielzeit allen Klassikfans ans Herz! Die Regisseurin Antje Schupp (Foto: Andreas Tobias) begründet dieses Prädikat unter anderem mit der seltenen »Kombination aus Ernsthaftigkeit, Systemkritik und aber auch sehr komischen Elementen«, nach der man sonst eher lange suchen müsse. »›Der Konsul‹ meistert diesen Spagat. In der einen Szene werden sprichwörtlich Kaninchen aus dem Hut gezaubert, in der nächsten findet brutale Polizeigewalt statt, danach spielt eine berührende Abschiedsszene – und das Ganze geht sogar ziemlich gut zusammen.«

Die in München geborene Theaterexpertin Antje Schupp (*1983), die in diesem Jahr mit dem renommierten Zürcher Festspielpreis ausgezeichnet wird, ist für die Augsburger Inszenierung verantwortlich und scheint mit ihrem Fokus auf politisches Theater dafür prädestiniert. Ihr Theater-Portfolio ist international; neben Deutschland und der Schweiz hat sie auch in Südafrika und im Kosovo Koproduktionen entwickelt und umgesetzt.

Menottis Musik erinnert Antje Schupp manchmal und im besten Sinne an Filmkompositionen. »Sie ist sehr emotional und eingängig, abwechslungsreich, vor allem aber äußerst bühnenwirksam komponiert. Man kann förmlich hören, wenn sich die Geheimpolizei anbahnt. Die Musik schafft nicht nur emotionale Tiefe bei den Figuren, sie schafft auch eine Stimmung für den Raum und die Szene. Zum Inszenieren ist das natürlich toll. Menottis großes Vorbild war angeblich Giacomo Puccini, auch das hört man.«

Premiere: 1. Februar im martini-Park. Weitere Termine: 6. und 25. Februar, 1. und 4. März, 18. April sowie 29. Mai.

Am 9. Februar um 16 Uhr hält Annette Schavan, frühe Bundesministerin für Bildung und Forschung, die Theaterpredigt zu »Der Konsul« in der Moritzkirche. Der Eintritt hierzu ist frei.

www.staatstheater-augsburg.de

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