Noise und Neo-Piano

23.02.2018 - 08:36 | Martin Schmidt

Die Brechtnacht am 24. Februar fährt mit einer musikästhetischen Mobilmachung erster Kajüte auf – darunter der Piano-Klangzauberer Martin Kohlstedt und die Ausnahme-Noisejazzer Fire!

Was das alles mit Brecht zu tun hat? Keine Ahnung, aber Hauptsache, es kommen mal wieder exorbitant geile Musiker in die Stadt. Clap your Hände! Da wäre zum Beispiel der aus dem Thüringischen stammende elektro-akustische Piano- und Electronica-Magier Martin Kohlstedt, der 2015 schon auf der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand im Deutschlandpavillon spielte. Bei der Brechtnacht spielt er im Augsburgpavillon Brechtbühne. Immer wieder wird Kohlstedt als »Protagonist des Ambient« geführt – auch das Programmheft bringt diesen Begriff –, was ein wenig Quatsch ist, Kohlstedt, ein sehr junger Musiker, ist eher kongenialer Gesinnungsgenosse von Pianisten und Komponisten wie Nils Frahm oder Max Richter, der (wie insbesondere Ersterer) heftig, aber prächtig-zärtlich mit elektronischen Klangfeldern flirtet. Impressionistisch-romantisches Pianotastenfunkeln setzt Kohlstedt in einen Transfer mit Electronica, akustisches Klavier führt er auch mal überquer mit Fender Rhodes, oft aber eben mit Electro und Beats. Ambient: nein, aber Ambiente: ja! Serielle, der Minimal Music verwandte Elemente verwebt Kohlstedt in einen erhabenen Lichtkörper aus Neoklassik und Pop, Stille und Reduktion, Elektronik und Elfenbeintasten. Klingt gut? Klingt zweimal am Samstag, 24. Februar, 20 Uhr und 21:30 Uhr, Brechtbühne.

Hypnotischen Noisejazz, einen Rock-Crossover aus Black Sabbath und Freejazz-Brutalo-Saxofon, ebendies jagt das schwedische Fire!-Trio (Foto) wie einen gigantischen Stromstoß in den kleinen Jazzclub Augsburg. Fire! machen keine Gefangenen und torpedieren Ohrentrommelfell, Bauch und auch das Köpfchen mit ungeheuer archaischer Wucht. Kopf des Power-Trios aus lediglich Bass, Schlagzeug und Saxofon ist der schwedische Ausnahme-Saxofonist Mats Gustafsson. Ein Free-Jazz-Irrer, der alle Saxofonarten spielen kann und mal- und beneträtiert und der seit 1988 sage und schreibe mehr als 80 Tonträger veröffentlicht hat. Keine Frage, Fire! sind ein avantgardistischer Doomkrachjazz-Aufreger der europäischen Spitzenklasse. In der oberschwäbischen Hauptstadt des Untergangs spielt das Feuertrio am Samstag, 24. Februar, im Jazzclub: einmal um 21:30 Uhr, und dann – zweiter Schlag, endgültige Exekution – noch mal um 23 Uhr. »Im Gepäck« haben die tighten Noisejazzer übrigens ihr neues Album »The Hands«, das knapp vier Wochen vorher beim großartigen Label Rune Grammofon (Norwegen) erscheint.

Die Brechtnacht fährt aber auch noch mit den sehr empfehlenswerten Algiers (tim, 21:30 Uhr), der Antilopen Gang (tim, 23 Uhr) oder den aus der Schweiz kommenden Experimental-Pop-Kunst-Damen Eclecta (Provino Club, 23 Uhr) auf – und der Acts noch viele mehr. Wer allerdings alle sehen will, wird planerisch angesichts der Ort-Zeit-Staffelung der einzelnen Konzerte innerlich zerbrechen. Also setzen Sie die Prioritäten in dem, wen Sie sehen wollen, gut. Und wenn Sie dann gegebenenfalls bei Kohlstedt im Publikum sitzen, dann gilt, wie Antipop-Brecht sagen würde: »Glotzen Sie bloß net so romantisch!«

www.brechtfestival.de

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