Ein Tag im November

Plötzlich Gigolo
3. November 2014 - 14:21 | Thomas Ferstl

Der kalte Regen prasselt hernieder, die Blätter der Bäume sind braun und säumen die Gehsteige. Ohne Schal und Schirm braucht man sich nicht mehr aus dem Haus zu wagen. Projektor: Kinokolumne von Thomas Ferstl

Wie schön, dass es, wenn Sie das doch müssen, einen Ort gibt, an dem Sie Schutz und Geborgenheit finden: das Kino. Was Sie dort erwartet und auf was Sie sich freuen dürfen, erfahren Sie hier.

Wir finden uns bei »Im Labyrinth des Schweigens« (6. November, Kinodreieck) im Deutschland des Jahres 1958 wieder. Der Krieg samt seinen Verbrechen liegt 13 Jahre zurück und niemand scheint davon noch etwas zu wissen. »Auschwitz« ist ein weitgehend unbekannter Begriff. Dies beginnt sich erst zu ändern, als der Journalist Thomas Gnielka in Frankfurt am Main einen ehemaligen Wärter des Vernichtungslagers anzeigen möchte. Größtenteils stößt er damit auf Ablehnung. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling), unterstützt von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss), hat ein Interesse an der Aufklärung der Vorgänge. Radmann schottet sich ab, vernachlässigt sein Privatleben und versinkt schließlich völlig in einem Netz aus Lügen, Verleugnung und Verdrängung. Dennoch gelingt es ihm, den Weg für die »Auschwitz-Prozesse« zu ebnen. Regisseur Giulio Ricciarellis Kinodebüt inszeniert die 50er-Jahre perfekt, doch ohne Klischees und Pathos kommt dieser Film nicht aus. Das ist aber zu verschmerzen, denn es handelt sich nicht um eine Samstagabenddokumentation der Öffentlich-Rechtlichen, sondern um einen Spielfilm. Erwähnenswertes Detail: Die Augsburgerin Michelle Jancik spielt eine kleine  Nebenrolle.

In John Turturros »Plötzlich Gigolo« (6. November, Kinodreieck, CinemaxX) ist der Name Programm. Buchladenbesitzer Murray (Woody Allen) kommt auf die Idee, seinen Freund Fioravante (John Turturro) als professionellen Belami mit seiner Hautärztin (Sharon Stone) zu verkuppeln. Bald hat Fioravante den Dreh raus, bei den unterschiedlichsten Frauentypen zu landen, und die Brieftaschen der Männer füllen sich. Das sündige Geschäft scheint gut zu laufen, bis, wie kann es anders sein, die Liebe in die Quere kommt. Dieser Film ist so sehr Woody Allen, wie es das Werk eines anderen Regisseurs nur sein kann. Inhalt, Ort und Wortwitz erinnern frappierend an seine Klassiker. Die Figuren sind präzise gezeichnet, fesselnd und vom Starensemble wunderbar mit Leben erfüllt. Wer Allens »Der Stadtneurotiker« oder »Eine Sommernachts-Sexkomödie« liebt, der wird auch etwas für Turturros »Plötzlich Gigolo« übrig haben.

Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten prophezeien uns, was in Christopher Nolans »Interstellar« (6. November, CinemaxX, Cineplex, Kinodreieck) bereits eingetreten ist. Die gesamte Menschheit steht kurz vor einer Nahrungsmittelknappheit und natürlich ist die einzige Chance zur Rettung ein von der US-Regierung finanziertes Projekt, bewohnbare Planeten in anderen Sternensystemen ausfindig zu machen. Typisch Hollywood. Das Trailer-Trio kommt allerdings so bombastisch daher, dass auch Fans des neapolitanischen Kunstfilms nicht blindlings an diesem Streifen vorbeigehen sollten. In den kurzen Appetithappen ist ein Matthew McConaughey zu sehen, der weiterhin in Hochform zu sein scheint. Hans Zimmers dramatischen Score und die faszinierenden digitalen Effekte sollte auch der wählerischste Cineast diesen Monat nicht auslassen.

In eigener Sache: Zwecks eines studentischen Projekts unterhalte ich demnächst einen Blog, der sich der Entwicklung des Films/Kinos ab dem Jahr 1914 widmet. Wenn Sie interessiert sind, schauen Sie gerne unter 1akintopp.blogspot.de vorbei.

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