Aus Merkel wird keine Rampensau

Stefan Verra
14. November 2014 - 10:11 | Patrick Bellgardt

Körpersprache-Experte und Infotainer Stefan Verra im Interview mit a3kultur

Unser Körper sagt nichts, spricht aber umso mehr – und das auch noch entwaffnend ehrlich. Stefan Verra entschlüsselt unsere Mimik, Gestik und Haltung und gibt Tipps, wie wir uns und andere besser verstehen. Die Vorträge und Shows des Österreichers begeistern jährlich Zehntausende Teilnehmer. Er ist Dozent an der Steinbeis Hochschule Berlin, Gastreferent an diversen Universitäten, Autor (im Januar erscheint sein neues Buch »Hey, mein Körper spricht!«), Unternehmenscoach und TV-Experte. Zurzeit lebt der gefragte Fachmann in München. Kurz vor dem Tourstart seines Programms »Ertappt! Wenn der Körper spricht« nahm sich Stefan Verra Zeit für ein Interview. Die Fragen stellte Patrick Bellgardt.

Stefan, kannst du überhaupt noch in ein Gespräch gehen, ohne die Körpersprache deines Gegenübers genau unter die Lupe zu nehmen?

Du fragst, ob ich ein Psychopath bin (lacht). Nein, ernsthaft: Ich habe keinen zusätzlichen Sinneskanal oder so etwas, allerdings ist bei mir die Wahrnehmung der Körpersprache ein wenig detaillierter als bei anderen Menschen. Es ist aber nicht so, dass ich jeden Gesprächspartner von oben bis unten scanne und auf nichts mehr anderes achte.

Haftet jedem Menschen naturgegeben eine bestimmte Körpersprache an?

Ein Großteil unserer nonverbalen Kommunikation ist genetisch festgelegt. Wenn jemand ein eher zurückhaltender Mensch ist, wirst du das bei ihm nicht grundlegend ändern können. Nur einen kleinen Teil können wir bewusst steuern. Und das ist der Bereich, worüber ich in meinen Shows spreche. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass man mit viel Coaching jede mögliche körpersprachliche Persönlichkeit annehmen könne.

Da gehen dir doch sicher viele potenzielle Auftraggeber verloren …

Ich lehne unglaublich viele Aufträge ab, weil Menschen zu mir kommen, die etwas aus sich machen möchten, das nicht in ihrer Persönlichkeit steckt. Da bin ich einfach zu sehr der Wissenschaft verhaftet. Eine Angela Merkel wird man beispielsweise auch nicht zur Rampensau machen können.

Sind Frauen oder Männer empfänglicher für körpersprachliche Signale?

 

Frauen! Über ihre Sinnesorgane können Frauen detailliertere Informationen entschlüsseln und damit auch feine körpersprachliche Signale. Das gilt nicht für alle, aber im Schnitt können sie das besser. Dabei wäre es für jeden Menschen wichtig, sich damit zu beschäftigen. Denn Studien belegen eindeutig, dass Menschen, die auf die Körpersprache achten, erfolgreicher sind. Privat und beruflich!

Nehmen wir einmal das konkrete Beispiel erstes Date: Ist hier die verbale oder die nonverbale Kommunikation entscheidend?

Eindeutig die nonverbale Kommunikation. Die Verhaltensforschung weiß, dass die Persönlichkeit beim Verlieben nahezu keine Rolle spielt. Wir verlieben uns blitzschnell und sind uns dessen gar nicht bewusst. Da spielt die Körpersprache eine ganz starke Rolle. Die viel zitierte Liebe auf den ersten Blick gibt es also wirklich. Dasselbe gilt übrigens für Bewerbungsgespräche: Die erste Entscheidung fällt binnen Sekunden, erst später findet das Vernunfthirn rationale Gründe, warum es klug ist, gerade diese Person einzustellen oder eben nicht.

Dein Programm »Ertappt! Wenn der Körper spricht« könnte man neudeutsch als »Infotainment« bezeichnen. Bist du mit dieser Zuschreibung einverstanden?

Ja, allerdings mit einer Zusatzbemerkung: Ich wehre mich ganz stark gegen das häufig auch durch die Medien verbreitete »verpsychologisierte« Halbwissen zum Thema Körpersprache. Meine wichtigste Aufgabe ist es, dem Publikum klarzumachen, was ein Mythos und was tatsächlich wissenschaftlich haltbar ist. Ich bin der Meinung, dass Menschen am leichtesten lernen, wenn sie lachen. Das ist meiner Ansicht nach auch das Erfolgsgeheimnis meines Programms: Am Ende des Abends gehst du raus, hast unglaublich viel gelacht und ebenso viel gelernt.

Auf seiner Facebook-Seite www.facebook.com/stefanverra gibt Stefan Verra wöchentlich neue Tipps zur Körpersprache. Die Videos behandeln Themen wie Augenkontakt, Maniküre oder Schlurfen und sind kostenlos abzurufen. Am 26. November um 20 Uhr gastiert der sympathische Österreicher mit seinem Programm »Ertappt! Wenn der Körper spricht« im Spectrum.

www.spectrum-club.de

 

Weitere Positionen

11. August 2020 - 7:16 | Martin Schmidt

Gino Chiellino sagt: Integration ist etwas, das grundsätzlich von den Einwanderer*innen verlangt wird, ohne ihnen sagen zu wollen, worin sie besteht.

10. August 2020 - 7:27 | Sarvara Urunova

Die Musikexpertin Sarvara Urunova ist seit vielen Jahren Teil der a3kultur-Redaktion. Ihre Fachgebiete sind Klassik und Jazz. In ihrer Reportage über die russischsprachige Community in Augsburg untersucht sie die Rolle der Sprache für die Menschen.

9. August 2020 - 7:50 | Martin Schmidt

Musik ist das Kraftfeld der Community: Die Sweet Band ist Pionier in Sachen Tigrinya-Pop und Guayla-Dance in Augsburg. Über Hotspots, Vernetzung und temsaẗ eritreischer Musik- und Clubkultur. Von Feven Selemon und Martin Schmidt

7. August 2020 - 7:04 | a3redaktion

Ercin Özlü ist Journalist. Die Muttersprache seiner Eltern ist Türkisch, seine ist Deutsch. Alfred Schmidt und Jürgen Kannler sprachen mit ihm über sozialen Aufstieg, kulturelle Wurzeln und die Bedeutung von Herkunft für die Wahrnehmung journalistischer Arbeit.

6. August 2020 - 12:41 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ein reizvolles Konzertprogramm vereinte im Viermetzhof im Maximilianmuseum unter dem Motto „Alles fließt – Panta rhei“ unterschiedliche musikalische Epochen. Gemeinsam mit ihren drei musikalischen Mitstreitern Martin Franke (Violine), Sebastian Hausl (Vibraphon & Percussion) sowie dem Cellisten Edward King demonstrierte die vielseitige Flötistin und Sängerin Iris Lichtinger, wie kreativ Barock, Pop, Jazz und Postmoderne in raffinierten Arrangements zum sanft-swingenden Gesamterlebnis ineinanderfließen können.

5. August 2020 - 7:47 | Juliana Hazoth

Über »Gendertische« in Buchhandlungen. Von Juliana Hazoth.

3. August 2020 - 7:00 | a3redaktion

Der Entscheidung der a3kultur-Redaktion, sich einem Diversity-Prozess zu öffnen, ging ein intensiver Diskurs nach dem »Wie« voraus. Unsere aktuelle Sonderveröffentlichung ist eine Zwischenbilanz dieses Prozesses. Von Jürgen Kannler

2. August 2020 - 15:16 | Martin Schmidt

Die Augsburger Politik ist nicht in der Lage, die Baukosten für den Umbau des alten Stadttheaters und den Neubau des Staatstheaters in seriöses Fahrwasser zu bringen. Die Neuabstimmung über das veraltete Konzept entschied die Schwarz-Grüne Rathausmehrheit für sich. Fest entschlossen, das Projekt voran zu treiben, wohin auch immer. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

27. Juli 2020 - 19:21 | Martin Schmidt

Der Stadtrat als Vollzugsorgan der Stadtregierung. Ein Gastbeitrag und Kommentar von Peter Bommas

Behälterturm am Gaswerk, Foto: Martina Vodermeyer
26. Juli 2020 - 9:21 | Susanne Thoma

Aus Privaträumen wird eine Forschungsstätte. Die Initiative Gasius Worx entwickelt in einem Experimentierraum gemeinwohlorientierte künstlerische und mediale Projekte.