»1933«: Wer wehrte den Anfängen?

19. November 2018 - 11:30 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben eröffnete am 7. November die Ausstellung »1933« der österreichisch-iranischen Künstlerin Ramesch Daha.

Mit der Übertragung der Macht an die NSDAP am 30. Januar 1933 wurden der Antisemitismus zur Staatsdoktrin und die Diskriminierung von Jüdinnen und Juden verschärft. Das Postamt Rostock erhielt am 22. Februar 1933 eine Postkarte, in der gefordert wurde, jüdische Namen aus der Buchstabiertabelle zu entfernen. Im Telefonbuch von 1934 waren aus Adam Anton, aus David Dora, aus Maria Martha, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried, aus Zacharias Zeppelin geworden. Die Nazis nahmen den jüdischen Menschen symbolisch ihre Namen und damit ihre Identität. Teil der Installation »1933« ist ein Feldtelefon der Wehrmacht mit neuer Buchstabiertabelle.

Es folgte die Verbrennung von Büchern vornehmlich jüdischer Autor*innen. Wir sehen in der Installation ein Video mit Buchverbrennung. Dabei wird deutlich, dass das Buch materiell zerstört werden kann, der Inhalt aber weiterlebt. Geistiges bleibt übrig.

Nach ihrer Einführung als neue Leiterin des Jüdischen Museums Augsburg-Schwaben und vor dem 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9./10. November eröffnete Dr. Barbara Staudinger ihre erste Ausstellung. Bei der Begrüßung betonte sie, schon Stefan Zweig habe geschrieben, dass der Weg zum Pogrom in kleinen Schritten begann. »Auch heute wird wieder darüber diskutiert, wer zu Deutschland gehört und wer nicht«, mahnte die Museumsleiterin.

Ramesch Daha wurde 1971 in Teheran geboren und siedelte mit ihren Eltern 1978 nach Wien um. Ausgehend von 1938 und ihrer Familiengeschichte mit Iran und Judentum recherchierte sie und entdeckte eine große Kiste vom Großvater. Darauf stand: »Mutter Vater«. Sie fand Briefe aus dem KZ, Sterbeurkunden, Todesnachrichten. Der Vater ihres Stief-Großvaters war 1938 deportiert und im KZ ermordet worden. Ramesch Daha wusste: »Alle Dinge mussten zuerst durch mich durchgehen«. Sie besuchte Archive, kopierte Bücher, Briefe, Buchhaltungen, bezahlte alles selbst und stellte sich die Frage: »Wie kann ich das in Kunst gießen?«

Im Zentrum der Installation (Foto, Klick zum Vergrößern) sehen wir eine Collage aus 48 Kalenderblättern aus dem Jahr 1933 in Postkartengröße mit Erläuterungen. Ramesch Daha zeigt auf: 1933 begannen die »Schritte der Nationalsozialisten zum Ausschluss der Jüdinnen und Juden aus der Gesellschaft«. Sie wies auf den zunehmenden Antisemitismus hin und sagte zur Weltlage: »Heute wird wieder mit Ausgrenzung gearbeitet… Worte des Protests genügen nicht. Das Tun ist entscheidend, es muss nachhaltig sein.«

Die Ausstellung »1933« ist noch bis zum 24. Februar im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben zu sehen. Der Eintritt ist frei. Das Begleitprogramm entnehmen Sie dem Flyer zur Installation. Download unter: www.jkmas.de

Abbildung oben (Klick zur Großansicht): Museumsleiterin Dr. Barbara Staudinger (links) im Gespräch mit
Ramesch Daha. (Fotos: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben)

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