1945 – Befreiung der deutschen Kultur?

31. März 2020 - 11:00 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 2: Niederlage, Katastrophe, Befreiung oder gar »Stunde Null«? Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

Die Geschichtswissenschaft streitet seit geraumer Zeit darüber, wie die weltpolitische Zäsur von 1945 für Deutschland zu deuten sei. Ob als Niederlage, Katastrophe, Befreiung oder gar als »Stunde Null«? Es leuchtet sofort ein, dass all diese Deutungsvarianten von der jeweiligen Betrachter-Perspektive abhängen, die sich zudem mit wachsendem zeitlichen Abstand von 1945 verändern konnte. Denn das subjektive Erleben der Niederlage mochte über die Jahre in die Einsicht der Befreiung umschlagen, die sich aus konservativer Sicht wiederum als völliger Neuanfang interpretieren ließ, um dadurch die Tatsache zu verschleiern, dass ein in das nationalsozialistische Regime tief verstrickter Personenkreis nicht selten in prominente Verwaltungspositionen der Bundesrepublik nachrückte.

Es lag nicht zuletzt an den jeweiligen alliierten Besatzungsmächten, den weltanschaulichen Horizont zu grundieren, um der deutschen Bevölkerung zu ermöglichen, der so einschneidenden Zäsur von 1945 einen Sinn abzuringen. In Bayern übernahmen die US-amerikanischen Militärbehörden die Aufgabe, eine »Reeducation« der Bevölkerung voranzutreiben. Diese Erziehungsarbeit verfolgte das Ziel, einerseits die (kriegs-)verbrecherische Vergangenheit aufzuarbeiten und andererseits den grundlegenden Prozess der Demokratisierung voranzutreiben.

Letzterem Zweck diente auch die Kulturpolitik der amerikanischen Militärregierung, die auch eine demokratische Öffnung der Museen forderte, um diese altehrwürdigen breiteren Schichten der Bevölkerung jenseits des Bildungsbürgertums zugänglich zu machen. Museen galten den Amerikanern als »media for popular education«. Seither sind die bundesrepublikanischen Museen den stark umstrittenen Weg der Demokratisierung gegangen – ein Prozess, der noch in der Gegenwart nicht abgeschlossen ist. Aus der Sicht eines heutigen Kulturverantwortlichen, der auf demokratische Werte baut, kann deshalb die so schmerzliche Zäsur von 1945 nicht anders denn als Befreiung gedeutet werden.

Dr. Karl Borromäus Murr ist Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg (tim). Er studierte Neuere, Bayerische sowie Mittelalterliche Geschichte, Philosophie und Ethnologie.


Zum 75. Jahrestag der Befreiung Augsburgs durch die Amerikaner am 28. April 1945 hat die a3kultur-Redaktion eine Reihe von Autor*innen, Historiker*innen und Menschen der Stadtgesellschaft um einen Gastbeitrag gebeten – zu lesen in den kommenden Wochen hier auf a3kultur.de!

  • Teil 1 – 75 Jahre Befreiung: In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 setzten amerikanische Soldaten der NS-Diktatur in Augsburg ein Ende. Start der neuen Serie auf a3kultur.de


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