2040 – Vielfalt ist Programm

17. Juni 2019 - 8:40 | Jürgen Kannler

»Positive und kreative Utopien zu entwickeln, bedeutet nicht Naivität, sondern praktische Vernunft« – tim-Direktor Karl B. Murr im Interview mit a3kultur

Das tim wird zur Zukunftsmaschine. Wie soll unser Leben in rund 20 Jahren in einer vielfältigen Stadt aussehen? Wie werden wir arbeiten? Wie wohnen wir? Wie gelingt vor allem das Zusammenleben in einer bunten Gesellschaft? Genau solche Fragen thematisiert bis zum 27. Oktober die Ausstellung »Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Stadt«. Zur Eröffnung sprach Jürgen Kannler mit tim-Direktor Karl B. Murr.

a3kultur: Das tim versteht sich als Laboratorium der Moderne. Bei der Ausstellung »Augsburg 2040« setzten Sie auf gleich drei ehrenamtlich agierende Kuratorenteams, die keine Museumserfahrung mitbringen mussten und die Themenbereiche Arbeit, Kultur und Vielfalt bearbeiteten. Welche Erfahrungen machte Ihr Labor mit diesem Experiment?

Karl B. Murr: Bisher haben wir hervorragende Erfahrungen damit gemacht.Die verschiedenen Vertreter der Stadt und der Zivilgesellschaft sowie Vereine, Beiräte, NGOs und Privatinitiativen haben ihre Expertise miteingebracht. Das war bereichernd für alle: Vielfalt war nicht nur der Ausgangspunkt, sondern auch Programm. Das heißt, dass Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, Ethnie, Gesellschaftsschicht, Form von Behinderung oder Benachteiligung miteinbezogen wurden. All diese Stimmen zu hören und mit ihnen zu arbeiten – das war ungemein produktiv und stimulierend.

Wie ließen sich die Ideen dieses Laienkuratorenteams mit den Gegebenheiten, mit den Möglichkeiten und dann letztlich mit dem Museum selbst in Einklang bringen?

Das ist das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses. Wenn Ideen aufkamen, die die jeweiligen Gruppen verfolgen wollten, dann ging es darum: Wie kann man diese in den Raum übersetzen, sinnlich sowie emotional erfahrbar machen? Wir von der Museumsseite haben Vergleichsbeispiele gebracht, wie sie in anderen europäischen Häusern ähnlicher Art angegangen worden sind. Aber die Entscheidung, wie wir das Ganze letztlich umsetzen, kam aus der Gruppe selbst, und es waren nur gute Ideen und Ansätze. Die Vielfalt schlägt sich also auch in der Gestaltung und in der Umsetzung nieder.

»Augsburg 2040« präsentiert acht Oberthemen. Drei davon wurden von den ehrenamtlichen Kurator*innen, der Rest von professionellen Museumsmacher*innen weitgehend aus dem eigenen Team entwickelt. Wie schwer war es, die Ergebnisse der Nichtexpert*innen so zu integrieren, dass die Gesamtdramaturgie der Schau passt, die Anschlüsse und der Gesamteindruck stimmen?

Das war eine Herausforderung, vor allem für die Gestaltung, die ein Narrativ entwickeln musste. Relativ naheliegend war es, verschiedene räumliche Zonen zu entwickeln, die ineinander übergehen. Trotzdem muss man dazu sagen, dass selbst die Inhalte, die vom Haus selbst entwickelt worden sind, immer wieder von verschiedensten Expert*innen von außen mitbetreut wurden. Auch hier spiegeln sich also partizipative Momente: Da sind Künstler beteiligt, städtische Einrichtungen, Firmen und Unternehmen. »Augsburg 2040« ist in keinem Bereich solitär von oben herab kuratiert worden.

Warum haben Sie nicht komplett auf Laienteams gesetzt? War das Risiko dann doch zu hoch?

Das ist keine Frage des Risikos, das ist eher eine Frage der Arbeitsökonomie. Weil es bei partizipativen Motiven genauso ist, wie das Karl Valentin für die Kunst festgestellt hat:  »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Wir haben über 40 Workshops mit einer Gruppe, die ungefähr 100 Menschen umfasste, durchgeführt. Das heißt, es wäre einfach vom arbeitsökonomischen Aufwand her gar nicht anders zu stemmen gewesen. Wir hätten die Beteiligung gerne auch noch weiter ausgeweitet, aber die Inspirationen, die von diesen Gruppen ausgegangen sind, finden sich auch so in der ganzen Ausstellung wieder.

»Augsburg 2040« kostet keinen Eintritt. Ist das ein Zugeständnis an Forderungen der Ausstellungsentwickler*innen, Teil des Rahmenkonzepts oder ist dies eine Ihrer eigenen Utopien?

All das zusammen. Es war für uns nur natürlich wichtig, zu dem Entschluss zu gelangen, dass eine Ausstellung, die so sehr auf Teilhabe der Gesellschaft setzt, niemanden ausschließen darf, der sich den Eintritt nicht leisten kann – oder keine fünf bis acht Euro Eintritt zahlen will. Deswegen habe ich das mit dem zuständigen Ministerium für Wissenschaft und Kunst besprochen. So können wir maximale Inklusion leben.

Werden die Einnahmen, die dem Haus in dieser Zeit entgehen – die Laufzeit geht ja weit bis in den Herbst hinein – von Sponsoren aufgefangen?

Das kann man nicht eins zu eins gegenrechnen. Wir sind froh, dass wir Unterstützung und Sponsoren gewinnen konnten wie die Sparda Bank Augsburg, die Stadtwerke Augsburg und weitere Partner. Wir müssen an anderer Stelle sparen – oder man könnte umgekehrt sagen, dass die Utopie des freien Eintritts ein Ergebnis unseres guten Wirtschaftens der letzten Jahre darstellt.

Was meinen Sie, inwieweit die Ergebnisse einer solchen Ausstellung Einfluss auf die real existierenden politischen Entscheidungen nehmen können?

Das ist nicht so leicht zu beantworten, wie das Grundthema der Ausstellung ja auch in die Zukunft verweist und wir diese nicht vorhersagen können. Ich glaube auch, dass wir gerade schon im Lauf der Vorbereitungen so viele Menschen berührt, beteiligt und in dieses permanent offene Projekt eingebunden haben, dass viele erstmals oder tiefergehend mit Kultur oder öffentlichen Institutionen dieser Art in Berührung kamen. Ich bin fest davon überzeugt, dass »Augsburg 2040« eine Resonanz erzeugen wird.

Ob es eins zu eins morgen in einer Stadtratsentscheidung oder in den Landtag eingeht, ist eine andere Geschichte. Ich denke aber, das Bewusstsein der Stadt können wir schon in eine andere Schwingung versetzen. Weil wir auch in der Entwicklungsphase oft die Rückmeldung erhalten haben, dass es so ein Projekt noch nie gab, bei dem so viele Menschen, die dem Museum vielleicht fernstehen, beteiligt waren. Deshalb lautet mein Credo: Das Museum der Zukunft wird partizipativ sein oder es wird nicht sein.

In Ihrer Kommunikation zur Ausstellung sprechen Sie von positiven Utopien, die es zu entwickeln gilt. Welchen Platz haben da Thesen, die auf Basis des heutigen Wissensstands als gesichert gelten, globale Wirkung haben und somit auch für unsere Region prägend sein werden, aber eben nicht in die Form der positiven Utopie passen – wie beispielsweise die Erderwärmung mit all ihren katastrophalen Folgen?

Das Ausstellungsprojekt ist kein Ausdruck einer rosa Zukunftswolke. Wesentlicher Ausgangspunkt war es, dass wir heute dystopisch auf die Zukunft blicken: Erderwärmung, Klima und Globalisierung sind ambivalente Phänomene. Es gibt häufig nur wenige Gewinner und viele Verlierer. Die Risiken des Lebens werden privatisiert. Da fragt man sich: Werden die Kinder noch den Wohlstand der Eltern erleben? Von den globalen politischen Spannungen sowie vom Aufkommen von Rechtspopulismus und Radikalismus macht es das noch notwendiger, positive und kreative Utopien zu entwickeln und den Dystopien entgegenzuhalten. Dies bedeutet nicht Naivität, sondern praktische Vernunft und die Einsicht, dass wir andere Szenarien entwickeln müssen, um noch gedeihlicher miteinander leben zu können.

Sie sprechen im Titel davon, dass Augsburg eine vielfältige Stadt sei. Sind unsere Stadtgrenzen zwischen Augsburg, Friedberg und Königsbrunn heute noch alltagstauglich oder nur dem politischen System geschuldet? Wem nutzt das Grenzlanddenken, das sich in der Ausstellung niederschlägt? Was meinen Sie: Wird es das 2040 noch geben?

Die Ausstellung setzt mindestens mit einer Dialektik an, indem wir Globales, Lokales und Regionales gleichermaßen in Erwägung ziehen. In gewisser Weise kommt dem Ansatz, mit Augsburg zu arbeiten, eine Funktion zu, die auf Exemplarität setzt. Es war uns selbstverständlich kein Anliegen, sozial exklusiv zu arbeiten, sondern dass wir an einem Beispiel herausarbeiten, wie die Dynamiken von Megatrends und globalem Leben einerseits sowie Lokalinitiativen andererseits in der Zukunft ausgetragen werden. Dazu haben wir Augsburg als Beispiel genommen, um das Thema lebendig zu machen. Diese Beschränkung ist somit auch der narrativen Überzeugungskraft geschuldet, dass sich die Geschichten vor Ort am eindringlichsten vermitteln lassen.

www.timbayern.de

Foto: Frauke Wichmann

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