40 Kisten Interkultur

29. Juli 2018 - 8:40 | Patrick Bellgardt

Der Autor Gino Chiellino übergab seine private interkulturelle Literatursammlung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). a3kultur sprach mit ihm über die neue Chiellino-Bibliothek.

Gino Chiellino zählt zu den profiliertesten Wissenschaftlern der Literatur- und Migrationsforschung. Der Lyriker, Essayist und Übersetzer ist Mitbegründer der interkulturellen Literatur in deutscher Sprache. Anfang Juli übergab der 1946 in Kalabrien geborene Wahlaugsburger und a3kultur-Autor seine private Bibliothek als Vorlass an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Jürgen Kannler und Patrick Bellgardt sprachen mit ihm über die neu geschaffene Chiellino-Bibliothek an der deutsch-polnischen Grenze.


a3kultur: Sie kommen gerade zurück aus Frankfurt (Oder), wo die Chiellino-Bibliothek feierlich eröffnet wurde. Was finden Studierende in dieser neu geschaffenen Einrichtung?

Gino Chiellino: Die Bibliothek an der Europa-Universität Viadrina umfasst rund 1.200 Werke zum Themenbereich Migration und Literatur. Dazu zählen Prosa, Gedichte und Kurzerzählungen ebenso wie ausgewählte Sekundärliteratur, die mir dabei geholfen hat, Interkulturalität zu begreifen. Hinzu kommen Drucke, Zeichnungen und Radierungen – alles Teil meiner persönlichen Sammlung. In insgesamt 40 Kisten ist dieser Vorlass nun nach Frankfurt (Oder) gezogen.

Was wurde aus dem Rest Ihrer Sammlung?

Ein Teil ging an Studierende, die ich betreue, meine marxistische Bibliothek an die Ausländeruniversität in Siena. Die romanistisch-anglistische und die germanistische zeitgenössische Literatur befinden sich inzwischen in Tunesien, wo ein Lesesaal entstanden ist. Ich habe Ende der Siebzigerjahre angefangen zu sammeln. Nun bin ich sehr glücklich, dass diese Sammlung Abnehmer gefunden hat, die danach gesucht haben.

Fiel es Ihnen schwer, sich von diesen Schätzen zu trennen?

Ich habe mich dazu entschieden, in meiner Funktion als Literaturwissenschaftler nur noch als Betreuer zu arbeiten. Es ist ein großes Glück, mein Wissen an Menschen weiterzugeben, die gezielt danach suchen. Ich brauche aber auch Zeit, um Schriftsteller zu sein. Von daher habe ich meine Bibliothek sehr gerne anderen anvertraut. Nur bei einem Werk habe ich Bauchschmerzen gehabt und es wieder von der Liste gestrichen: bei der Autobiografie von George Steiner »Errata: Bilanz eines Lebens« – ein wirklich wunderschönes Buch.

Als Forschungsstelle für Literatur und Migration soll die Chiellino-Bibliothek mehr sein als ein bloßer Verwahrungsort.

Die Region um Frankfurt (Oder) ist ein Kulturraum, in dem es immer Interkulturalität gegeben hat. Die Europa-Universität Viadrina ist eine neue Gründung, die sich anders als klassische Einrichtungen orientiert hat. Der Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration ist eine Professur der Axel-Springer-Stiftung. Er ist thematisch der erste seiner Art in Deutschland. Mit der Chiellino-Bibliothek erhalten Studierende – meist Magistranden, Doktoranden und Habilitanden – einen Fundus, mit dem sie ihre Forschung ernsthaft betreiben können. Der Suchende wird am Lehrstuhl aufgenommen und ihm wird ein exklusiver Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt. Um die Bibliothek herum können Fachleute zu Lesereihen und Vorträgen eingeladen werden.

Gibt es vergleichbare Einrichtungen in Deutschland?

In meinem Werk »Interkulturelle Literatur in Deutschland: Ein Handbuch« ist Folgendes zu lesen: »Bis heute hat sich keine deutsche Universität bereit erklärt, ein Archiv für interkulturelle Literatur einzurichten.« Das war im Jahr 2000. Nun kann ich diesen Satz streichen.

Wie hat sich der Kontakt nach Frankfurt (Oder) ergeben?

Die Universität lud mich 2015 zu einer Veranstaltung mit Wiebke Sievers von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien ein. Sie präsentierte in Frankfurt (Oder) ihr Habilitationsvorhaben. Ich hielt einen Vortrag zum Thema »Sprache wechseln. Aber wie?«. So kam der Kontakt zum Lehrstuhl von Prof. Kerstin Schoor zustande. Die Atmosphäre vor Ort war einzigartig – geprägt von einer jungen Generation, die nicht vorbelastet ist von Kanon und Tradition, die ausbrechen möchte. So habe ich den Mut gefasst, dem Lehrstuhl meine Sammlung anzubieten.

Den Großteil Ihrer akademischen Laufbahn haben Sie an der Universität Augsburg verbracht. 1993 haben Sie sich hier habilitiert, 2001 wurden Sie zum Professor ernannt. Aus diesem Blickwinkel wäre die Friedensstadt doch ebenfalls ein geeigneter Standort für die Chiellino-Bibliothek gewesen, oder?

Es gibt einen Satz von Carl Rogers, dem Begründer der Gesprächstherapie, der mir immer sehr geholfen hat. Er sagte: »Die Tatsachen sind freundlich.« Den Versuch meinerseits, eine solche Forschungsstelle in Augsburg einzurichten, hat es gegeben. Ich hatte große Hoffnungen. Der ehemalige Präsident der Universität, Reinhard Blum, war von der Idee überzeugt. Letztlich hat die Fakultät das Vorhaben nicht angenommen. Mehr weiß ich darüber nicht. Eines möchte ich klarstellen: Es geht nicht darum, dass mir dadurch ein Schaden entstanden ist. Es geht darum, dass ein Schaden für andere entstanden ist: für die Studierenden in Augsburg.

1969 sind Sie erstmals in die BRD gereist. Wie begann Ihre akademische Karriere in Deutschland?

Ich bin damals mit Anfang 20 nach Düsseldorf gereist, um bei Mannesmann eine Untersuchung durchzuführen: Wie leben italienische Gastarbeiter in ihrem Betrieb und außerhalb? Mein Betreuer, Franco Ferrarotti, war ein Soziologe, der als italienischer Jude in den Dreißigerjahren in die USA emigriert ist und dort die empirische Sozialforschung vorangebracht hat. Er war begeistert. Diese kleine, 130-seitige Arbeit könnte einer der ersten Versuche gewesen sein, sich wissenschaftlich mit der Einwanderung in der Bundesrepublik auseinanderzusetzen. In der Gesellschaft war eine starke Neugier, aber auch eine gewisse Verunsicherung vorhanden. Nichtsdestotrotz schwang auch eine große Begeisterung mit. Leider hat die spätere Forschung einen negativen Filter über diese Zeit gelegt. Das gegenseitige Erkennen und Verstehen wurde leider viel zu wenig untersucht.

Welchen Projekten widmen Sie sich in nächster Zeit?

Im Herbst werde ich am zweiten Teil meines Romans »Der Engelfotograf« schreiben. Noch in diesem Jahr wird beim Thelem-Verlag in Dresden ein Sammelband meiner Essays und Aufsätze erscheinen. Darüber hinaus habe ich eine Gedichtsammlung verfasst, die ich derzeit wie einen guten Wein ruhen lasse, in der Hoffnung, dass sie reifen wird. Nicht zuletzt habe ich mir vorgenommen, die a3kultur-Kolumne »Deutsch richtig und gut« fortzusetzen und irgendwann daraus ein Buch zu machen.

www.europa-uni.de
www.chiellino.eu

Foto: Yves Noir Photographie

 

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