AkkuschrauBär auf 63 Prozent

30. Oktober 2014 - 9:30 | Patrick Bellgardt

Mit Crowdfunding werden jedes Jahr Milliardenbeträge gesammelt. Kreativen bietet das Modell eine realistische Möglichkeit, ihre Ideen auf den Weg zu bringen.

Ob Public Enemy, Stromberg, Foodsharing oder Protonet – in den vergangenen Jahren hat Crowdfunding mit den unterschiedlichsten Projekten und Protagonisten die Schlagzeilen erobert. Ihren Ursprung hat die »Schwarmfinanzierung« in den USA, wo mit Indiegogo 2008 und Kickstarter 2009 erste große Online-Plattformen an den Start gingen. In erster Linie auf Kunst- und Kulturschaffende ausgerichtet, fanden schnell auch Erfinder und Start-ups Anschluss. Die Erfolgsgeschichten nahmen ihren Lauf.

Im vergangenen Jahr konnten mit Crowdfunding weltweit rund 5 Milliarden US-Dollar eingesammelt werden – Tendenz steigend. Und auch hierzulande ist die Richtung eindeutig: Während die Zahlen 2011 noch bei rund einer halben Million Euro lagen, wurden allein im zweiten Quartal dieses Jahres 2,8 Millionen Euro umgesetzt. In Nordamerika hat sich Crowdfunding als alternative Finanzierungsmöglichkeit bereits etabliert, auch in Deutschland scheint sich das Modell allmählich durchzusetzen.

Die Pionierarbeit hierfür leisteten mit dem Fotografen Denis Bartelt und dem Filmproduzenten Tino Kreßner nicht zufällig zwei Kreative. Beide sprechen aus eigener Erfahrung, wenn sie sagen, dass es neue Ideen braucht, um Projekte durchzusetzen – gerade in Zeiten knapper Kulturetats. Im September 2010 gründeten Bartelt und Kreßner die erste deutsche Crowdfunding-Plattform Startnext. Künstler, Kreative, Erfinder und Gründer stellen dort ihre Ideen vor, die mit der direkten Unterstützung interessierter Menschen finanziert werden können.

Crowdfunding – kurz erklärt: Einzelpersonen, Gruppen oder Unternehmen, denen das Kapital für ein bestimmtes Projekt, Produkt oder eine konkrete Geschäftsidee fehlt, können sich mittels Crowdfunding die benötigten Mittel beschaffen. Hierzu wird die Idee auf einer Online-Plattform wie Startnext vorgestellt und ein Zielbetrag fixiert. Innerhalb eines im Vorfeld festgelegten Zeitraums können interessierte Internetnutzer (die Crowd) das Vorhaben nun finanziell unterstützen. Die Supporter erhalten dafür eine Gegenleistung, die sowohl einen materiellen als auch einen ideellen oder altruistischen Wert besitzen kann. Aus der Summe vieler kleiner Beiträge soll so etwas Großes entstehen. Wird das angestrebte Ziel innerhalb des angegebenen Zeitraums erreicht, kann das Projekt umgesetzt werden. Kommt der benötigte Betrag nicht zusammen, fließt das Geld an die Unterstützer zurück. Dieses Alles-oder-nichts-Prinzip gilt für die meisten Crowdfunding-Plattformen.

Wer sich die Zeit nimmt und die Seiten von Startnext durchstöbert, wird auf das ein oder andere bekannte Gesicht aus unserer Region stoßen: Rund 20 Projekte aus Augsburg haben bislang versucht, die Crowd für sich zu begeistern – etwa die Hälfte davon war erfolgreich.

Die Bärenbibel

Die deutsche Sprache kennt unzählige Vertreter der Bärenfamilie. Das Spektrum reicht von A wie Akkuschraubär über K wie Kugelschreibär bis Z wie Zinnobär – was jedoch bislang fehlt, ist ein Nachschlagewerk, ein Bärenbuch. Diese Idee kommt Markus Wülbern in einer – wie er sagt – extrem spannenden Mathestunde. Bei Freunden und Familie für seine Wortwitze berüchtigt, soll das Projekt im Designstudium endlich Wirklichkeit werden. Wülbern versucht das Bärenbuch zweimal als Semesterarbeit zu realisieren, scheitert jedoch am immensen Arbeitsaufwand. Nichtsdestotrotz ernten die wenigen entstandenen Seiten viel Zuspruch von Professoren und Kommilitonen. Als die Bachelorarbeit ansteht, ist das Thema klar.

In den folgenden drei Monaten tut der Designstudent nichts anderes, als Bären zu zeichnen. Es entsteht ein 244 Seiten starkes, einzigartiges Buch, das man irgendwo zwischen Collage, Wortwitzesammlung und Skizzenbuch-Kritzelei einordnen könnte. Die Reaktion auf die fünf gedruckten Exemplare ist durchweg positiv. Wülbern spürt, dass noch mehr geht, und versucht das Projekt in einer höheren Auflage zu publizieren. Der Weg über die Verlage scheitert letztlich an der Hybridhaftigkeit des Buches. Von der Finanzierungsmöglichkeit Crowdfunding hat der Künstler damals bereits vage Vorstellungen und entscheidet sich schließlich, es zu versuchen.

Das ehrgeizige Ziel: 34.750 Euro. Dieser Betrag wird benötigt, um 5.000 Exemplare in hoher Qualität drucken zu lassen, Material- und Nebenkosten inklusive. Als »Dankeschön« für die Unterstützung stehen neben dem Bärenbuch original Bärenbilder und persönliche Bärenzeichnungen zur Auswahl. Das Crowdfunding startet schließlich am 22. August und soll über neun Wochen bis zum 26. Oktober gehen. Zu Beginn arbeitet Wülbern fast 16 Stunden täglich an der Realisierung des Projekts. Der Designer hat den Vorteil, sich und sein Vorhaben gekonnt in Videos und Fotos präsentieren zu können – die Faszination des Projekts muss auf die Crowd überspringen. Man kann sich jedoch nicht allein auf die virale Verbreitung über das Internet verlassen. Um auch offline zu aktivieren, besucht er unter anderem Nachtflohmärkte und Buchmessen.

Anfang Oktober werden die Sorgen größer: Das Finanzierungsziel scheint außer Reichweite. Doch Aufgeben kommt für Wülbern nicht infrage. Das Buch soll nun zunächst in einer kleineren Auflage von 1.000 Stück erscheinen. Die Fundingschwelle wird hierzu auf 10.000 Euro heruntergesetzt. Bislang wurde das Projekt von fast 200 Supportern aus ganz Deutschland unterstützt. Schätzungsweise ein Fünftel rekrutiert sich aus Familie, Freunden und Bekannten des Künstlers.

Zum Redaktionsschluss* stand noch nicht fest, ob Wülbern sich den Traum vom eigenen Buch erfüllen kann. Zuletzt waren rund 6.300 Euro, 63 Prozent des Zielbetrags, erreicht. Weitere Infos und einen Blick ins Bärenbuch gibt es unter: www.startnext.de/dasbaerenbuch

*Inzwischen wurde die Aktion verlängert. Das Bärenbuch kann nun noch bis zum 20. November unterstützt werden.

Filmprojekt jenseits des Mainstreams

Auch Martin Pfeil muss neue Wege gehen, um sein aktuelles Projekt zu verwirklichen. Als sein Low-Budget-Arthaus-Drama »Mia und Morgenrot« in Sachen Filmförderung leer ausgeht, stellt sich der Regisseur die Frage: Ist ein Kinospielfilm ohne TV-Beteiligung und staatliche Filmförderung heute überhaupt noch möglich? Für deutsche Produktionen jenseits des Mainstreams war es in den letzten Jahren unglaublich schwer, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Mit »Mia und Morgenrot« will Pfeil nun ein Zeichen setzen und zeigen, dass solche Projekte sehr wohl funktionieren können – per Crowdfunding.

Nach dem Vorbild französischer Autorenfilme soll ein Werk entstehen, das mit geringem Budget hochwertig produziert ist. Erzählt wird die Geschichte von Mia, die den Sinn des Lebens für sich verloren hat. Sie flüchtet in eine virtuelle Welt und begegnet Morgenrot. Was als Flirt beginnt, wird für Mia immer mehr eine Reise in eine neue, unbekannte Welt. In den Hauptrollen sind mit Ana Dordevic (Ballettensemble Theater Augsburg) und Guido Drell (Bluespots Productions) zwei vielversprechende junge Schauspieler zu sehen.

Um mit den Dreharbeiten überhaupt beginnen zu können, finanziert Pfeil das Projekt zunächst aus eigener Tasche. Die Teammitglieder opfern ihre Freizeit, der größte Teil der Gage wird zurückgestellt. Crowdfunding kennt der Filmemacher bereits aus den Medien. Erfolgreiche Beispiele von Kollegen machen ihn auf Startnext aufmerksam. Seit dem 22. September ist auch »Mia und Morgenrot« dort zu finden. Mit dem ausgerufenen Betrag von 12.500 Euro soll das Team bezahlt und die komplette Finanzierung des Films gestemmt werden. Unterstützer können von handsignierten DVDs über eine Namensnennung im Abspann bis hin zur Übernachtung am Drehort zwischen sorgfältig ausgewählten »Dankeschöns« wählen. Für jeden Geldbeutel ist etwas dabei.

Inzwischen ist der Film so gut wie im Kasten, doch das Crowdfunding verläuft schleppend. Zuletzt fehlten noch über 10.000 Euro. Einen Aufschwung verspricht sich Pfeil mit dem ersten Teaser des Films. Dieser ist nicht nur auf Startnext und Youtube zu sehen, sondern soll in den nächsten Wochen auch in Augsburger Kinos gezeigt werden. Nachdem die Dreharbeiten abgeschlossen sind, kann das Team nun mehr Energie ins zeitintensive Crowdfunding stecken. Denn eines ist sicher: Geschenkt bekommt man auch hier nichts.

Noch bis zum 11. November können Sie dabei helfen, »Mia und Morgenrot« auf die Leinwand zu bringen. Erste Szenen aus dem Film finden sich unter: www.startnext.de/mia-und-morgenrot

Altpunks überspringen die Hürde

Bereits feiern können die Augsburger Pornorocker von Impotenz. Mitte September starteten die Altpunks ein Crowdfunding für ihr neues Album »Da musst du durch«. Zehn Songs hatte die Band um Frontmann Arno Löb zu diesem Zeitpunkt schon aufgenommen, nun sollte die frische Musik aber auch auf CD erscheinen. Für 1.000 Exemplare, eine Präsentationsparty, die Aufnahme der Songs im Studio, das Abmischen und das Mastering wurden 1.750 Euro gebraucht.

Bis zum 15. Oktober hatte die Band Zeit, dieses Fundingziel zu erreichen. Nachdem es lange so aussah, als ob das Vorhaben scheitert, legte die Crowd in den letzten Tagen einen atemberaubenden Schlussspurt hin – und überbot die ausgerufene Summe sogar um 50 Euro. Insgesamt 46 Supporter haben das Projekt unterstützt. Allein 500 Euro konnten mit einem ganz besonderen »Dankeschön« eingenommen werden. Das Angebot: Impotenz spielt in deiner WG ein exklusives Akustik-Konzert, und das neue Album gibt es für jeden Zuhörer handsigniert obendrauf.

Am 14. November um 21 Uhr steigt die Präsentationsparty zum Album im Bob’s am Bahnhof Oberhausen. Reinhören kann man weiterhin unter: www.startnext.de/da-musst-du-durch

Crowd erobert Direktion

Ein weiteres Projekt, das getrost als Best Practice in Sachen Crowdfunding bezeichnet werden kann, ist Ars Dilettanti. Ein sechsköpfiges Kreativteam bespielte im März vergangenen Jahres ein leer stehendes ehemaliges Direktionsgebäude vis-à-vis dem Gaswerk. Die »dezentrale, unabhängige und befristete Kunstansammlung« war erfrischend anders und wurde mit einer Mischung aus Ausstellung, Film, Spoken Word, Livemusik und DJ-Acts ein voller Erfolg.

Zu Ars Dilettanti als neuem Projekt, das sich ausschließlich auf Eigeninitiative stützte, passte das Konzept des Crowdfundings perfekt. In nur zwei Wochen sammelte das Team 2.175 Euro ein – 175 Euro mehr, als im Vorfeld als Ziel festgelegt wurde. In der Nachbetrachtung war die Aktion auf Startnext jedoch nicht nur finanziell ein Gewinn: Die Unterstützung von rund 90 Supportern gab den »Direktoren« auch psychologisch und emotional einen Schub, ihre Idee durchzuziehen.

Vom 20. bis 23. November geht Ars Dilettanti in der Grottenau in die zweite Runde – ohne Crowdfunding. Neben der Location hat sich vor allem die finanzielle Basis verändert: Die zweite Auflage wird nun, dank des Erfolgs beim Debüt, von der Stadt gefördert. Wie heißt es so schön: Der Appetit kommt eben doch beim Essen.

Weitere Infos zu Ars Dilettanti 2 und die Dokumentation der ersten Ausgabe gibt es unter: www.arsdilettanti.de

Weitere Positionen

29. Oktober 2020 - 14:52 | Martin Schmidt

Sebastian Karner, neuer 1. Vorsitzender der Club & Kulturkommission Augsburg, spricht im Interview mit a3kultur über die Zukunft der Clubszene in Corona-Zeiten.

29. Oktober 2020 - 13:08 | Dieter Ferdinand

Am 21. Oktober hielt Dr. Michael Mayer im Festsaal der Synagoge den Vortrag »Judenfeindschaft im Schatten des Holocaust. Die antisemitische Politik des französischen Vichy-Regimes«.

27. Oktober 2020 - 11:07 | Jürgen Kannler

Das Streichkonzert beim ersten Etat unter Corona-Bedingungen hat begonnen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

23. Oktober 2020 - 15:37 | Patrick Bellgardt

Die ersten Wochen der neuen Saison sind gespielt, nun steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Theatermacher*innen wie André Bücker und Sebastian Seidel müssen unter wechselnden Pandemiebedingungen arbeiten.

22. Oktober 2020 - 9:15 | Bettina Kohlen

Der vielseitig tätige Künstler Felix Weinold ist aktuell mit mehreren Ausstellungen in der Region präsent, darunter ist auch eine umfangreiche Einzelschau im Augsburger Holbeinhaus.

20. Oktober 2020 - 10:39 | Dieter Ferdinand

Im Kulturhaus abraxas las der Schauspieler Matthias Klösel den Bericht des Auschwitz-Überlebenden Ludwig Frank.

19. Oktober 2020 - 10:56 | Patrick Bellgardt

»Kunst und Kultur im Quartier – Wie geht das zusammen und was soll das?« Diese Frage stellte sich eine Diskussionsrunde, zu der die a3kultur-Redaktion Anfang Oktober auf das Gaswerkgelände geladen hatte.

16. Oktober 2020 - 11:02 | Max Kretschmann

Am 9. Oktober feierte das Sensemble Theater in Kooperation mit dem Neuen Theater Burgau die Premiere von Friedrich Dürrenmatts »Der Mitmacher«. Regie führte Phillip J. Neumann, assistiert von Lisa Bühler. In den Hauptrollen waren Heiko Dietz, Dörthe Trauzeddel und Birgit Linner zu sehen.

15. Oktober 2020 - 13:49 | Renate Baumiller-Guggenberger

In den zwei Freistil-Konzerten am Montag- und Dienstagabend im Kleinen Goldenen Saal katapultierten Sarah Christian und Maximilian Hornung ausgewählte Streich- und Klaviertrios von Beethoven und Mozart sowie Gabriel Faurés erstes Klavierquartett (c-Moll) in schwindelerregende Höhen

14. Oktober 2020 - 16:28 | Bettina Kohlen

Eine Ausstellung im Grafischen Kabinett mit Arbeiten des Bildhauers Fritz Koelle macht dessen politisch durchaus ambivalente Haltung deutlich.