Akt der Freiheit

14. Juli 2016 - 9:09 | Jürgen Kannler

Mit seinem neuen Buch liefert Carmine Chiellino ein ABC für interkulturelle Leser. Ein Interview

a3kultur: Kürzlich erschien Ihre neueste Buchveröffentlichung: »Das große ABC für interkulturelle Leser«. Wie kam es zu diesem Projekt? Literatur von Migranten oder Sprachwechslern – ein Begriff, den Sie wesentlich geprägt haben – findet doch längst ihre Leserschaft.
Carmine Chiellino: Und das ist auch gut so. Meine Frage ist jedoch, ob es neben all den legitimen Arten, Bücher zu lesen, auch eine spezifische Art gibt, interkulturelle Literatur zu lesen. Dazu braucht man eine Art Orientierungsplan. Hierzu habe ich eine Reihe von Beispielen und Hinweisen zusammengetragen, wie interkulturelle Romane und Gedichte gelesen werden können.

Wie geht man an diesen Orientierungsplan richtig heran?
Das ABC ist kein Werk, das man von der ersten bis zur letzten Seite lesen muss. Ich wollte einen Grundwortschatz schaffen, mit dem man sich ernsthaft über Interkulturalität unterhalten kann. Ich möchte Studenten in deutscher Sprache erklären, was interkulturelle Literatur ist, ohne ihnen mit jargonhafter Terminologie aus dem Englischen und Französischen etwas vorzugaukeln. Im Verzeichnis findet der Leser lauter Begriffe, die ihm wohl irgendwie vertraut sind. Nun kann er anfangen, diese Begriffe und ihre Erklärungen nach Lust und Laune zu lesen. Sie sind so formuliert, dass sie dabei helfen können, Werke, zum Teil aber auch die Gegenwart zu verstehen. Die Belege habe ich mir bei Schriftstellern geholt, die mit diesen Modellen im Kopf gearbeitet haben.

Interkulturelle Literatur ist an den Universitäten ein Trendthema. Sie üben jedoch Kritik an der Art und Weise, wie sie vermittelt wird. Können Sie unseren Lesern erklären, warum?
Die Arbeit als interkultureller Wissenschaftler setzt voraus, dass man sich in der Herkunftskultur der Autoren auskennt. Ansonsten kann man nicht verstehen, wie die Sprachen sich begegnen, wie die Kulturen zueinander sprechen. Nun stelle ich mir vor, dass sich Germanisten im Sinne der nationalen Germanistik plötzlich mit interkultureller Literatur beschäftigen und diese vermitteln wollen – aus ihren Curricula geht jedoch nicht hervor, wo und wie sie sich dafür qualifiziert haben. Das ist meine Kritik, mehr nicht.

Als Nichtwissenschaftler finde ich es spannend, wie das ABC interkulturelle Literatur international und über viele Zeitfenster hinweg betrachtet und dem Leser präsentiert. Die Frage, die mich beschäftigt, ist jedoch: Wo sind die Unterschiede zwischen Exilliteratur, wie wir sie von Brecht kennen, Reiseberichten à la Bruce Chatwin und William S. Burroughs oder eben den Werken von Herta Müller oder Don DeLillo?
Interkulturelle Schriftsteller entstehen durch einen Akt der Freiheit. Sie sagen: Ich will Schriftsteller werden, ich will mir aber auch die Sprache aussuchen, in der ich schreiben möchte. Das ist ein großer freiheitlicher Akt, der natürlich mit vielen Risiken behaftet ist. Man bildet sich ein: In dieser Sprache bin ich nicht vorhanden, ich habe dort kein Gedächtnis, ich habe dort nie gelebt, also beginne ich von jetzt an. Das ist die große Einbildung.

Der Hauptunterschied zwischen den genannten Autoren liegt in der Sprachauswahl. Exilliteratur ist primär Exilliteratur, das heißt, sie beschäftigt sich beispielsweise mit den Ursachen, die dazu geführt haben, dass es im eigenen Land keine Demokratie mehr gibt, sie beschäftigt sich mit dem eigenen Leben als Schriftsteller außerhalb der Sprache, in der man bis dato geschrieben hat. Exilliteratur kann man aber auch als interkulturelle Literatur verstehen: Diese Autoren – selbst wenn sie wie im Fall Brecht die Sprache nicht wechseln – mussten sich mit ihrem Aufnahmeland auseinandersetzen. Die Werke sind dann auch als interkulturelle Literatur zu lesen. Brecht beispielsweise musste auf Deutsch eine amerikanische Wirklichkeit wiedergeben.

Sie sprechen von einer Freiheit der Autoren, wenn sie ohne Gedächtnis an die gewählte Sprache gebunden sind. Einerseits kann das eine Freiheit sein, aber ist es für viele nicht auch ein Druck, ein großer Verlust, wenn man diese Reset-Taste drücken muss?
Sie merken an meiner Aussprache, an meiner Körperlichkeit, was für eine Spannung zwischen der deutschen Sprache, die ich spreche, und meinem Körper liegt. Diese Spannung bleibt immer da. Das hat schon Joseph Conrad so formuliert. Die Einbildung, dass man als Akt der Freiheit am Nullpunkt beginnen könne, gilt natürlich nicht. Überraschenderweise schreiben Sprachwechsler als Erstes meist ein autobiografisches Werk. Wieso tun sie das? Weil die Unsicherheit der neuen Sprache durch die absolute Sicherheit des Inhalts ausgeglichen wird. Sie erzählen von ihrem Leben, ihren Erfahrungen. Diese inhaltliche Sicherheit hilft dabei, die neue Sprache zu schreiben und sich zu sensibilisieren.

Sprachwechsler sind aus dem deutschen Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken. Sie sind erfolgreich und ihre Arbeit kann uns wohl auch dabei helfen, neue Facetten unseres Lebens hier zu entdecken. Welche Parallelen finden sich bei dieser Autorenschaft aus Ihrer Sicht? Oder wäre das eine Schublade, die man gar nicht aufmachen muss?
Eine Schublade ergibt sich bei der Vermarktung. Man will deutlich machen, dass es hier einen neuen Trend innerhalb der Entwicklung der deutschen Literatur der Gegenwart gibt. Das ist unvermeidbar, das ist so. Auf der anderen Seite besteht ein legitimer Anspruch von Lesern und Forschern, zu sehen, was sich aus der Neuigkeit ergibt, dass Menschen sich entschließen, in einer neuen Sprache zu schreiben. Bei der Frage nach Parallelen sollten nicht die Autoren, sondern ihre Werke, Themen und Strategien in den Blick genommen werden.

Was sagt uns diese Literatur im Hinblick auf die diversen Gruppen unserer Gesellschaft mit all ihren kulturellen Hintergründen? Wie stabil sind die Brücken, die wir aus unserem Wissen über und von interkulturellen Autoren bauen?
Wenn man interkulturelle Literatur in englischer, französischer und schwedischer Sprache, die bereits in den 50er-Jahren entstanden ist, dazunimmt und man die Werke dieser Autoren wie Albert Memmi oder Theodor Kallifatides untersucht, erkennt man, dass sie nichts anderes getan haben, als Modelle durchzuspielen, wie eine interkulturelle Zukunft in Europa aussehen könnte. Wenn man diese Schriftsteller als glaubwürdig einschätzt, und das sind sie meiner Meinung nach, kann man vieles erkennen, was sich seitdem verwirklicht hat. Wir können uns diesen Werken folglich anvertrauen und ich gehe davon aus, dass wir von ihnen nicht verraten werden.

Natürlich kann sich ein Autor irren, man darf ihm aber nicht unterstellen, er hätte bewusst ein Modell aufgebaut, um den Leser irrezuführen. Das Problem ist die Genauigkeit, mit der man interkulturelle Literatur lesen kann. Wenn man sie als Kulturaustausch liest, liegt man völlig daneben. Es ist kein Kulturaustausch, es ist auch keine Kultursymbiose: Es ist immer projekthaft nach vorn gerichtet. Die Autoren arbeiten mit einer Sprache, in der sie kein Gedächtnis haben. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als nach vorn zu blicken. Sie haben zwar eine Biografie, eine Geschichte, die eigene Kultur, aber nicht in der Sprache, in der sie schreiben.

In Ihrem Vorwort kann man lesen: »Es gehörte zum öffentlichen Anstandskodex, dem Gastgeber in seiner Sprache weder zu widersprechen noch ihn zu widerlegen.« Ich gehe davon aus, dass das heute nicht mehr so ist. Welche Hürden musste die Autorenschaft nehmen, um diese Selbstverständlichkeit zu erreichen?
Sie musste ein ästhetisches Produkt formulieren, das keine Zweifel lässt. Wenn man inhaltlich argumentieren wollte, geriert man in die Peinlichkeit, dass der Gast dem Gastgeber widerspricht und ihn eines Besseren belehren musste. Wenn man aber einen Roman oder ein Gedicht schreibt, das per se stabil ist, jeder Prüfung standhält und das ästhetisch gültig ist, dann ist diese Diskussion sozusagen bereits geklärt. Es geht immer darum, ob ein Sprachwechsler dazu legitimiert ist, in der neuen Sprache zu schreiben oder nicht. Diese Legitimation können sie nur durch ihre Werke erreichen. Die Franzosen tun das auch, indem sie Autoren wie Héctor Bianciotti in die Académie française aufnehmen. In Deutschland gibt es so etwas bis heute nicht.

Die Legitimation, von der Sie sprechen, geht Hand in Hand mit einer Identität. Sie schreiben, dass kein Identitätsproblem so groß war wie die Tatsache, dass die Menschen quasi über 50 Jahre lang nicht ankommen durften, da Deutschland sich nicht offiziell als Einwanderungsland definiert hat.
Das ist in der Tat einer der größten Widersprüche in der Einwanderungspolitik der Bundesrepublik. Im Sinne der Zukunftsplanung war das natürlich ein Problem. Man muss sich vorstellen, was es für junge Eltern bedeuten kann, die hier gerade eine Familie gründen und sich stets damit konfrontiert sehen, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Dennoch ist dieser Widerspruch zum Teil nicht so hart ausgefallen, da die Einwanderer beispielsweise an die Sozial- und Gesundheitssysteme angeschlossen waren und so zumindest in diesem Bereich mit den Einheimischen gleichgestellt wurden. (Ein Interview von Jürgen Kannler, Zusammenfassung: Patrick Bellgardt)

Im Rahmen eines a3kultursalons am 17. Juli um 19 Uhr wird das »Das große ABC für interkulturelle Leser« im Taubenschlag, der Friedenszentrale am Moritzplatz, vorgestellt. a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler spricht mit Carmine Chiellino über dessen gerade publiziertes Werk.

Der Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer Carmine Gino Chiellino wurde u.a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.  »Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser«, erschien beim Verlag Peter Lang, Bern.
www.chiellino.eu

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