Akzeptanz statt Subkultur

14. Juni 2019 - 14:04 | Patrick Bellgardt

Vom 14. bis 16. Juni steigt das Internationale Django Reinhardt Festival im Parktheater des Kurhauses Göggingen. Der Augsburger Vibraphon-Virtuose Wolfgang Lackerschmid gestaltet den Abschluss des Gipsy-Jazz-Events. Ein Interview

Gemeinsam mit Rocky Knauer, Stephan Holstein und Helmut Nieberle präsentiert Lackerschmid am Sonntag, 16. Juni, 11 Uhr die Open-Air-Matinee »Chet meets Django«. Wir sprachen mit dem Musiker über (Gipsy-)Jazz sowie die Legenden Chet Baker und Django Reinhardt.

Herr Lackerschmid, 2018 waren zeitweise zwei Jazzalben in den Top-10 der deutschen Charts zu finden: »Both Directions At Once« mit verschollen geglaubtem Material von John Coltrane und »Heaven And Earth« von Kamasi Washington. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Kehrt Jazz aus der Nische zurück?

Wolfgang Lackerschmid: 1935 wurde der Jazz im Deutschen Rundfunk verboten. Noch Jahrzehnte danach war es schwer, das Subkultur-Image abzuschütteln – das habe ich selbst in meiner langen Profilaufbahn oft erleben müssen. Inzwischen haben wir uns aber eine gesellschaftliche Akzeptanz erarbeitet, die auch zu klaren politischen Forderungen führte. Die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ), bei der ich als Vorstandsmitglied engagiert bin, hat inzwischen über 1.000 Mitglieder bei einem wachsenden weiblichen Anteil. In den letzten Jahren konnten viele Förderprogramme aus Bundesmitteln generiert werden, nicht nur für die Jazzschaffenden, sondern auch für die Spielstätten, wie zum Beispiel der Musikpreis »Applaus«.

Weltweit haben unsere Fans durch die digitalen Medien in großem Umfang Zugang zu unserer Musik. Allerdings muss in der Rechteverwertung noch eine Menge nachgebessert werden, sodass nicht nur die Portale daran verdienen, sondern diese den Urhebern und Interpreten einen Teil des Gewinns abgeben müssen. Leider werden aktuell im öffentlichen Rundfunk immer mehr Sendeplätze für den Jazz gestrichen, sogar etablierte Jazzredaktionen abgeschafft. Dafür gibt es immer mehr gute Internetstationen mit entsprechendem Programm. Aber auch da bleibt uns, außer der Freude, dass unsere Musik gespielt wird, keine Einnahme. Die Politik hat es in den Anfängen des Internets versäumt, eine praktikable Regelung zu treffen. Dies muss nun mit gehöriger Verspätung nachgeholt werden, bei starkem Gegenwind und Hetzkampagnen der Internetgiganten und deren Lobbyisten.

Was verbindet Sie mit Gipsy-Jazz im Allgemeinen und Django Reinhardt im Speziellen?

Es gibt im Jazz quasi so viele Stilvarianten wie herausragende Musiker. Django Reinhardt war mit seiner Spielweise stilbildend. Seine Musik gehört für mich zum Basisrepertoire. Egal, welchen Stil man in seiner Karriere manifestiert, Django hat zum »Wortschatz« unserer Musik entscheidend beigetragen. Entsprechend stand ich auch immer wieder mit Sinti und Roma gemeinsam auf der Bühne. Mitte der Siebziger im Bobby Falta Quartett, dann beispielsweise mit Zipflo Reinhardt, Biréli Lagrène, Zipflo Weinrich, Karl Ratzer u.v.a.

Was ist das Besondere an dieser Spielart des Jazz?

Der fast ausschließliche Zugang der Mitwirkenden über das Gehör, so wie es mir auch am liebsten ist. Dadurch ist die Musik direkt und hat viel Spielraum für Spontaneität und musikalische Kommunikation. Hier haben wir auch die Parallele zu Chet Baker, der zwar nach Noten spielen konnte, aber in der Regel alles über das Gehör machte.

Welchen Stellenwert haben Events wie das Internationale Django Reinhardt Festival im Hinblick auf die Pflege und den Aufbau von Kontakten?

Grundsätzlich trifft man sich bei Festivals und erlebt die Kolleginnen und Kollegen live, die sonst immer gleichzeitig woanders auftreten als man selbst. So entsteht oft neue Inspiration und so manche musikalische Partnerschaft resultiert aus diesen Begegnungen. Natürlich trifft man auch immer wieder Kollegen, mit denen man früher mal gespielt hat. Darauf freue ich mich auch hier.

Ihr Konzert am Festivalsonntag steht unter dem Titel »Chet meets Django«. Was dürfen die Besucherinnen und Besucher erwarten?

Die Formation, die durch die Initiative eines Freundes entstanden ist, entspricht weder der typischen Besetzung von Django noch der von Chet. Wir werden also mit unserem eigenen Sound die Musik der beiden großen Kollegen in einem Konzert zusammenbringen.

Mit Chet Baker haben Sie ab Ende der 1970er-Jahre live und im Studio gespielt. Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit?

Darüber könnte ich mindestens ein Buch schreiben. Es war auf jeden Fall eine sehr intensive und inspirierende Zeit, in der ich eine musikalische Tiefe erleben durfte, die mich bis heute beim Komponieren und Spielen trägt. Unsere 1979 aufgenommene Duo-LP »Ballads For Two« war unglaublich erfolgreich und wurde gerade wieder in den USA als CD mit bisher unveröffentlichen Bonustracks bei Dot Time Records herausgebracht. Neben Duoauftritten, übrigens auch mal 1979 in Augsburg im damaligen Jazzhouse, war ich in vielen unterschiedlichen Formationen Chets auf Tour und im Studio dabei. Damals war ich noch sehr jung und kannte noch nicht alle Stücke. Chet spielte aber immer so melodisch und logisch, dass ich manche quasi auf der Bühne lernte. Balladen wie »My Funny Valentine«, mit der Chet in den 1950er-Jahren den Status eines Popstars erreichte, waren natürlich immer wieder im Repertoire. Die komplizierteren Themen sang er mir zum Beispiel im Zug vor, sodass wir sie dann am Abend aufführen konnten.


Das komplette Programm des Internationalen Django Reinhardt Festivals finden Sie unter: www.django-reinhardt-festival.eu

Die a3kultur-Sonderveröffentlichung zum Festival – erschienen in der Ausgabe Mai 2019 – steht HIER zum Download bereit.

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