Alle Jahre wieder: Kunst aus Schwaben

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4. Dezember 2017 - 17:05 | Bettina Kohlen

Zum 69. Mal versammelt die »Große Schwäbische Kunstausstellung« aktuelle Arbeiten von Kunstschaffenden, die in Schwaben leben oder dort geboren wurden.

Es braucht schon einen langen Atem, über Jahrzehnte hinweg so eine Schau auf die Beine zu stellen. Alljährlich und ohne thematische Vorgaben ruft der Berufsverband Bildender Künstler zur Beteiligung auf. In diesem Jahr wählte die Jury aus den Einreichungen 80 Arbeiten und drei Konzepte von 37 Künstlerinnen und 31 Künstlern für die Räume im Schaezlerpalais und im H2 aus.

Ebenso wie die Ausstellung hat die Vergabe eines Kunstpreises lange Tradition. 2017 geht er an die Augsburger Künstlerin Claudia Geßner für ihre großes Reliefbild »aus Idyll: du siehst mich nicht«. Was auf den ersten Blick hübsch und zart scheint, erweist sich bald als trügerisch. Geßner setzt sich mit den Geschlechterrollen auseinander, indem sie mit leichter Hand Elemente in der spielerisch-pastelligen Ästhetik der Wirtschaftswunderjahre herausgreift und collagiert – ihre daraus entwickelten Geschichten erzählen jedoch drastisch von Missachtung und Gewalt. Bereits 2011 hat Geßner in der »Großen Schwäbischen« eine bemerkenswerte Arbeit gezeigt, die große Wandinstallation der 366 Tagebretter.

Zwischen erwartungsgemäß viel Malerei fallen diesmal Fotografie und Videokunst auf. Monika Schultes, die im Vorjahr mit der Installation »Broken Home« vertreten war, einer Auseinandersetzung mit dem Abriss ihres Elternhauses, ist in dem Video in diesem Haus in einem Kleid ihrer Mutter zu sehen. Sie robbt vorsichtig auf einen Tisch, der Tisch kippt, eine Kanne rutscht herunter und zerbricht – Zufall – nicht. Dann wird alles zurückgespult bis zur Ausgangssituation. Gerald Bauer blickt von oben auf zwei Augsburger Plätze, wir sehen aus der Vogelschau von Autos blockierte Kreuzungen. Durch die ungewohnte Perspektive und die schwarzweiß-Fotografie wandelt sich das bekannte, von unten als Chaos empfundene Geschehen, es wird abstrahiert und zum ästhetischen und grafisch beruhigten Bild. Moritz Vodermeier zeigt zwei fotografische Portraits eines Mannes und einer Frau, er arbeitet jedoch mit einer frühen fotographischen Technik, der Ambrotypie. Diese fordert von den porträtierten Menschen, einige Sekunden still zu verharren. Das bewusste Innehalten ist einerseits ein Statement zur heutigen Nebenbei-Schnelligkeit, beeinflusst aber auch Haltung und Ausdruck der so geschaffenen Portraits. Allerdings zeigt Vodermeier nicht die Ambrotypie selbst, ein direkt belichtetes Glasplatten-Unikat, sondern Digitaldrucke.

Im Kabinettkubus des H2 im Textilviertel haben drei Installationen ihren Platz gefunden. Auch hier gibt es eine Videoarbeit: Emmeran Achters »Repl(a)y« zeigt Jugendliche, die Bewegungen und Gesten aus Computerspielen nachspielen. Doch in der Projektion auf die Kabinettwände wird jeglicher Kontext ausgespart, alles wird auf die reine Körperlichkeit reduziert. Daniela Kammerers vitales Projekt »Haut um’s Hirn« gruppiert eine Vielzahl expressiver starkfarbiger Portraits unterschiedlicher Menschen, entstanden in verschiedenen Ländern und Orten, entlang der Wände um eine zentrales zeichenhaft zartes Drahtgestirn. Darunter liegt ein akustischer Teppich aus menschlichen Stimmen, Gesang und Geräuschen. Anja Güthoff inszeniert ein bildmächtiges Schauspiel, in dem ein Gruppe von Menschen in kleinen schwarzen Booten aus Wachs gerade eine gewaltige »Stromschnelle« aus grauen Styroporfelsen überwindet. Eingefasst wird die Szenerie von einem auf Papier getuschten wilden Strom mit großen Fischen entlang der Wände. Güthoff spielt in ihrer theatralen Installation mit mythologischen Aspekten der abendländischen Kultur, denen sie eine barocke Bühne bereitet.

Die Große Schwäbische Kunstausstellung bietet einen ordentlichen Querschnitt des Kunstgeschehens in der Region, doch die Welt wird hier nicht aus den Angeln gehoben. Einige Arbeiten, wie die hier vorgestellten, ragen heraus, doch viele der Künstler waren in den Jahren oder Jahrzehnten zuvor auch vertreten und bleiben ihrem Thema und Ductus treu. Das hat Wiedererkennungswert, ist aber nicht wirklich aufregend. Man muss nicht drumherum reden: Das Interesse junger Künstler hält sich in Grenzen, das Durchschnittsalter der Beteiligten liegt deutlich über 50. Diese Schwierigkeit, jüngere Kunstschaffende zu aktivieren, hat nicht nur der BBK, auch Organisationen wie die Künstlervereinigung Ecke erreichen den Nachwuchs nur schwer. So gerät diese Überblicksschau im Gesamten zur sicheren Bank ohne riskante Positionen. Also dann: Hingehen, einen Querschnitt der Arbeit von Künstlern unserer Region erleben, außerdem die Räume des Schaezlerpalais und des H2 genießen. Und nicht vergessen: man kann die Kunst dort auch kaufen …

Zur Ausstellung erscheint ein Kunstkalender mit Abbildungen aller Arbeiten (15 Euro).

Die Große Schwäbische Kunstausstellung ist bis zum 14. Januar im Schaezlerpalais und im H2 zu sehen.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
www.kunst-aus-schwaben.de

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