Klassik

Alle Register gezogen

Renate Baumille...
21. Dezember 2020

Gerade noch rechtzeitig vor dem großen Lockdown lud die Stadt Augsburg – vertreten durch den Wirtschaftsreferenten Dr. Wolfgang Hüb­schle sowie Tourismusdirektor Götz Beck – interessierte Pressevertreter*innen in den Kongress am Park, um dort über den aktuellen Stand der aufwändigen und 2019 vom Stadtrat beschlossenen Generalsanierung der Steinmeyer-Konzertsaal-Orgel zu informieren. Seit Anfang Oktober ist der Orgelbaumeister Siegfried ­Schmid aus Immenstadt im Allgäu mit seinen Mitarbeitern am Werk.

Eine der seltenen positiven Nebenwirkungen der Pandemie, die ansonsten ja alles tut, um den Kulturbetrieb lahmzulegen, ist die Tatsache, dass man durch den stillstehenden Kongress­betrieb jetzt die benötigten rund 90 Tage quasi ungestört zur Verfügung hat, um vor Ort das Großinstrument in seine Einzelteile zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Tonventile und nicht mehr spielbare Blasebälge müssen neu »beledert« werden, viele lädierte Pfeifen gerei­nigt oder überholt werden. Zudem wird ein komplett neuer, mobiler Spieltisch, der heutigen spieltechnischen Standards entspricht und den originalen Spieltisch verstärkt, gebaut und installiert. Die Kriterien des Denkmalschutzes sind dabei mit denen aktueller Brandschutzvorschriften in Einklang zu bringen.

Auch Claudia Waßner, die seit 1996 und damit seit Beginn der Aufzeichnungen über die Domorganisten im Jahr 1548 die erste Frau in diesem Amt ist, ist sehr gespannt auf den neu hergestellten, am neubarocken Klang orientierten »Können« der Kongress-Orgel. Sie wird als Kustodin zukünftig das Wohl und Wehe und damit den Umgang des Instruments im Blick behalten.

Selbst die älteren Stammhörer*innen der Sinfoniekonzerte der Augsburger Philharmoniker dürften die Existenz der Orgel am Kongress am Park kaum mehr wahrgenommen haben. Seit über 20 Jahren war sie zum Stillschweigen verdammt. Das tonnenschwere Instrument aus dem traditionsreichen Oettinger Orgelbauer-Haus G.F. Steinmeyer (das 2001 seinen Betrieb einstellte) wurde 1972 erbaut. Es gilt als integraler Bestandteil des unter Denkmalschutz stehenden Kongress am Park und verfügt über 65 Register und 4.485 Pfeifen. Wegen ihrer rein mechanischen Traktur galt sie bei Fertigstellung als Unikat und Besonderheit, nachdem alle bisherigen Konzertorgeln pneumatisch oder elektrisch funktionierten. Während der Generalsanierung des Kongresses von 2009 bis 2012 blieb die anstehende Sanierung der Königin der Instrumente außen vor. Kein Wunder angesichts der geschätzten Gesamtkosten von rund 360.000 Euro. Dennoch ein unhaltbarer Zustand. Nicht nur, aber insbesondere in den Augen der Mitglieder der Philharmonischen Gesellschaft Augsburg e.V., die sich unter dem Label »Projekt Zarathustra« – benannt nach dem großen Orchesterwerk von Richard Strauss, in dem die Orgel einen entscheidenden Part spielt – seit rund acht Jahren allerhand einfallen ließen, um die Restaurierung der Orgel in Gang zu setzen.

Stolz und glücklich zeigte sich Cellist Jakob Janeschitz-Kriegl als erster Vorsitzender der Philharmonischen Gesellschaft und benannte die wirklich beachtliche Summe von rund 160.000 Euro, die über die Aktionen zugunsten der Orgel generiert wurde: Zu je einem Drittel basierend auf Privatspendern, den Patenschaften für Orgelpfeifen und den Erlösen aus zahlreichen Benefizkonzerten, die unterschiedliche Ensembles und Solist*innen der regionalen Musikszene veranstaltet hatten. Ebenfalls aus den Reihen der Mitglieder des Philharmonischen Orchesters kommt die Idee, die Steinmeyer-Orgel zukünftig auch ins Zentrum eines theaterpädagogisch ausgerichteten Projekts zu stellen. »Warum nicht einmal die Bereiche Technik, Physik und Musik zusammenführen und so die Mechanik und Funktionsweise der Orgel mit der entsprechenden Musikliteratur verbinden«, beschreibt Janeschitz-Kriegl den Plan.

Vermutlich im September 2021 werden wieder alle Register gezogen: Stand heute soll die »Premiere« der Steinmeyer-Orgel im Rahmen der Sinfoniekonzerte der Augsburger Philharmoniker stattfinden und danach in wiederhergestellter Klangpracht das Musikleben der Stadt bereichern.

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