Alle unter einem Dach

19. Mai 2015 - 15:48 | Patrick Bellgardt

Die Kulturfabrik vereint Künstler, Kreative, Kunsthandwerker, Musiker, Pädagogen und Theatermacher. Ein Besuch zum 20-jährigen Jubiläum.

Pünktlich mit dem Postboten treffe ich an diesem regnerischen Vorfrühlingstag in der Kulturfabrik ein. Es herrscht morgendliche Aufbruchstimmung. Den größten Mieter des Hauses, das Sensemble Theater, kenne ich schon, nicht wenige faszinierende Premieren habe ich hier erleben dürfen. Über die Bar und den Bühnenbereich bin ich dabei allerdings – um ehrlich zu sein – nie hinausgekommen. Auch heute schlage ich zielstrebig den Weg dorthin ein. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt.

Theaterleiter Sebastian Seidel erwartet mich bereits. Wir sind uns einig: erst mal einen Kaffee. Der Dramatiker und Regisseur eilt hinter die Bar. Nebenan werkelt Mike Hühn am Bühnenbild für »Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes«. Der Boxring, der als Kulisse für die Inszenierung dient, musste am Vorabend dem Album-Release-Konzert des Duos Dani & Serge weichen. Der gelernte Elektriker Hühn ist im Team des Theaters so etwas wie der »Mann für alles«. Neben den Bühnenbildern kümmert er sich um diverse Renovierungs- und Umbauarbeiten im Haus. Abends steht der Hobbymusiker (»Cash Union«, »Heinz Ritter Combo«), wie er sich selbst bezeichnet, als Barkeeper hinter dem Sensemble-Tresen.

Kaum ist der Kaffee fertig, gesellt sich Michael Grau zu uns. Ohne sein Engagement und das seiner Mitstreiter würde es die Kulturfabrik heute wohl nicht geben. Seinen Ursprung hat das Projekt in der Jugendarbeit des katholischen DJK-Sportverbands Augsburg. In diesem Rahmen schloss sich eine Reihe theaterbegeisterter junger Menschen 1987 als »Theaterfabrik Uhrwerk« zusammen. Erste eigene Räume fand die Gruppe nach über zehn erfolgreichen Produktionen 1994 in der ehemaligen Flak-Kaserne in Kriegshaber. Das »Gebäude 201« wurde zur »Kulturfabrik«. Im selben Jahr folgte die Gründung des Vereins »DJK Theaterfabrik Uhrwerk«. Der ehemalige Kunstpädagogikstudent Grau stellte den Kontakt zur Augsburger Künstlerszene her. Wenig später war die Theaterinitiative auch Ateliervermieter. In der Folge verlagerte sich die Arbeit zunehmend auf das Kulturmanagement, Ausstellungen, Workshops und Konzerte wurden veranstaltet. Nach dem Abriss des alten Domizils Flak-Kaserne zog der Verein 1997 in ein leer stehendes Fabrikgebäude in der Bergmühlstraße – die »neue« Kulturfabrik am heutigen Standort.

Unzählige ehrenamtliche Arbeitsstunden und eine gehörige Portion Idealismus waren nötig, um einen Ort zu schaffen, der auch 20 Jahre später einen Fixpunkt in Augsburgs Kulturlandschaft darstellt. Grau, seit 2002 Referent für Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Moritzkirche, ist nach wie vor sichtlich stolz auf die Leistung der kleinen Truppe: Lediglich acht Kreative umfasste das Kernteam, insgesamt waren rund 15 Personen beim Umbau aktiv. Nicht wenige hatten sie für verrückt erklärt. Eines aber steht fest: Ohne die beispiellose Unterstützung des Vermieters wäre dieses Unternehmen nicht möglich gewesen. Wer ist dieser Mann, der lieber Künstlern ein Zuhause gibt, statt seine Räume an zahlungskräftige Firmen zu vermieten? Wie der Zufall so will, ist Claus Trinkl an diesem Vormittag im Haus – ein Termin mit dem Fensterbauer steht an.

Von der Hausgerätefabrik zum Künstlerhaus mit Ateliers, Werkstätten, Kunstschule und Theater

Ich verabschiede mich von Michael Grau, der geschäftlich weiterziehen muss, und lasse Sebastian Seidel erst einmal weiterarbeiten. Am anderen Ende des Hauses treffe ich Trinkl in der kleinen Künstlergemeinschaftsküche. Kochplatten, elektronische Heiz- und Schuhputzgeräte hat die Hausgerätefabrik seines Vaters bis in die 1980er-Jahre unter dem Dach der heutigen Kulturfabrik hergestellt. Mehrere Hundert Beschäftigte zählte das Unternehmen zu seiner Hochphase. Nach der Schließung vermietete Trinkl Junior das Gebäude an diverse Firmen, so waren hier über die Jahre unter anderem ein Schaltschrankbauer und eine Lohndreherei ansässig.

Als die ehemalige Hausgerätefabrik 1996 erneut ausgeschrieben wurde, traute er seinen Augen nicht. Vier junge Männer standen vor der Tür: »Wir wollen das mieten!« Bewaffnet mit einem Empfehlungsschreiben von der Augsburger Diözese versuchten Wolfgang Klingauf, Stefan Weißbrod, Michael Grau und sein Bruder Peter ihr Glück. Durchaus angetan von der couragierten Idee, willigte Trinkl ein und wagte damit ebenso wie seine neuen Mieter einen mutigen Schritt. Gerade in der Anfangszeit, als die Zahlung der Miete auch mal aufgeschoben werden musste, bekam er viel Kritik zu spüren. Heute klappt alles »super gut«, die Entscheidung, der Kultur eine Chance zu geben, hat Trinkl nie bereut. Dabei steht der bescheidene Hausherr nicht gern im Rampenlicht. Alle meine Gesprächspartner  bestätigen mir diesen Eindruck. Trinkl hat jederzeit ein offenes Ohr für seine Mieter und gleichzeitig immer einen lockeren Spruch auf den Lippen.

Drei Zimmer von der Küche entfernt hat Florian Hoyer sein Atelier für kurze Zeit zum Fotostudio umgebaut. Furniersäge, Schnitzeisen und Retuschepinsel tauscht der freiberufliche Restaurator für Möbel und Holzobjekte in den kommenden Tagen immer wieder gegen seine Kamera. Für die aktuelle a3kultur-Sonderveröffentlichung haben er und Eileen O’Rourke ihre »Mitbewohner« abgelichtet. Derzeit ist Hoyer zusammen mit Sebastian Seidel und Peter Grau amtierender Vorstand der Kulturfabrik. Seit 2003 hat der gebürtige Allgäuer sein Restaurierungsatelier in der Bergmühlstraße. Allein schon die faszinierende Werkzeugwand fesselt meinen Blick, ganz zu schweigen von den massiven antiken Holzschränken. Beruflich ist Hoyer zwar viel unterwegs, vor allem in Kirchen und Klöstern, dennoch ist er einer, der sich in seiner Werkstatt jederzeit zu Hause fühlt.

Wer sich einmal hier eingerichtet hat, gibt das so schnell nicht wieder auf

Ganz ähnlich geht es Christina Weber, die ihr Atelier am Ende des Flurs hat. Auch die Bildhauerin schätzt an der Kulturfabrik mehr als nur ihre zwei großen hellen Räume mit Blick ins Grüne – das Miteinander unter den Mietern ist harmonisch, man trifft sich gerne zum gemeinsamen Plausch. Noch vor einiger Zeit war die in Gessertshausen lebende Künstlerin täglich hier anzutreffen. Bereits vor 18 Jahren hat sie in der Kulturfabrik ihre kreative Heimat gefunden. In ihrem Atelier kann sich Weber ausleben, mit der Kunst spielen. Auf den Regalen und an den Wänden spiegelt sich diese schöpferische Kraft wider. Für mich ein Kunstraum, wie ich ihn mir vorstelle. Neben in Gips gegossenen Köpfen, wundersamen Fantasiewesen, noch unvollendeten Skulpturen und der ein oder anderen Arbeit aus den von der Künstlerin angebotenen VHS-Kursen gibt es noch so allerhand zu entdecken. Die Auswahl der verwendeten Materialien kennt dabei keine Grenzen. Thematisch widmet sich die Bildhauerin im Moment unter anderem dem Menschen als Herdentier.

Ich folge ebenfalls weiter meinem Instinkt und klopfe nebenan. Ingrid Olga Fischer bittet mich herein. Auf der linken Seite des Zimmers reihen sich unzählige bereits gerahmte Gemälde aneinander, rechts befindet sich der Arbeitsbereich der Künstlerin. Kurzerhand bekomme ich eine kleine Einführung in die Welt der Hinterglasmalerei – neben der klassischen Acrylmalerei und der Druckgrafik eine ihrer bevorzugten Techniken. Fischers Motive drehen sich um den Menschen und das Tier, das Tier im Menschen. Gerade ihre ins Abstrakte, Gegenstandslose gerückten Werke und eindrucksvollen Farbenspiele gefallen mir sehr. Seit 12 Jahren arbeitet die Malerin in der Kulturfabrik. Die Atmosphäre im Atelier und im Haus ist für sie einfach perfekt, die ruhige Lage und sympathische Kolleginnen und Kollegen runden das Gesamtpaket ab.

Zurück im Flur gehts die Treppe nach oben in den ersten Stock. Neben dem großen Seminarraum, der Garderobe und dem Fundus des Sensemble Theaters befindet sich hier unter anderem Eileen O’Rourkes Büroatelier. Die Grafikerin ist die neueste Mieterin der Kulturfabrik – Einzugsdatum: Januar 2014. In der Regel sind die Räume konstant besetzt, wer sich einmal hier eingerichtet hat, gibt das so schnell nicht wieder auf. O’Rourkes »Abstellkammer«, wie sie ihr Zimmer unter dem Dach augenzwinkernd nennt, strahlt eine ganze besondere Stimmung aus. Die Dachschräge und Holzbalken engen den Platz etwas ein, durch die kleinen Fenster ist es ein wenig dunkel, und trotzdem – oder gerade deshalb – urgemütlich. Künstlerisch widmet sich die ehemalige Sozialpädagogin der Grafik, Zeichnung und Malerei. Nebenbei versucht sie die Kulturfabrik weiter zu beleben. Ein einheitlicher Auftritt in Sachen Design ist da ein Anfang. Einige Ergebnisse wie den Raumplan oder das Plakat zur Jubiläumsfeier können Sie in unserer Sonderveröffentlichung bewundern.

Das Geburtstagsfest am 23. Mai lädt zum Entdecken ein

Ein Blick auf die Uhr rät mir: Zurück zum Anfang! Also runter ins Erdgeschoss, an den Ateliers und dem Eingangsbereich vorbei, wieder ins Sensemble Theater. Sebastian Seidel sitzt in seinem Büro, auch seine Frau Anne Schuester ist in der Zwischenzeit eingetroffen. Seit ihrem Komparatistikstudium ist sie als freie Texterin, Lektorin und Dramaturgin tätig. Für das Theater organisiert und konzipiert sie Veranstaltungen, ist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig und kuratiert die monatliche Konzertreihe.

Dass in diesem Jahr auch 15 Jahre Sensemble Theater gefeiert werden, ist eigentlich nicht ganz richtig, wie mir Seidel erklärt. Der Trägerverein wurde bereits 1996 gegründet – und ohne das seit 1989 bestehende Germanistentheater der Universität Augsburg wäre die Entwicklung wohl auch anders verlaufen. Ein Teil der Gruppe, bestehend aus freischaffenden Schauspielern, Regisseuren, Dramatikern, Masken-, Kostüm- und Bühnenbildnern, wollte das Projekt nach dem Studium fortführen und professionalisieren. Unter der Führung von Seidel entstand das Sensemble Theater.

Überaus erfolgreiche Inszenierungen auf der Freilichtbühne am Jakoberwallturm in den Jahren 1998 und 1999 ermutigten zu einem gewagten Schritt: der Schaffung einer eigenen Spielstätte. Die Verbindung zur Kulturfabrik bestand seit einiger Zeit, schließlich nutzte das Theater dort bereits einen Raum. Als dann die im Haus ansässige Druckerei auszog und Flächen frei wurden, schlug Seidel kurzerhand zu. Am 27. Mai 2000, zum 29. Geburtstag des damaligen Doktoranden, wurde das Sensemble Theater, wie wir es heute kennen, offiziell eröffnet. Circa 140 Vorstellungen mit rund 13.000 Besuchern jährlich, mehrere Auszeichnungen und hervorragende Kritiken beweisen: Die anfängliche Vision einer eigenen Bühne hat sich längst zum »Wow-Projekt« gemausert.

Mein Besuch neigt sich langsam dem Ende zu, ein Termin in der a3kultur-Redaktion wartet auf mich. Vis-à-vis der Sensemble-Büros zieht mich jedoch ein noch unbekannter Raum in seinen Bann: das Atelier der Kunstschule Palette. Hier treffe ich heute niemanden an. Bunte Bilder, kleine Staffeleien und große Tische lassen erahnen, was für ein reges Treiben hier sonst herrscht. Zu dieser Zeit sind die Kunstpädagoginnen und -pädagogen jedoch meist in Schulen unterwegs. Mit Katharina Steppe-Roth, einer der Gründerinnen der 1993 ins Leben gerufenen Initiative, treffe ich mich wenige Wochen später. Das Ergebnis dieses Gesprächs, weitere Infos, Geschichten und Fotos zur Kulturfabrik finden Sie in der Sonderbeilage unserer aktuellen Ausgabe.


Von der Hausgerätefabrik zum Künstlerhaus mit Ateliers, Werkstätten, Kunstschule und Theater – ich kann Ihnen nur raten: Besuchen Sie die Kulturfabrik! Eine gute Gelegenheit bietet sich am 23. Mai ab 16 Uhr. Das Geburtstagsfest zum 20. Bestehen lädt mit offenen Ateliers, Jubiläumsgala, gutem Essen, Kinderprogramm und vielem mehr zum Entdecken ein.

www.kulturfabrik34.de
www.sensemble.de
www.kunstschulepalette.de

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