Alles hat seine Zeit

8. Dezember 2018 - 8:04 | Patrick Bellgardt

Lange bevor der Serienhit »Babylon Berlin« ein ungeahntes Interesse an der Weimarer Republik entfachte, sorgte Max Raabe für eine musikalische Renaissance der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Interview

Herr Raabe, Ihr aktuelles Album trägt den Titel »Der perfekte Moment … wird heut verpennt« – da schwingt eine ordentliche Portion Gelassenheit mit. Ist es manchmal besser, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen?

Max Raabe: Alles hat seine Zeit. Bei uns überschlagen sich oft die Ereignisse. Dinge, die keinen Aufschub dulden, müssen erledigt werden. In unserem Geschäft kann man nichts erzwingen, darum ist es klug, ab und zu mal nichts zu machen und ein bisschen zu faulenzen. Das Letztere kann ich besonders gut.

Sie sind in Lünen am Rande des Ruhrgebiets aufgewachsen. Anfang der Achtzigerjahre gingen Sie nach West-Berlin. Wie ein Magnet zog die Stadt damals Künstler und Individualisten an. Was lockte Sie dorthin?

Berlin war bei uns zu Hause immer ein Thema. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Berlin und der Mark Brandenburg. Die aufregendsten Geschichten fanden immer in Berlin statt. Darum war mir schon früh klar, dass ich dort leben möchte.

Hat es Sie nie wieder weggezogen?

Ich lebe gerne in Berlin. Das kulturelle Angebot ist enorm: drei Opernhäuser, unzählige Theater und ein herrliches Umland mit vielen Seen und Wäldern. Dadurch, dass ich viel unterwegs bin, werde ich dieser Stadt nie überdrüssig.

Es gibt aber auch eine andere Seite: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, Proberäume, Werkstätten und Ateliers sind Mangelware. Ist Berlins Status als Kreativmetropole in Gefahr?

Es ist sehr bedauerlich, dass durch die Verteuerung der Stadt viele Menschen an den Rand gedrängt werden, das betrifft besonders Familien und alte Leute. Wenn wir nicht aufpassen, macht Berlin das kaputt, was es eigentlich so attraktiv und lebenswert gemacht hat.

Haben Sie eigentlich »Babylon Berlin« gesehen?

Ich konnte bislang zwei Folgen sehen und war von der ersten Sekunde an gefesselt.

Die Serie ist in aller Munde, das Interesse am Berlin der Weimarer Republik ist riesig. Mit dem Palast Orchester bringen Sie die Musik der Zwanziger- und Dreißigerjahre auf die Bühne – und das seit 1986 … Können Sie sich also entspannt zurücklehnen und den aktuellen Trend beobachten?

Wer an Berlin denkt, denkt auch an die Weimarer Republik. Diese Zeit hat schon immer einen besonderen Zauber ausgeübt. Die Architektur, das Filmwesen und selbstverständlich die Musik sind heute noch prägend und oft von zeitloser Qualität. Die Musik der Zwanziger und Dreißiger wird immer ein Teil unserer Kultur sein. Das Palast Orchester und ich nehmen dieses Repertoire sehr ernst – nur uns nicht.

Ist das Interesse an der Weimarer Republik so groß, weil wir vermeintlich in politisch ähnlich unsicheren Zeiten leben wie damals?

Geschichte wiederholt sich nicht auf dieselbe Art und Weise. Aber das, was wir heute als selbstverständlich erachten, ist noch nicht sehr alt und kann durch unsere Unaufmerksamkeit leicht verloren gehen. Das ist die Lehre, die wir aus der Weimarer Republik ziehen müssen.

Würden Sie sich als Nostalgiker bezeichnen?

Das Wort Nostalgie hat für mich immer den muffigen Beigeschmack von »Früher war alles besser«. Ich liebe die zeitlose Qualität dieser alten Werke, die raffinierten Harmoniefolgen, die eleganten Wendungen in der Musik und die klugen, oft doppeldeutigen Wortspiele.

Rund 600 Titel hat das Palast Orchester über die Jahre in sein Repertoire aufgenommen. Wie forschen Sie nach neuen, noch unentdeckten Songs?

Wir haben Kontakt zu Sammlern und bekommen häufig Hinweise auf unentdeckte Perlen. Manchmal werden wir aber auch durch Zufall im Netz fündig.

Für »Der perfekte Moment … wird heut verpennt« haben Sie sich Unterstützung von Popmusikern geholt – unter anderem von Annette Humpe (Ich + Ich) und Peter Plate (Rosenstolz). Wie gelingt der Spagat zwischen heutiger Popmusik und der damaligen?

Diese Popfachkräfte kommen aus einer ganz anderen Richtung als ich. Darin liegt der Reiz unserer Zusammenarbeit. Es geht mir darum, die Haltung der Zwanziger und Dreißiger in die Gegenwart zu tragen. Diese besondere Art, eine Geschichte zu erzählen, zu formulieren, komische und ironische Brüche zu erzeugen. Die Musik muss zeitgemäß klingen und einen poppigen Charakter haben – so entsteht »Raabe-Pop«.

Welche Musik hören Sie privat?

Zu Hause bin ich gerne ohne Musik, weil mir permanent irgendeine Melodie durch die Ohren weht. Ein Metzger ist vielleicht auch ganz froh, wenn er mal keine Wurst vorgesetzt bekommt.

Ein Markenzeichen Ihrer Konzerte ist Ihr trockener Humor. Gleichzeitig wirken Sie mit akuratem Scheitel, Frack und Fliege immer etwas ernst …

Ich beobachte gerne und habe einen Sinn für komische Situationen – besonders, wenn bei mir mal was danebengeht.


Im Rahmen der aktuellen Tour »Der perfekte Moment … wird heut verpennt« spielen Max Raabe & Palast Orchester am Donnerstag, 13. Dezember, im Kongress am Park. Konzertbeginn ist um 20 Uhr.

www.palast-orchester.de

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