Alles Staatstheater oder was?

24. Mai 2018 - 9:15 | Jürgen Kannler

Unter der Überschrift »Geistzeit« geht das Staatstheater Augsburg in die neue Saison.

Das hat es in der Geschichte der deutschen Stadttheater in dieser Form wohl noch nie gegeben. Da präsentiert die künstlerische Leitung ihr neues Spielzeitprogramm, erst ihr zweites in Folge, und lange bevor die erste Premiere gefeiert werden kann, ist der dicke Band schon Makulatur. Nicht inhaltlich natürlich, aber formal. Denn wenn Ende September mit dem Schauspiel »Gas« des Expressionisten Georg Kaiser die Spielzeit im Kühlergebäude des ehemaligen Gaswerks Oberhausen startet, soll es kein Stadttheater mehr geben. Die Politik macht, was sie den Kritiker*innen der Theatersanierung über Jahre unterstellt hat, sie schafft das Stadttheater ab. Und zwar im Handstreich zum 1. September 2018. Es soll jedoch ersetzt werden durch ein Staatstheater. Wie gesagt, inhaltlich wird sich vorerst nicht viel ändern, formal hingegen schon. Die Bürger*innen werden nämlich nicht mehr Herr sein im vormals eigenen Haus. Drei von sechs Stimmen im entscheidenden Stiftungsrat sollen sie erhalten, immerhin. Hätte ein solches Gremium jemals einen Eigenkopf wie André Bücker zum Intendanten in Augsburg gemacht?

Den Titel Staatstheater hat sich Augsburg redlich verdient. Verantwortlich dafür ist die Stadtpolitik, aber auch die Theaterleitungen der letzten Jahrzehnte. Systematisch hat man das Große Haus am Kennedyplatz verkommen lassen, bis es zuletzt zu gefährlich war, es zu bespielen. Dann wurde es geschlossen. Damit hat die Stadt wohl nach Meinung des Ministerpräsidenten Söder bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist, mit dem gebotenen Verantwortungsbewusstsein mit einem Kulturort dieser Größe umzugehen. Also wird verstaatlicht. Voraussichtlich nach dem sogenannten Nürnberger Modell, bei dem sich Stadt und Staat die Kosten schwesterlich teilen. Es gäbe auch andere Modelle, bei denen der Staat komplett für ein Theater aufkommt. Diese Variante wird aber auch weiterhin wohl nur den Münchner*innen vorbehalten sein. Die für die Stadt in die Verhandlungen Entsandten werden es kaum im Kreuz haben, für Augsburg ein Sondermodell dieser Qualität zu erstreiten.

Finanziell gesehen wird die Umwandlung für die Bürger*innen im besten Fall ein Nullsummenspiel werden. Einsparungen, die sich aus der höheren Kostenübernahme durch den Staat ergeben, werden durch steigende Betriebskosten geschluckt. Das wissen auch Augsburger Kulturreferenten a.D. aus dem CSU-Lager plausibel vorzurechnen. Was bleibt, ist die Kunst, und darin das Faktische. Ein größerer Chor und mehr Geiger*innen machen noch kein besseres Musiktheater. Das schaffen nur Teams, Geist und Visionen. Entscheidend ist auch, ob die vor einigen Jahren gestartete Neuausrichtung der Augsburger Theaterlandschaft weiter verfolgt wird. Sieht das Kultusministerium ein Staatstheater in Augsburg auch als Experimentierfeld für soziokulturelle Projekte oder geht es eher darum, eine neue Boomregion kulturell unter Kontrolle zu bekommen? Wir werden es erleben, und damit zurück zur neuen Spielzeit.

Sie startet am 23. September mit einem Theaterfest im martini-Park. Die interkulturelle Kompetenz des Hauses und seine Fähigkeit zur Vernetzung werden in der Weiterführung der Projektschiene »Plan A« unter Beweis gestellt. Franz Doblers »Benno-Ohnesorg-Theater« bleibt uns ebenso erhalten wie etliche Inszenierungen in der Wiederaufnahme. Neu im Programm ist das Literaturprojekt »Tresenlesen«, das man jedoch nicht zwangsläufig mit dem schon längst eingestellten Format von Jochen Malmsheimer und Frank Goosen in Verbindung bringen sollte.

Am 12. Januar soll mit der Uraufführung »Europe Central« von William Vollmann die Brechtbühne im Gaswerk ihrer Bestimmung übergeben werden. Für die Mozartstadt steht »Die Zauberflöte« und für die Brechtstadt »Baal« auf dem Programm. Das Ballettensemble bietet vier bald schon ausverkaufte Neuinszenierungen und das »Noch-B-Orchester« acht durchweg empfehlenswerte Sinfonieorchester und mit Matthias Höfs einen Artist in Residence mit Trompete.

Karten für die neue Spielzeit können ab dem 2. Juli unter www.theater-augsburg.de bestellt werden und ab Herbst können Mama und Papa ihre lieben Kleinen am Sonntagnachmittag kostenfrei der theatereigenen Kinderbetreuung übergeben und der Kultur frönen, sofern sie über das passende Abo verfügen. Das Spielzeitbuch 2018/19 ist ab sofort beim Theater Augsburg und seinen Vorverkaufsstellen, zum Beispiel in der Bürgerinfo am Rathausplatz, erhältlich.

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