Alte Erinnerungen, neue Chancen

13. November 2019 - 10:19 | Dieter Ferdinand

Nach »1000 Jahre habe ich gelebt« und »Brücken der Hoffnung« ist der dritte Teil der Memoiren von Livia Bitton-Jackson »Hallo Amerika! Eine Reise in die Freiheit« auf Deutsch erschienen.

»Heute ist Sabbat. Wir haben unsere Reise am heiligen Sabbat begonnen und beenden sie auch am Sabbat. Ist das eine göttliche Botschaft?... In ganz verschiedenen Sprachen singen die Flüchtlinge die Hymnen, die sie im Herzen tragen.« (S. 10/11) Die 20-jährige Elli Friedmann, wie Livia Bitton-Jackson damals hieß, und ihre Mutter sind am 7. April 1951 in New York angekommen. »Hinter uns liegt die blutgetränkte Erde, das Gräberfeld all dessen, was ich geliebt habe – meiner Familie, meiner Freunde, meiner Kindheit. Es war eine lange Reise. Begann sie, als junge amerikanische Soldaten mich, ein vierzehnjähriges Skelett, aus einem deutschen Gefangenentransport befreiten? … Anstatt in Amerika endete die Reise meines Vaters in einem Massengrab in Bergen-Belsen.« (S. 11–14) Elli Friedmann hatte das KZ Auschwitz überlebt und kam 1944 mit einem Transport nach Augsburg, wo sie und ihre Mutter in den Michelwerken in Kriegshaber (jetzt Gewerbehof in der Ulmer Straße) Zwangsarbeit verrichten mussten.

Nach dem Verlassen des Schiffes sieht Elli ihren Bruder Bubi wieder. Sie, ihr Bruder und ihre Mutter begrüßen sich voller Freude. »Alle drei wiegen wir uns im Tanz der Wiedergeburt hin und her.« (S. 25) Bubi studiert, er will Rabbi werden. In New York treffen sie ihre vor den Nazis geflohenen Verwandten. Die meisten haben Angehörige zu beklagen, die ermordet wurden.

Elli bewundert die »Himmelskratzer«: »Ich stehe hier am Fuß des Empire State Buildings, und das Massengrab in Bergen-Belsen überdeckt alles mit seinem gewaltigen Schatten. Und für einen Moment verwandelt sich die Aufregung in Asche in meinem Mund.« (S. 42)

Livia Bitton-Jackson (Foto links, © privat, 1951, klick auf die Abbildung zum Vergrößern) schreibt offen über viele Freundschaften und manche Männerbekanntschaft. Da sie die Sitten vieler Amerikaner nicht kennt, gerät sie immer wieder in gefährliche und in komische Situationen. Erholung sucht sie in der Familie, vor allem bei den vielen Festlichkeiten, am Sabbat und zu den hohen Festtagen. Dabei erfährt sie bisher Unbekanntes über die Familie ihres Vaters. Später bekommen sie und ihre Mutter eine Wohnung in der Nähe der Synagoge: »Mazel tov! Auf ein neues Leben in Amerika!« (S. 177 ff)

Elli kommt zur Hilfsaktion »HIAS«. Die Buchhalterin erklärt: »Wir erhalten Spenden, um überall in Israel Bäume zu pflanzen … Die Leute pflanzen Bäume im Gedenken an Schulabschlüsse, Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und natürlich Todesfälle.« »Bei dem Wort Todesfälleklingt ihre Stimme so fröhlich, dass ich mich fragen muss, ob Todesfälle womöglich ein besonders gutes Geschäft sind.« (S. 96)

Ihre Mutter erkrankt an einem Tumor, Elli betet inständig um ihr Überleben. Ein befreundeter, viel älterer Arzt, in den sie sich verliebt hatte, hilft. Sie findet eine Schule, in der sie als Lehrerin arbeiten kann und bricht die Beziehung zu dem Arzt ab. Elli: »Ihre Liebe zu mir ist in Ihren Traum verpackt… Ich brauche die Freiheit, meinen eigenen Traum zu verfolgen. Ich brauche die Freiheit, wachsen zu können.« (S. 137 f)

Der Rabbi lädt Elli ein zu einem Sommerlager für Kinder. Als er ihre schockierte Miene bei dem Wort »Lager« sieht, erklärt er ihr, das sei ein hebräischsprachiges Feriencamp für Schulkinder in den Pocono Mountains in Pennsylvania. Der Wald um das Camp »umschließt die Lichtung und die Gebäude wie eine tiefgrüne Decke, wie ein Schutz vor der Bedrohung durch die Berge: die legendären Poconos, die sich grüßend nach vorne neigen.« (S. 192) Trotzdem fühlt sie sich fremd und einsam. Am Lagerfeuer, beim Singen und Musizieren lässt die Einsamkeit nach.

Wieder zuhause, besucht Elli den Vortrag eines Professors aus Jerusalem. Der Gastgeber interessiert sich für das frühe Christentum und die Essener. »Haben Sie gewusst, dass Jesus Essener war?« fragt er. (S. 217/18) Elli begegnet einem großgewachsenen, dunkelhäutigen Mann, der Hebräisch hören will und sich als Marokkaner zu erkennen gibt: David Bitton. »Mit wachsender Begeisterung lernen wir uns kennen und begeben uns quasi versuchsweise an den Start einer Beziehung.« (S. 225)

Bubi meint, seine Schwester könne die Berechtigung zum Hochschulstudium erwerben. Unerwartet bekommt sie von David neben einem neuen Gedicht ein Dokument überreicht. »Ich kann es gar nicht glauben. Ich habe ein Highschool-Diplom. Mein Pass für die Uni. Ich habe es geschafft, Papa! Ich weiß, dass es auch dein Traum war. Für mich bist du nicht verschwunden, Papa! Du bist für immer bei mir, für immer in mir. Aus geschlossenen Augen laufen mir die Tränen über die Wangen. Ich möchte, dass du stolz auf mich bist, Papa!«

So schließt Livia Bitton-Jackson ihre sehr lesenswerten Erinnerungen an ihr erstes Jahr in den Vereinigten Staaten.

Abbildung in Schwarz-Weiß (© DAH, 2010, klick auf das Foto zum Vergrößern): 2010 besuchte Livia Bitton-Jackson erstmals nach 65 Jahren Dachau. Sie schilderte eine Woche lang im Besucherzentrum des KZ und in Schulen ihre Erlebnisse. Sie sagte dazu der Süddeutschen Zeitung: »Ich habe in Dachau die neuen Deutschen kennengelernt. Von diesem Land wird kein Holocaust mehr ausgehen.« 2011 war Bitton-Jackson erneut in Dachau. Seit 1977 lebt sie in Israel, heute in Jerusalem.

Livia Bitton-Jackson – Hallo Amerika! Eine Reise in die Freiheit, 1. Auflage, 2019, übersetzt von Dieter Fuchs, 234 Seiten, Verlag Urachhaus, ISBN: 978-3-8251-5188-1

Lesen Sie hier die Rezensionen der Bücher »1000 Jahre habe ich gelebt« a3kultur.de/positionen/unbeirrbarer-ueberlebenswille und »Brücken der Hoffnung« a3kultur.de/positionen/bruecken.


www.urachhaus.de

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