Amore zeigt (Europa-)Flagge!

13. Oktober 2020 - 11:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Das Staatstheater Augsburg durfte am Samstag endlich seine mit Spannung erwartetete Neuinszenierung (Regie: André Bücker) der 1762 uraufgeführten Oper »Orfeo ed Euridice« von Christoph Willibald Gluck zeigen. VR-Brillen schickten die Zuschauer*innen auf »höllisch« berauschende Trips.

Schmerzlich vermisste man dagegen die (sichtbare) Präsenz der coronabedingt live aus dem Probenraum zugespielten Augsburger Philharmoniker unter der Leitung des Spezialisten für Alte Musik, Wolfgang Katschner. Stimmlich hochkarätig katapultierten Natalya Boeva (Orfeo) und Jihyun Cecilia Lee (Euridice) in den hinreißend orchestrierten und mit überwältigender Emphase interpretierten Arien die Hörer*innen durchaus in elysische Gefilde, in denen auch der Chor seine furiosen Momente nutzte.

Trautes Heim, Glück allein! Bücker ersann ein eher fragiles Happyend des bekannten Mythos,  zumindest aus der Sicht der beiden Protagonist*innen: Orfeo und seine mit leidenschaftlichem Klagegesang, Beharrlichkeit und Risikobereitschaft dem Schattendasein entrissene Gattin Euridice sind zu Marionetten degradiert. Fortan werden sie ihr immerwährendes Eheleben auf der heimischen Wohnzimmer-Couch fristen –  umgeben von Obdach- und Heimatlosen, die ihre Schlafmatten samt Hab und Gut flächendeckend ausgebreitet haben.

Die zuvor durchaus spektakulär ins Licht gesetzte Caravaggio-Ausstellung (Bühne: Jan Steigert), in deren Rahmen (wortwörtlich) Orfeo als Kunstliebhaber die Chance bekommt, seine Euridice erneut für sich zu gewinnen, ruft andere illustre Künstler*innen-Ikonen wie die Performance-Diva Marina Abramovic oder Jonathan Meese auf den Plan. Unmittelbar nach der geglückten Orpheus-Mission wird das Museum zum Ersatz-Flüchtlingslager umfunktioniert. Ganz in Schwarz wedelt Olena Sloja als durchgängig selbstverliebte und trickreiche Amore, die Orfeo auch zuvor fest im Griff hatte, halbherzig mit einer kleinen Europa-Flagge. Das Betrachten und der reine Genuss von (Opern)-Kunst und privaten Eheglücks werden in Zeiten von Moria und anderen humanitären Katastrophen also in Frage gestellt.

Nach 90 Minuten war allerdings auch die Aufnahme- und Wahrnehmungskapazität selbst von »geübten« ins Theater Gehenden ausgereizt. Gut, dass man angesichts der Corona-Auflagen direkt aus den martini-Parkreihen über den Notausgang in die frische Nachtluft geleitet wurde, um tief durchzuatmen und die Reizüberflutung, der man an diesem Premierenabend standhalten sollte, zu verdauen. Dazu trugen neben der Kostümgestaltung, bei der Lili Wanner etwas zu tief in den Farb- und Mustermixtopf griff, natürlich die gemischten visuellen Eindrücke drei VR-Fernreisen (in Summe ca. 25 Minuten) bei, in denen Marie Ulbricht ihre Guide-Funktion ebenso zuverlässig wie geistreich übernahm: Auf Kommando setzten die Zuschauer*innen ihre Brillen, die in Kisten unter den Sitzen lagen, auf. Zunächst ging es in die Unterwelt, man landete auf einem apokalyptisch anmutenden, fernöstlichen verorteten Vorplatz der Hölle, einzirkelt von Charakteren im finster-metallischen Einheitslook; dann kam der viel Schmunzeln auslösende Ausflug in die neongrell überzeichnete, laszive Wellness-Oase des Elysiums; am Ende warfen Amores magische Handschuhe alle Versatzstücke romantischer Landschaftsutopien in den digitalen Abfallkorb, um im Hygge-Stil das Heim der Liebenden einzurichten. Irgendwann aber verlor man dabei »Orfeo ed Euridice« aus den Augen bzw. dem Ohr. Nicht einfach, zwischen all dem Eintauchen ins Irreale seine Aufmerksamkeit dann rasch wieder auf das eigentliche musikalische und szenische Bühnengeschehen zu richten. Das Hirn eines bekennenden Nicht-Gamers war überstrapaziert, das Herz erfreute sich dann lieber analog an dem aberwitzig emotionalen Konflikt, den die göttliche Bedingung auslöst, dass Orpheus seine Geliebte nicht anschauen darf, egal wie sehr sie dadurch an seiner Liebe zweifelt.

www.staatstheater-augsburg.de/orfeo_ed_euridice

Foto, © Jan-Pieter Fuhr: Jihyun Cecilia Lee, Natalya Boeva

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