Anarcho-Sushi, pelzig, laut

3. Januar 2016 - 8:07 | Martin Schmidt

Das Schaltjahr 2016 beginnt mit bayerisch-japanischem Blues, melancholischem Krach und zartem Indiepop.

Jetzt haben wir den Salat: ein Schaltjahr! 366 statt 365! Ein Tag »2016« mehr, ein Tag mehr Musik. Der Januar startet schon mal mit Sasebos Nippon-Blues, luftigem Indie-Janglepop von The Golden Eaves und der Rückkehr der Rock-Melancholiker Pelzig.
Neues Jahr 2016! Was steht alles an? Der 100. Katholikentag in Leipzig, die 500-Jahrfeier des bayerischen Reinheitsgebots für Bier und die Eröffnung des längsten Eisenbahntunnels der Welt. Coole Mischung, könnte bunt und gut werden. Den Kolumnisten fasziniert das Bild von Bier trinkenden Katholiken, die feierlich einen Eisenbahntunnel durchschreiten – trotzdem ist bereits im Januar in Augsburg einiges geboten, was als gleichwertiges Faszinosum dagegenhalten kann.

Zum Beispiel allein schon die Bizarro-Blues-Band Sasebo. Die wirft mit bayerisch-japanischem Anarcho-Blues um sich, der Ry Cooder und Captain Beefheart gleichzeitig verarbeitet und Tom Waits mit Psychopharmaka gefüllte Sushi essen lässt. Dazu japanische Folksongs und Karaoke-Melodien der 70er – fertig ist das Happening am Freitag, 8. Januar, im Soho (20:30 bis 22:30 Uhr, danach: nochmals Party). Acht Mitglieder umfasst die Münchner Band, drei davon haben ihre Wurzeln in Japan. Tuba, Klarinette und Maultrommel kommen genauso zum Einsatz wie Singende Säge und japanische Percussion. Der Name Sasebo steht mit schrägem Humor für »sad sentimental boys«, aber natürlich heißt auch der wichtigste japanische militärische Marinestützpunkt Sasebo. Und da haben die Anarchisten wohl auch ihre Freude an der Konfrontation her.

Jetzt kommen wir zu normalen Menschen. Während der Kolumnist dies schreibt, fährt ein Truck vor, hält, zwei Typen steigen aus und laden drei klaviergroße Buchstaben von der Ladefläche: P, O und P. Pop ist ein Kraftfeld, wo in Augsburg Labelmacher Ronny Pinkau nicht weit sein kann, und tatsächlich wirft seine Musikfirma »Kleine Untergrund Schallplatten« die zweite Release-Show auf die grüne Wiese des Pop: Am Samstag, 23. Januar, wird die augsburg-kalifornische Band The Golden Eaves ihre erste Single »No other« veröffentlichen. Die Gruppe ist das neue Bandprojekt von Kenji Kitahama. Huch, schon wieder ein Japaner! Der in Augsburg lebende, aus Kalifornien stammende Musiker hat eine bis in die goldenen 90er-Jahre zurückreichende Fame-Geschichte als Sänger und Gitarrist bei Indiepop-Bands wie The Fairways, Skypark und Clay Hips. The Golden Eaves nun sporten feinsten Indiepop mit funkelnder Jangle-Gitarre und zartem Gesang. Beide Songs der auf 200 Exemplare limitierten Single »No other« wurden an nur einem Wochenende im Juni 2015 in Augsburg geschrieben und aufgenommen, zusammen mit den Augsburger Musikern Max Rossing (Bass, Steve Train and his Bad Habits) und Mark Frank (Schlagzeug und Produktion). Schöne Location für das Release-Konzert (mit DJs) wird das Lokalhelden im Bismarckviertel sein (Einlass: 20:30, Beginn: 21 Uhr).

Bei so viel japanischen Agitatoren scheint die Januarkolumne ganz im Zeichen der Nipponinsel zu stehen. Immerhin zählt Augsburg ja ganze zwei japanische Metropolen zu seinen Partnerstädten, Amagasaki und Nagahama. Lange hat der Kolumnist gegoogelt, ob auch die nächste Band vielleicht irgendetwas mit Japan zu tun hat – hätte ein schöner Hattrick werden können. Leider hat der entsprechende Herkunftsort Ingolstadt mit Japan sehr wenig zu tun, außer dass er in seinem Grundvibe bisweilen etwas an Post-Fukushima-Stimmung erinnert. Jetzt aber noch mal von vorn, damit die Schlagzeile besser steht: Die Band Pelzig (Ingolstadt/München) ist nach mehr als einer Dekade zurück – und das wird alle Weilheim-Kosmos-Fans freuen. Pelzig, vor 21 Jahren (!) gegründet, zeigen Personalüberschneidungen mit den Ingolstädtern Slut, und das kündet durchaus davon, dass sie melancholisch-klugen Indie präsentieren, dabei allerdings mehr als Slut auf der Seite von Rock, Postrock und Krach stehen. Am Samstag, 23. Januar, kommen Pelzig auf ihrer Tour zu ihrem neuen Album »Medium Cool World« nach Augsburg ins Soho. Produziert wurde die neue Platte von Pelzig-Gitarrist und BR-Zündfunkler Rainer Schaller. Einlass ab 20:00 Uhr, Vorgruppe sind die ebenfalls zurückgekehrten Klez.e (Berlin).

Hab ich jetzt mit »Post-Fukushima-Stimmung« Ingolstadt beleidigt? Wir klären das, am Samstag, 6. Februar, beim Spiel FCA gegen Ingolstadt. Oder eben beim Katholikentag in Leipzig.

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