Angekommen und angenommen

6. November 2019 - 10:24 | Renate Baumiller-Guggenberger

Optimierte Akustik im martini-Park und Gian Carlo Menottis »Der Konsul« als Herzstück: Operndirektor Daniel Herzog blickt zuversichtlich auf die Musiktheater-Spielzeit 2019/20.

Haben Sie es auch schon gehört? Zumindest wenn Sie bereits in der bemerkenswerten Neuinszenierung der »Ariadne auf Naxos« (Foto, Kritik unter: https://a3kultur.de/positionen/toene-toene-suesse-stimme) im martini-Park waren, sollte es Ihnen aufgefallen sein: Es klang anders, nämlich verdammt gut! Was also außer der glücklichen Fügung von cleverer Personenregie mit ausdrucksstarken Solisten samt dem überzeugenden Orchesterklang ist denn da nur geschehen in und mit der 620 Plätze fassenden Interimsspielstätte?

Endlich wieder Operette

Aufgeklärt werde ich im Gespräch mit Daniel Herzog, der sich sehr darüber freut, dass ihm in der dritten Spielzeit die Bürde des Betriebsdirektors genommen wurde und er sich ab sofort »nur noch« auf die vielfältigen künstlerischen Aufgaben als Operndirektor fokussieren kann. Neben einem griffigen Spielplan gehört dazu das Suchen und Finden von Regieteams, die offen genug sind, um sich auf die Limitierung der Interimskonditionen einzustellen, und gleichzeitig hinreichend Regiehandwerk mitbringen. Sein Hauptaugenmerk liegt seit je auf dem stimmigen Engagement seiner Sängerinnen und Sänger, deren musikalische Weiterentwicklung mit geeigneten Besetzungen, also der richtigen Stück- und Rollenauswahl, zu begleiten ist. Fein, wenn man unter anderem mit ARD-Preisträgerin Natalya Boeva aus dem Vollen schöpfen kann oder auch die mit präzisem Sopran und viel Bühnencharme auffallende Jihyun Cecilia Lee im Ensemble hat. Sie ist übrigens die ideale und in Augsburg recht jung besetzte Protagonistin für die Operette »Die lustige Witwe«, die uns das Warten aufs Fest versüßen wird – Premiere ist am 7. Dezember.

Herzog, der in Kassel geboren ist und in Trier, Dortmund, Darmstadt und zuletzt Kaiserslautern engagiert war, ist sich auch nicht zu schade, interessiertes Publikum an Samstagen über das Gelände des neuen Staatstheaters zu führen. Dieses ist mit allen Abteilungen nach der nervenaufreibenden Umzugsphase bei laufendem Theaterbetrieb – was in der Tat ein wenig an ein vollbrachtes Wunder grenzt und für den kreativen Pragmatismus des Teams spricht – jetzt komplett im martini-Park angekommen. Angekommen und angenommen? Ja, Herzog stimmt dieser Headline überzeugt und sichtlich zufrieden zu.

Optimierte Akustik

Doch zurück zur Akustik der Halle, die in Bezug auf die Erfordernisse eines transparent klingenden Operngenusses in der Startphase schwierig war, sodass das Orchester auch in Ermangelung eines echten Grabens zu mächtig oder das Sängervolumen zu dürftig für den Raum wirkte. Und weil die Problematik natürlich auch den Profis nicht entging, erfolgte bereits seit Dezember 2017 die Optimierung der Akustik in mehreren Schritten: Zunächst wurden sogenannte Klangkästen an den Wänden des Zuschauerraumes angebracht, um für die Stimmen und die Musik mehr Resonanz zu schaffen. Im März 2019 wurde die entscheidende und optimierende Maßnahme durchgeführt, indem 67 Klangsegel unter das große Deckenrohr kamen, die den Klang noch besser in den Zuschauerraum lenken – konkret über der Bühne, sodass die Sänger eine bessere Resonanz beim Gesang erzielen, und über dem Orchestergraben, sodass beispielsweise die Streicher, deren Klang nach oben strahlt, besser zu hören sind.

Damit sind aber auch wirklich alle Voraussetzungen für einen fortan ungetrübten Musiktheatergenuss gegeben (nur die Stühle könnten zugegebenermaßen bequemer sein). Das attraktive Spielplanangebot der aktuellen Saison wird mit diversen kleineren Formaten wie der
»(O)performance«-Serie bereichert, für die auch die erhöhte Foyerbühne genutzt wird. Dort überrascht man ab dem 19. Januar zudem mit der »Dinner-Revue«, bei der ein fünfgängiges Menü zur Theatershow nach einer Vorlage des poppig-jazzigen Songzyklus »Edges« serviert wird, womit Spiel, Kulinarik und Realität wohlschmeckend ineinanderfließen. Freuen darf man sich nach dem »Werther« im Vorjahr mit »Faust« (Premiere: 21. März) auf eine weitere Gounod-Oper. Da passt es doch bestens, dass Jochen Biganzoli, der für die Regie gewonnen werden konnte, im Jahr 2016 den renommierten »Faust«-Theaterpreis erhielt. Glucks Barockoper »Orfeo ed Euridice« (Premiere: 16. Mai) wird vom Hausherrn André Bücker inszeniert und ist mit seiner Sage um den Sänger Orpheus zudem der Ur-
mythos allen Musiktheaters – der Gesang erweicht die Götter und in Augsburg sicher auch die Herzen der Zuhörer.

Kammeroper im Ofenhaus

Oper in konzentrierter Form gibt es in der Kammeroper mit Philipp Glass, dessen dem Minimalismus zugeordnete Musik insbesondere von modernen Choreografen geschätzt wird. Mit Kafkas Vorlage führt »In die Strafkolonie« ab 10. Mai in die Brechtbühne im Ofenhaus. Die Erzählung aus dem Jahr 1919 passt bestens zum Spielzeitmotto (»Machtfrei«), verhandelt sie doch Themen wie Folter, Schuld und Systemzwänge. Mit Aileen Schneider wird dann bereits die dritte Regisseurin für das Musiktheater arbeiten – Chapeau! Denn auch die bereits 1950 in New York mit großer Resonanz uraufgeführte Oper »Der Konsul« wurde der in München geborenen Antje Schupp und damit einer derzeit international gefragten Theaterfrau anvertraut, die ihren Fokus auf politische Inhalte legt. Für Daniel Herzog ist diese Oper nicht nur sein ganz persönlicher Favorit, sondern sicher auch das politisch relevante »Herzstück« der Musiktheater-Spielzeit 2019/20.

Herzstück: »Der Konsul«

Der italoamerikanische Komponist und Regisseur Gian Carlo Menotti (1911–2007) zählt zu den Traditionalisten, seine Tonsprache und Melodiebildung ist in der Nachfolge Puccinis überaus kantabel, geizt nicht mit Effekten und ist in Summe überaus gefühlsbetont – also bestens hörbar! Das gilt auch für das spannende und verblüffend aktuelle Libretto, das Menotti damals den Pulitzerpreis in der Kategorie Musik einbrachte und heute das Spielzeitmotto sinnfällig reflektiert: John Sorel kämpft im Untergrund gegen den Staat und ist für seine politischen Überzeugungen bereit, seine Frau Magda und das gemeinsame Kind sowie seine Mutter zu verlassen. Magda will John ins Exil folgen und beantragt für sich und ihre Familie auf dem Konsulat die Ausreise. Zum Warten auf den Konsul verdammt, zerbricht Magdas Leben vor ihren Augen. Es kommt zu einem tragischen Unfall, bei dem das Kind stirbt. Überfordert von diesem zweiten Verlust, versucht Magda zunächst, die Realität zu verdrängen. Doch als sie schließlich erkennt, dass ihr Kampf mit der Bürokratie des Konsulats aussichtslos ist, muss sie eine Entscheidung treffen, in der es um Leben und Tod geht.

So plädiert Menottis Oper (in Augsburg in Englisch gesungen), zu der ihn ein Zeitungsbericht über den Selbstmord einer polnischen Emigrantin inspiriert hatte, theatralisch überzeugend für mehr Humanität und gegen den Aberwitz einer rigiden Bürokratie. Dass die facettenreichen Hauptrolle mit Sally du Rand ideal besetzt ist, steht zudem außer Frage. So warten wir gerne geduldig bis zur Premiere am 1. Februar 2020.

www.staatstheater-augsburg.de

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