Politik & Gesellschaft

»Angst um mein Land«

Dieter Ferdinand
29. Oktober 2020

Diese Veranstaltung des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben fand statt in Kooperation mit dem Bukowina-Institut, dem Lehrstuhl für neuere und neueste Geschichte der Uni Augsburg sowie dem Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.

Dr. Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums, begrüßte die Anwesenden und den Referenten Dr. Michael Mayer von der Akademie für Politische Bildung Tutzing zum 9. Beitrag der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust«.

Dr. Andrea Löw vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München berichtete in ihrer Einführung über das französische Judenstatut vom 3. Oktober 1940, das die Entlassung von Jüdinnen und Juden aus dem Verwaltungsdienst und der Armee und Berufsverbote für jüdische Rechtsanwälte und Mediziner sowie Kulturschaffende vorsah. Der Vortrag von Dr. Michael Mayer basiert auf seiner Dissertation zur antisemitischen Politik in NS-Deutschland und Vichy-Frankreich. Zugleich hat er im Rahmen der 16-bändigen Edition »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland« den Band zu Frankreich verantwortet. Dr. Andrea Löw wies auf zahlreiche Veröffentlichungen des Referenten hin und stellte seinen Werdegang dar.

Dr. Michael Mayer (Foto, © JMAS/Ilya Kotov, klick hier zum Vergrößern) erläuterte eingangs die Grundlagen des französischen Staates, der 1940 teilweise von deutschen Truppen besetzt worden war. Der Sitz der französischen Regierung war in Vichy in der unbesetzten Zone. Als »Held von Verdun« genoss der Staatschef, Marschall Philippe Pétain, die Zustimmung der Bevölkerung. Zudem war er aufgrund seiner Ernennung durch Staatspräsident Albert Lebrun legales Staatsoberhaupt. Er galt auch im Ausland als Führungsfigur, Vichy-Frankreich wurde auch von den USA diplomatisch anerkannt. Pétain konnte mit Hilfe von Ermächtigungsgesetzen regieren, die das französische Parlament verabschiedet hatte. Ziel der Regierung Pétain war eine umfassende Staatsreform, um so einen autoritären Staat zu errichten. »Zu dieser Staatsreform gehörte auch die Verfolgung der Juden, Kommunisten, Freimaurer, linken Republikaner, die bereits im Juni 1940, direkt nach Abschluss des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommens begann«, so Michael Mayer. Diese Menschen wurden verantwortlich gemacht für die französische Niederlage gegen Deutschland. Teil der französischen antisemitischen Politik war der Erlass des erwähnten Rassengesetzes vom 3. Oktober 1940. Diese Politik stieß in Frankreich auf Zustimmung und wurde etwa auch explizit von der katholischen Kirche unterstützt.

Die davon betroffenen jüdischen Bürger*innen waren hingegen schockiert, doch stießen sie bei den Franzosen und Französinnen auf weitgehendes Desinteresse.

Der französische Journalist Raymond-Raoul Lambert, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde, schrieb am 16. Oktober 1940 nach Erlass des französischen Rassengesetzes: »Der Rassismus ist zur Richtlinie des neuen Staates geworden. Welche Schande! (...) Ich habe Angst, nicht um mich, sondern um mein Land.«

Doch nicht nur die französische Regierung verfolgte die Jüdinnen und Juden. Auch die deutsche Besatzungsmacht war offen antisemitisch und erließ Verordnungen gegen jüdische Menschen in der besetzten Zone in Frankreich. Zudem wollten die Deutschen Treuhänder für jüdisches Eigentum in Frankreich einsetzen, da sie befürchteten, dass jüdische Unternehmen nicht für die deutsche Kriegswirtschaft produzieren würden. Die Franzosen sahen dies mit großer Sorge. Sie befürchteten, dass Deutschland wirtschaftlichen Einfluss in Frankreich erhalten könnte, wenn die Treuhänder jüdische Unternehmen an Deutsche verkaufen könnten. Darum setzte das französische Produktionsministerium eigene Treuhänder für jüdische Unternehmen ein. So konnten die deutschen Bestrebungen auf Kosten der Betroffenen verhindert werden.

Seit Frühjahr 1941 gab es Planungen, wie die Shoa in Frankreich (Abbildung: Karte 1941–1944, © Wikipedia, klick hier zum Vergrößern) umgesetzt werden sollte. Vorgesehen war die Deportation von 865.000 Jüdinnen und Juden. Zur Umsetzung der Maßnahmen wurde im März 1942 ein höherer SS- und Polizeiführer eingesetzt. Zu dessen Amtseinführung reiste auch der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, nach Paris. Dabei traf er sich mit dem französischen Polizeichef Bousquet. Diesem unterstanden die Internierungslager in Frankreich, wo vor allem ausländische Jüdinnen und Juden von der französischen Verwaltung, teilweise auf deutsche Anweisung, festgehalten wurden. Bousquet bat Heydrich darum, dass 10.000 ausländische und staatenlose jüdische Menschen aus den französischen Internierungslagern in der unbesetzten Zone von Deutschland deportiert würden. Heydrich sagte dies unter der Bedingung zu, dass die französische Polizei in der deutschen Besatzungszone in Frankreich weitere 10.000 Jüdinnen und Juden für die Deutschen verhafte.

Diese Massenverhaftungen fanden zwischen Juli und September 1942 statt. 21.000 ausländische und staatenlose Jüdinnen und Juden wurden mit Zügen und Bussen in das Internierungslager Drancy bei Paris gebracht, das als Zwischenstation vor dem Abtransport nach Osten diente (Foto, © Bundesarchiv, klick hier zum Vergrößern). Dort pferchte man sie zusammen. Kinder wurden von den Eltern getrennt und kamen in ein Kinderheim. Die Erwachsenen wurden später mit der französischen Staatsbahn abtransportiert und erst an der deutschen Reichsgrenze von den Deutschen übernommen. Die Deportationen erfolgten zumeist nach Auschwitz, wo die Menschen in der Regel sogleich ermordet wurden. Wenig später entschied der französische Ministerpräsident Pierre Laval, dass Kinder nicht von ihren Eltern getrennt leben sollten. Sie wurden deshalb ebenfalls deportiert. Für den Abtransport wurden von der französischen Regierung 700 Reichsmark pro Person an das Deutsche Reich gezahlt. Die deutsche Begründung: Frankreich habe die Ernährungskosten für die Deportierten eingespart.

Es gab in Frankreich aber nicht nur französische Kollaborateure und ihre Helfer. Insbesondere auf dem Land waren immer wieder einzelne Menschen bereit, unter Lebensgefahr jüdische Flüchtlinge zu verstecken. Doch profitierten viele Franzosen von jüdischem Eigentum; denn sie konnten sehr günstig Wohnungen oder Geschäfte erstehen. Nach dem Krieg wollte der Präsident der provisorischen französischen Regierung, Charles de Gaulle, beschlagnahmtes jüdisches Eigentum an die ehemaligen Besitzer zurückerstatten. Seine Berater teilten ihm aber mit, dass dies nicht möglich sei, da zu viele Franzosen jüdisches Eigentum besäßen und dieses nicht zurückgeben wollten. Erst in den 1990er-Jahren untersuchte eine Kommission die Frage der Enteignung jüdischen Eigentums.

Inzwischen gibt es in Frankreich etliche Erfahrungen mit einer Erinnerungskultur, an der sich auch viele Deutsche beteiligen. In den ehemaligen Lagern fanden etwa Gedenkfeiern mit französischen und deutschen Regierungsvertreter*innen statt.

Was seine Arbeit für ihn selbst bedeutet, erläuterte Dr. Michael Mayer: »Für mich bedeutet das französische Beispiel die ständige Warnung, dass die Shoa inmitten eines modernen Staates möglich bleibt und wir wachsam sein müssen.«

www.jmaugsburg.de

Foto oben: Pétain und Hitler in Montoire am 24. Oktober 1940, © Bundesarchiv/Wikimedia Commons, klick hier zum Vergrößern

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