Anmut der Renaissance

24. Juli 2018 - 7:15 | Iacov Grinberg

»Mythos, Macht und Menschlichkeit. Druckgrafik von Hendrik Goltzius aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau« im Schaezlerpalais

Rund 180 Blätter aus dem Bestand der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, welche die Kuratorin Julia Quandt ausgewählt hat, zeigen das vielseitige Schaffen von Hendrick Goltzius (1558–1617). Sein Name ist für Sie, lieber Leser, wie für die meisten einfachen Kunstliebhaber, kaum bekannt. Wir kennen nur eine Handvoll Namen der großen Künstler dieser Zeit, meistens Maler, die Ölbilder schafften. Kupferstecher, die ihre Bilder mittels Kupferstichen für ein breites Publikum zugänglich machten, kennen wir kaum. Obwohl eine Übertragung eines farbigen Bildes in eine andere, schwarz-weiße und wesentlich kleinere, eine künstlerische Überarbeitung des Bildes erforderte. Einige Kupferstecher schafften nur verkleinerte Kopien, andere, wie Goltzius, schafften in Wesentlichen eigenständige Werke. Auch seine Kopien tragen immer seine persönliche Handschrift, die sich u.a. durch die Betonung der Plastizität der Darstellung auszeichnet.

Kunstwissenschaftler erzählen Ihnen, dass er einer der prominentesten Kupferstecher des Manierismus war, einer Kunstform der Spätrenaissance. Er war damals so bekannt, dass er während seiner Italienreise in den Jahren 1590/91, inkognito reiste – aus dem Bedenken heraus, die Aufmerksamkeit von Freunden und Bewunderern könne seine künstlerischen Studien beeinträchtigen. Die Wissenschaftler erzählen Ihnen auch, dass Stiche in seinen Werken ungewöhnlich tief für seine Zeit sind, sie erklären das dadurch, dass die Finger seiner rechten Hand schwach waren und er Stiche mit Hilfe der Muskulatur der Oberarme machte. Und dass er nicht nur bekannte Bilder als Vorlagen für seine Werke nutzte, sondern auch oft seine eigene Zeichnungen. Dass er mit die ersten Stiche von Landschaften schuf. Bei der damaligen Ölmalerei, die nach Auftragen geschaffen wurde, war die Natur nur ein Hintergrund für Hauptfiguren. Bei den Landschaften von Goltzius ist die Natur das wichtigste, Figuren sind nur Staffage.

Es gibt noch viele weitere Informationen, die auf den Tafeln in den Sälen des Schaezlerpalais platziert sind, mich aber interessierten die Eindrücke des Publikums. Ein junger Besucher sagte mir, dass die ausgestellten Arbeiten als ein gewichtiges Argument im Streit, ob schwarz-weiß oder farbig ausdrucksstärker ist, dienen können. Eine ältere Dame erklärte, dass diese Ausstellung für sie wie eine Neuweihe dieser Säle wäre.

Das Gebäude wurde von einem talentierten Architekt gebaut und hat einen spürbaren Geist. Die moderne Kunst passt nicht immer dazu, die nun ausgestellte aber hundertprozentig. Diese Werke sind voll der Ästhetik der damaligen Zeit. Sie sind auch für uns sehr schön. Das sind die Werke, die von einem Ausgebildeten für andere Ausgebildete geschaffen wurden, nach dem Prinzip „sapienti sat est“ („es bedarf keiner weiteren Erklärung für den Eingeweihten“). Für kirchliche Szenen muss man die Vita der abgebildeten Heiligen kennen, für antike Götter muss man die griechische und römische Mythologie kennen. Die Werke sind voll mit Symbolen und Inschriften in Latein und Altgriechisch, ohne diese kann man diese Werke kaum verstehen.

Hier hat die Dame Recht. Aber auch für uns gibt es Hilfe. Zur Ausstellung ist einen Katalog erschienen, der umfangreichste Katalog von Goltzius, in dem alle Inschriften ins Deutsche übersetzt sind und der viele erklärende Materialien beinhaltet. Exemplare dieses Kataloges sind in allen Sälen ausgelegt und können Ihnen helfen, die ganze Schönheit und manchmal auch einen verborgenen Sinn dieser Werke zu verstehen. Ein Beispiel: Einige scheinbar einfache Gemüse, die Bauern auf einem Markt anbieten, wurden damals als erotische Symbole betrachtet.

Bewundern Sie diese Anmut der Renaissance, es lohnt sich unbedingt und ist noch bis 23. September möglich.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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