Ansichten aus dem Garten Eden

17. November 2019 - 12:36 | Iacov Grinberg

In der Ausstellung „Auf zum Paradies! Johann Elias Ridinger und sein Paradies-Zyklus“ zeigt der Grafische Kabinett nicht nur wunderbare Druckgrafiken, sondern auch, was in der Regel hinter den Kulissen bleibt: Druckplatten, ein Plattenvorentwurf und zahlreiche Vorzeichnungen.

Der Künstler Johann Elias Ridinger ist in der Ausstellung präsent – sowohl als Porträt (Öl auf Leinwand) und Radierung eines Schülers als auch als Selbstporträt. Auf diesem ist er beim Malen eines Bildes mit einem heute ungewöhnlichen Gegenstand zu sehen – einem Malstock. So nannte man einen Stock, auf den man seinen Arm stütze, um leichter feine Striche auf der Leinwand anzubringen.

Ridinger trägt die Kleidung eines vornehmen Bürgers. Das Schaffen einer Radierung erforderte dagegen eine Arbeitskleidung. Dieser aufwändige Prozess ist am Beispiel „Adam gibt Namen den Tieren“ illustriert. Zuerst sollte man eine Komposition der künftigen Radierung, einen Vorentwurf vorbereiten. Dieser wurde auf einem wesentlich größeren Blatt gemacht. Präsentiert werden Studien, auf denen er die richtige Position für den Arm Adams suchte. Danach folgte das Einritzen der Striche auf einer Kupferplatte und der Druckvorgang selbst, der ein speziell vorbereitetes Papier, spezielle Druckfarben und sehr viel „Fingerspitzengefühl“ erforderten. Im Anschluss sollte man die Druckplatte für den nächsten Druck vorbereiten – mit viel Terpentin und noch mehr Geschick. Auch heute benötigt der Abdruck einer so fein geritzten Kupferplatte fast eine Stunde intensiver Arbeit.

Nicht einfach war es auch mit den Kupferplatten. Ein Kupferblatt von ca. 3 mm Dicke wurde von Schmieden gefertigt, auf der Rückseite der ausgestellten Druckplatten sind die Spuren der Schmiede deutlich sichtbar. Kupfer war teuer: Bei solchen Materialkosten und dem Arbeitsaufwand konnte ein Künstler nicht etwas Beliebiges schaffen, sondern etwas, das dem zahlungsfähigen Publikum gefiel.

Die zwölf präsentierten Blätter Ridingers, die die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden verbildlichen, gehörten zweifelsohne zu diesen. Sie wurden in großer Zahl gedruckt. Und da die Qualität des Druckes mit jedem Abdruck abnahm, wurden einige durch Kolorierung „verbessert“. Die gezeigten gehören zu den Hochqualitativen. Ihre Popularität erklärt auch, warum diese Druckplatten erhalten blieben: Man wollte weitere Abdrucke machen.

In der Bibel ist die Geschichte von Adam und Eva und selbst vom Garten Eden mit wenigen Worten beschrieben, was die Fantasie der Künstler beflügelte. Meist wurden diese Szenen auf Adam und Eva konzentriert – mit Pflanzen und fast ohne Staffage. In der Variante von Ridinger sind Paradiesdarstellungen mit einer Vielzahl von seltenen, damals fast unbekannten exotischen Tieren dekoriert. Sie sind Paarweise dargestellt, Männchen und Weibchen, mit Ausnahme der „Bösewichte“ Krokodil und Nilpferd. Durch die dramatisch geschilderte Natur und die Lichtführung werden sie kommentierend in die Geschichte der Menschen im Garten Eden eingebunden. Eines der Blätter bezeugt, dass auch Tiere zusammen mit Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben wurden.

Die ausgestellten Arbeiten sind wirklich sehr schön, aber es gibt ein Problem – die Exponate sind nur schwach beleuchtet. Das sind Folgen eines schweren Kompromisses zwischen der Bequemlichkeit für die Betrachter und der Notwendigkeit, den sensiblen Exponaten keinen Schaden zuzufügen. Das zwingt mich, eine Frage zu stellen: Was sollte man dem breiten Publikum eigentlich zeigen?

Für die museale und wissenschaftliche Arbeit sind Originale unersetzbar. Aber sollten sie allen Besuchern gezeigt werden? Letztendlich sind die Bronzefiguren der Augsburger Zierbrunnen schon längst durch Kopien ersetzt. Die Originale, die Wind, Regen, Hitze und Hagel ertragen, aber nicht die Autoabgase, befinden sich im Maximilianmuseum. Letztendlich sollte das Schaffen eines Künstlers und nicht die Erfolge der konservatorischen Arbeit gezeigt werden. Ich verstehe, dass diese Frage sehr kontrovers ist, aber sie fordert, wenn nicht eine eindeutige Antwort, dann wenigstens eine Diskussion darüber. Das ist aber Zukunftsmusik, die Ausstellung selbst können Sie bis zum 2. Februar bewundern.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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