Ein Anstoß zum Denken

2. Oktober 2018 - 7:47 | Iacov Grinberg

Max Frischs »Biografie: Ein Spiel« im Sensemble Theater

»Biografie: Ein Spiel« gehört zu den selten aufgeführten Theaterstücken von Max Frisch. Es dreht sich um einen Monolog, den wir manchmal von anderen Menschen hören oder den wir noch öfter selbst aus einer schlechten Laune heraus aussprechen: »Damals habe ich einen Fehler gemacht. Hätte ich mich nur anders benommen (oder hätte ich mich anders entschieden), wäre ich jetzt nicht in dieser Schieflage. Wenn es doch nur möglich wäre, diesen Fehler zu beheben.«

Max Frisch gibt seinem Protagonisten die Möglichkeit, sein Leben durch die Veränderung der Vergangenheit neu auszurichten und beobachtet höhnisch, was dabei herauskommt: Sein Benehmen kann man verändern, sich selbst aber – wie im wirklichem Leben – nicht.

Für einen Regisseur ist »Biografie: Ein Spiel« nicht leicht zu inszenieren. Einerseits gibt es im Stück – im Unterschied zu anderen Theaterstücken Frischs – keine eindeutige Haltung des Autors. Der Regisseur soll selbst Akzente setzen. Andererseits stammt das Stück aus dem Jahr 1967. Damals wurden ein Paar ohne Trauung oder ein Seitensprung von der Gesellschaft viel negativer wahrgenommen. Die Tatsache, dass der Protagonist wegen seiner Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei seine Arbeit als Professor verliert, kann von einer jüngeren Generation, die mindestens die Hälfte des Premierenpublikums bildete, in ihrer Tiefe kaum verstanden werden. Für sie sind McCarthyismus, Berufsverbote und die Hexenjagd gegen Kommunisten in der BRD nur Seiten aus Geschichtslehrbüchern und keine menschlichen Schicksale. Der Regisseur muss das Stück für das heutige Publikum emotional verständlich machen.

Ausgerechnet das Thema des Antikommunismus hat mir die Möglichkeit geschenkt, »Biografie: Ein Spiel« noch in 1970er-Jahren in einem Provinztheater in der UdSSR zu sehen. Selbstanalyse war für die sowjetische Ideologie nur schädlich, der Kampf gegen Antikommunismus wurde jedoch begrüßt. Besonders, wenn sowjetische Zeitungen 1963 mit großer Empörung berichteten, dass in der BRD dieselben Richter, die in NS-Zeiten Menschen nach damaligen Gesetzen zum Tode verurteilten, jetzt einige der ehemaligen Widerstandskämpfer zu Haftstrafen verurteilen. Die lokalen Ideologiebehörden hatten dem Theater die Aufführung daher erlaubt. Es wurde in voller Länge gespielt, mit 30 Schauspielern und einer breiten mechanisierten Bühne. Das Problem, das Max Frisch herausstellte, wurde eher elegisch behandelt.

Die Inszenierung im Sensemble Theater basiert auf einer verkürzten Version mit nur sechs Figuren. Der dem Augsburger Publikum noch unbekannte Regisseur Philipp J. Neumann hat alles gemacht, um den Hauptgedanken des Stücks maximal deutlich und konvex zu präsentieren. Er selbst hat das Bühnenbild entworfen – eine Konstruktion mit vier Ebenen, die alle bespielt werden. Die Mises en Scène sind sehr gut durchdacht. Zusammen mit der Hauptfigur Hannes Kürmann (Heiko Dietz) und seiner Frau Antoinette Stein (Dörte Trauzeddel) agiert Spielleiter (Olaf Ude) auf der Bühne, der sich aktiv in das Geschehen einmischt. In der ursprünglichen Fassung handelte es sich hier um eine distanzierte Figur, wie Moiren in einer griechischen Tragödie. Ihm hilft der Assistent (Birger Linner), der nach Notwendigkeit verschiedene Figuren darstellt und der Handlung eine komische Note beimischt. Keinen der Darsteller sollte man hervorheben, sie bilden ein harmonisches Ensemble.

Das Bühnenbild, die Arbeit des Regisseurs, die Darsteller und die Ausstattung – alles verdient ein Prädikat »sehr gut«. Die emotionale Linie der Inszenierung ist ständig hoch und wackelt zum Ende des Stücks zwischen Drama und Posse, bis zum gänzlich unerwarteten Finale. Die Inszenierung, dank der Synergie all dieser Elemente, ist eindeutig gelungen.

Ich kann Ihnen empfehlen, lieber Leser, diese Inszenierung selbst anzuschauen und danach über den Inhalt des Stücks nachzudenken. Die Gespräche nach der Premiere und mit einigen Anwesenden an den nächsten Tagen haben gezeigt, dass das Theater seine Aufgabe – zum Denken anzustoßen – erfüllt hat. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und tiefe Gedanken!

Die nächsten Vorführungen: 20.10, 21.10, 26.10, 27.10, 02.11, 03.11, 10.11

www.sensemble.de

Weitere Positionen

die_noetige_folter__theater augsburg_foto_jan-pieter_fuhr_0388.jpg
23. Mai 2019 - 10:47 | Bettina Kohlen

Auch in dieser Spielzeit hat das Staatstheater Augsburg eine Uraufführung im Programm: Intendant Bücker inszeniert »Die nötige Folter« von Dietmar Dath.

22. Mai 2019 - 11:35 | Dieter Ferdinand

Als Kooperationspartner führt das Staatstheater Augsburg zum 1.000-jährigen Jubiläum von St. Moritz auf der Westchorbühne das Ein-Mann-Stück »Judas« von Lot Vekemans auf.

20. Mai 2019 - 9:39 | Renate Baumiller-Guggenberger

Isabelle Faust führt im Goldenen Saal mit sechs Partiten und Sonaten für Solo-Violine und dem sprechendem Klang ihres Barockbogens in Bachs musikalisches Universum.

19. Mai 2019 - 8:14 | Jürgen Kannler

Christian Hutter ist Geschäftsführer von Salz und Silber und Chef der ersten Online-Galerie, die sich rein auf Dokumentarfotografie spezialisiert hat. Ein Interview

17. Mai 2019 - 8:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit der Neueinspielung der »Missa Solemnis« von Leopold Mozart positioniert sich die Bayerische Kammerphilharmonie im LEO 300-Jubiläum.

15. Mai 2019 - 13:23 | Dieter Ferdinand

Rainer Diekmann legt eine lesenswerte Dokumentation über das Sanierungsgebiet Ulrichsviertel vor. Das diesjährige Ulrichsfest findet am 6. Juli statt.

15. Mai 2019 - 12:28 | Dieter Ferdinand

Mit dem Vortrag »Der Holocaust in der Ukraine« setzte das Bukowina-Institut am 9. Mai die mit dem Jüdischen Museum Augsburg-Schwaben veranstaltete Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« fort.

15. Mai 2019 - 9:27 | Renate Baumiller-Guggenberger

Haydns »Die Schöpfung« wird in Ev. Heilig Kreuz im Rahmen des Deutschen Mozartfests zum atemberaubenden Original-Klangerlebnis.

13. Mai 2019 - 10:27 | Sarvara Urunova

Unter dem Titel »Father and son« fand am 11. Mai die Eröffnung des Deutschen Mozartfestes im Kleinen Goldenen Saal statt.

12. Mai 2019 - 9:28 | Iacov Grinberg

Im Rahmen der Europawoche veranstaltete Anmesty International am 8. Mai einen Vortrag. Carl Wilhelm Macke, Mitarbeiter des Vereins Journalisten helfen Journalisten e.V., sprach über Pressefreiheit in Europa.