Arbeiten der radikalen Moderne

2. September 2018 - 14:34 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »No intention« (dtsch. »Keine Absicht«) im tim zeigt Arbeiten des aus Japan stammenden Künstlers Koho Mori-Newton.

Nach Worten des Hausherrn, Dr. Karl Borromäus Murr, vertreten diese Arbeiten eine »radikale Moderne«. Den Kern der Exposition bilden zahlreiche lange, bemalte Seidenbahnen, die der Künstler speziell für diese Ausstellung mit Hilfe einer Mischung aus Tusche und Sojamilch geschaffen hat und aus denen im großen Ausstellungsraum oben ein Labyrinth gestaltet wurde. Die Seidenbahnen sind lichtdurchlässig und bilden unter natürlichem Tageslicht und künstlichem Licht am Abend ein besonderes Licht- und Schattenspiel. Zudem werden Mori-Newtons Studien von geraden Linien und Punkten sowie von Linien, die auf der Oberfläche mäandern, und einige dreidimensionale Objekte gezeigt.

Der Künstler sagte, dass er beim Bemalen der Seidenbahnen keine Gestalten abbilden wollte und auch wenn einige Striche an japanische Hieroglyphen erinnern, sind dort keine Schriftzeichen präsent. Dass bei seinem Schaffen jedoch durchaus Absicht im Spiel war, kann man an der Aussage erkennen, dass er einige Bahnen, die seiner Meinung nach nicht in diese Ausstellung passten, einfach weggeworfen hat.

Das im tim Präsentierte ist nicht leicht zu verstehen. Der Künstler sprach davon, dass er dem Betrachter nichts aufdrängen möchte, jeder solle seine eigenen Assoziationen bilden, ganz so wie bei den Rohrschach-Klecksen. Im Unterschied zu diesen zufällig gebildeten Klecksen hat der Künstler in seine Bahnen aber etwas positioniert, das die Assoziationen des Betrachters in eine Richtung leitet, Gefühle oder Gedanken wecken soll.

Im Gleichklang mit diesem Wunsch haben diese Arbeiten bei mir einige Assoziationen, Gefühle und Gedanken geweckt, aber nur ganz oberflächliche, keine tiefen. Auch am nächsten Tag, nach dem Ausstellungsbesuch – manchmal erscheinen sie nach einer unterbewussten Verarbeitung des Gesehenen. Wir erwarten von Kunst, dass sie uns etwas Wesentliches sagt, uns tief in unserer Seele berührt. In einer Ausstellung gibt es in der Regel mindestens zwei, drei Arbeiten, die das tun. Für mich war interessant: Bin ich der einzige Kunstbanause, der die Tiefe dieser Art von Kunst nicht versteht?

Ich habe während der Vernissage mit einigen Anwesenden über das Ausgestellte gesprochen und bin häufig auf Naserümpfen gestoßen. Natürlich sind diese Gespräche keinesfalls repräsentativ. Die Frage aber, auch in einer allgemeinen Form, wie eine Ausstellung vom breiten Publikum wahrgenommen wird, sollte doch für Ausstellungsmacher, und nicht nur für sie, von Interesse sein. Um eine effektive Rückmeldung vom Publikum zu bekommen, sollte man eine Art Befragung durchführen. Nicht irgendeine Befragung, sondern eine wissenschaftlich vorbereitete und durchgeführte.

Eine Umfrage ohne wissenschaftliche Vorbereitung hatte ich bereits 2015 durchgeführt. Ich habe das Publikum der Ausstellung »Aufruhr in Augsburg. Deutsche Malerei der 1960er- bis 1980er-Jahre« in der Staatsgalerie Moderne Kunst im Glaspalast gebeten, die Bilder, die sie berührt haben, per E-Mail zu nennen (https://a3kultur.de/positionen/blick-nach-hinten). Die entsprechenden Infolätter wurden gedruckt und in der Galerie ausgelegt, hunderte von ihnen wurden von Ausstellungsbesuchern mitgenommen, aber ich habe in eineinhalb Jahren nur fünf E-Mails bekommen. Bis heute weiß ich nicht, ob diese Bilder die Menschen nicht berührt hatten oder ob ich die Umfrage falsch durchgeführt habe.

Die Vorbereitung einer Umfrage benötigt viel Zeit, bis zum Ende der Ausstellung »No intention« am 4. November wird dies kaum möglich. Ich bitte Sie mir doch per E-Mail an grinberg@freenet.de mitzuteilen, ob ich einer der wenigen bin, die diese Ausstellung mit großen Schwierigkeiten wahrnehmen, oder ich in einer größeren Gesellschaft bin. Über Ihre Meinung werde ich berichten.

www.timbayern.de

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