#ArtificialIntelligence

12. September 2017 - 10:19 | lab binaer

Das »Ars Electronica Festival« stand heuer unter dem Motto »Artificial Intelligence«. Das Augsburger Künstlerduo lab binaer, Benjamin Stechele und Martin Spengler, berichtet für a3kultur von seinem Besuch in Linz.

Was ist im Spannungsfeld zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft alles möglich? Diese Frage stellt das »Ars Electronica Festival« in Linz seit nunmehr 38 Jahren regelmäßig. Und obwohl dieser Ausgangspunkt nie geändert wurde, findet man seit jeher auf der »Ars«, wie das Festival von seinen Fans liebevoll genannt wird, Experimente, die den Eindruck erwecken, als seien sie von einer anderen Welt, oder zumindest einem Science-Fiction-Film entsprungen. Grund genug für uns, dem Ruf der Organisatoren Jahr für Jahr zu folgen und unsere Synapsen neu zu kalibrieren.

Das Leitthema dieses Jahr: »Artificial Intelligence«. Zugegebenermaßen auch für Digital Natives wie uns ein ziemliches Nerd-Thema, das aber trotz der Tatsache, dass es unseren technischen Horizont des öfteren überschreitet, mit einem unfassbar visionären Reiz behaftet ist. Artificial Intelligence bezeichnet Methoden, mit Rechnern der Denkweise eines menschlichen Gehirns möglichst nahe zu kommen, um hochkomplexe Aufgaben computergesteuert lösen zu können. Idealerweise können Maschinen so zum noch besseren Kooperationspartner des Menschen trainiert werden. Aber auch, wie manche vermuten, zum Konkurrenten und Feind mit eigener Intelligenz heranwachsen. Wie bei vielen anderen Innovationen auch, liegt es also in der Verantwortung der Gesellschaft, mit Potentialen und Gefahren der neuen Technologie verantwortungsvoll umzugehen.

Während das Leitthema in den Konferenzräumen der Festival-Zentrale, der sogenannten »POST CITY«, omnipräsent ist und aus verschiedensten Perspektiven ausführlich und durchaus auch kritisch beleuchtet wird, zeigen zahlreiche Künstler auf den verschiedensten Ausstellungsflächen, dass man auch mit weniger »Rocket Science« aktuelle Themen in zeitgenössische Kunstwerke übersetzen kann.

»Robot, Doing Nothing«, Emanuel Gollob und Johannes BraumannSo zum Beispiel die Arbeit »Robot, Doing Nothing« (Foto) von Emanuel Gollob und Johannes Braumann, die auf sehr ästhetische Art und Weise einen Kuka-Roboter unterfordern, indem sie diesen lediglich dazu abrichten, bunte Fäden gemütlich in einem Raum zu verwinden, um eine meditativ wirkende Geometrie-Animation zu generieren. Auf den ersten Blick eine blanke Provokation – doch bei genauerer Betrachtung die Untermauerung einer tiefsinnigen These von Gollob, der vorhersagt, dass Roboter irgendwann ihren Weg aus den Fabriken in die Wohnstätten finden werden, um die Menschen beim bewussten »Nichts-Tun« zu begleiten.

»Light Barrier 3rd edition« von Kimchi and Chips/Mimi Son und Elliot WoodsEine weitere Arbeit, die das kreative Potential der Szene verdeutlicht, ist »Light Barrier 3rd edition« (Foto)  von Kimchi and Chips/Mimi Son und Elliot Woods die eine wegweisende Auszeichnung beim Starts Prize 2017 im Bereich »Computer Animation/Film/VFX« erhielt. Wegweisend deswegen, weil die Ergebnisse in dieser Kategorie sonst ausschließlich digital erzeugt und auf Bildschirmen/Fernsehern mit angeschlossenen Kopfhörern präsentiert werden. Light Barrier hingegen ist eine Low-Tech Rauminstallation: Auf einer Hohlkehle ist eine zweidimensionale Matrix aus konkaven Spiegeln angebracht. Darüber befinden sich Videoprojektoren, die ein abstraktes, weißes Lichtspiel emittieren. Die Luft dazwischen ist mit künstlichem Nebel angereichert. So entstehen surreale Traumbilder, sowohl auf den Spiegeln, als auch im Korridor zwischen Spiegeln und Projektoren. Die in die Luft gezeichneten Bilder werden zudem durch ein sehr gefühlvolles Soundbett verstärkt.

»Asemic Language«, Takahiro Yamaguchi und So KannoNatürlich dient eine Veranstaltung wie die Ars aber auch dem Netzwerken. Anders als bei gewöhnlichen Netzwerkveranstaltungen, läuft das in Linz sehr ungezwungen und beiläufig ab. So lesen wir zum Beispiel auf Twitter, dass das Festival einen alten Bekannten um den halben Globus gelockt hat: Takahiro Yamaguchi, den wir im Rahmen des Projekts »defined by___« zur Frauen WM nach Augsburg kuratiert haben, ist mit einer Arbeit in der Post City vertreten. Schnell ist man mit dem Japaner zu einem Bier am Abend verabredet und erfährt aus erster Hand, wie aus einem damals noch relativ unbekannten Jung-Künstler mittlerweile ein international anerkannter, multimedialer Grenzgänger geworden ist. Seine Arbeit »Asemic Language« (Foto), die er in Zusammenarbeit mit So Kanno entwickelt hat, generiert mittels einer künstlich programmierten Intelligenz einen auf verschiedenen Schriftzeichen basierten Typographie-Hybriden. Dabei ist das Projekt vor allem auf Grund seiner sinnlichen Ästhetik und Symbolkraft für eine globalisierte Gesellschaft interessant. Denn lesbar sind die Zeichen, die der Algorithmus auf Basis handschriftlicher Dokumente von zehn internationalen Künstlern gestaltet hat, nicht. Zumindest nicht für uns Menschen.

An einem Abend wie diesem wird es nicht bei einem Bier bleiben: Denn das Festival wartet mit einem abwechslungsreichen Nachtprogramm auf, das einem mit mehr oder weniger experimentelle Akustik-Performances den Schlaf raubt. So kommt es jeden Morgen sehr gelegen, dass man den Tag erst einmal wieder mit einem großen Becher Kaffee bei einem weiteren Symposium beginnen darf.

Bei der Halbzeitbilanz sind sich die Besucher, mit denen wir uns unterhalten, einig: »Third day of Ars Electronica, head about to explode – still not seen everything.« Das Gefühl wird sich auch am fünften und letzten Tag nicht ändern.

Ein Gefühl, das uns spätestens im Zug zurück nach Augsburg nicht wieder los lässt, ist das Bedauern, dass Linz, eine ähnlich große Stadt wie Augsburg, in der Lage ist, über Jahrzehnte hinweg, ein weltweit anerkanntes Event zum Thema zeitgenössischer Medienkunst zu betreiben, während das Medienkunst-Festival »lab30« in Augsburg Jahr für Jahr als kaum beachtetes Nischen-Veranstaltung ums Überleben kämpfen muss. Was einem bei näherer Betrachtung auffällt ist, dass das Ars Electronica Festival in Linz es schafft, wissenschaftliche Spezialthemen mittels diversester Kunstprojekte an eine breite Bevölkerung zu vermitteln. Ganz zu schweigen von all den internationalen Kooperationen mit Technologie-Riesen, wie zum Beispiel »Intel« oder Forschungseinrichtungen, wie dem »MIT«. Wie schaffen die das? Die Leitmedien des Landes (ORF, der Standard, …) informieren schon im Vorfeld euphorisch über das Spektakel. Während dem fünftägigen Festival dient ein ehemaliges und derzeit leerstehendes Postverteilzentrum direkt neben dem Hauptbahnhof als primärer Anlaufpunkt für die Besucher. Zusätzlich gibt es zahlreiche Veranstaltungsorte, die sich über die ganze Stadt verteilen. Die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs ist mit dem Festival-Pass bereits bezahlt. Überall in der Stadt wird mit Wegweisern auf diese hingewiesen. Zahlreiche Gelegenheitsbesucher werden so auf das Angebot aufmerksam und man trifft neben Nerds und Hipstern viele Familien mit Kindern und Großeltern, die sich begeistert von Exponat zu Performance, zu Lecture, zu Konzert treiben lassen. Ein sehr kommerziell angehauchtes, diesmal von der Linz AG gesponsertes Hauptevent, die »Klangwolke«, findet immer samstags auf und über der Donau Stadt und lockt Tausende mit Volksfest-Stimmung.

Wenn das Festival vorbei ist, spielt das Thema in der Stadt immer noch eine große Rolle: Ein Museum, das »Ars Electronica Center« und das angeschlossene »Future Lab«, sowie eine Kunst-Universität mit eigenem Studiengang namens »Interface Culture« halten ganzjährig die Fahne hoch. So entstehen Kooperationen mit der freien Wirtschaft, werden neue Innovationen erforscht und junge Talente hervorgebracht. Ein umfassender und langfristiger Ansatz also, der sich nicht nur mit den punktuellen Einnamen im Tourismus-Sektor während der fünf Tage Festival zufrieden gibt. Viele der Komponenten haben wir in Augsburg bereits. Eine neue ist mit dem Innovationspark erst kürzlich dazu gekommen. Fehlt vielleicht nur noch eine weitere, die einen ähnlichen Nährboden wie in Linz bieten kann und Augsburg dabei hilft, seine Vision eines »Silicon Valley« mit einer interdisziplinär denkenden und handelnden Forscher-Generation Realität werden zu lassen?

Das nächste lab30 findet übrigens vom 26. bis 29. Oktober im Kulturhaus abraxas statt und wir empfehlen jedem Augsburger, sich hier inspirieren zu lassen!

www.lab30.de
www.aec.at

Benjamin Stechele und Martin Spengler betreiben das Augsburger Labor für Medienkunst »lab binaer«. Weitere Infos zu ihrer Arbeit gibt es online unter:
www.labbinaer.de

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